Am Ende der Sommerferien, genau vier Tage, bevor zwei Lehrerinnen und 19 Kinder auf das Umland verteilt werden sollen, fällt das Urteil: Herkersdorf darf seine Schule behalten. Die Meldung kommt morgens im Radio. Spontan versammeln sich die Schüler, ihre Eltern, Lehrer und Unterstützer vor der Schule. Sie feiern. Jetzt endlich, nach anderthalb Jahren Kampf, als viele schon nicht mehr gewagt hatten, zu hoffen, ist es auf einmal geschafft. Vorerst.

Hundert Grundschulen in Rheinland-Pfalz haben weniger als vier Klassen. Sie sind kleiner, als das Gesetz erlaubt. Im Frühjahr 2017 hat die Schulbehörde 41 von ihnen auf eine Liste gesetzt, sie sollten überprüft werden: Lohnt sich ihr Betrieb überhaupt? Schnell ist die Rede von einer "Schließungswelle". Die Kultusministerin Stefanie Hubig (SPD), so heißt es, hoffe, dass sie bis zu 20 Schulen abwickeln und mit dem eingesparten Geld und den frei werdenden Lehrern Löchern an den übrigen Schulen stopfen kann. Aber sollte das die Rechnung gewesen sein, so ging sie nicht auf: Die Zwergschulen wehrten sich.     

Erster Schultag in Lieg © privat

Aus dem ländlichen Raum verschwinden immer mehr Grundschulen, nicht nur in Rheinland-Pfalz. Doch gerade für strukturschwache Gegenden sind sie wichtig. Das betonen Bildungsexperten wie Kai Maaz vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung. "Die Schließung einer Schule ist Teil eines Teufelskreises", sagt er. "Die gesamte Struktur eines Standortes wird dadurch bedroht." Die Region werde unattraktiver für junge Familien und damit auch für Unternehmen. Kleine Schulen sind aber auch pädagogisch wichtig: Sie könnten besser mit den Herausforderungen der immer heterogener werdenden Schüler umgehen. 

Normalerweise geht es langsam zu Ende: Es melden sich weniger Schüler an, das Angebot wird schmaler, der Ausfall des Unterrichts immer schwerer zu ersetzen und dann, irgendwann, beantragt der Schulträger die Schließung. Genau das habe man in Rheinland-Pfalz verhindern wollen, sagt Bildungsministerin Stefanie Hubig. Und so kam das Ministerium auf die Idee, die Schulen anhand von Leitlinien zur Stellungnahme zu bitten.          

Die Widerständigen versammeln sich

Am Tag der Einschulung, am 9. August 2018, hat sich die Gemeinde in Lieg vor der Hunsrückhalle versammelt. Es gibt Limonade, Kuchen und Reden, von allem genug für alle. Gerade ist Ortsbürgermeister Heinz Zilles dran, kurzärmliges Karohemd, Schnauzbart. "Es hat sich gelohnt", sagt er ins Mikrofon. Die Menge applaudiert. Auf einem Transparent hinter Zilles steht die Gleichung, die die Kinder schon vor ihrem ersten Schultag gelernt haben: Schule = Herz von Lieg.       

Der Ort darf also sein Herz behalten. Das ist eine gute Nachricht für eine Gemeinde mit überschaubarer Infrastruktur: 400 Menschen leben hier. Es gibt eine Kneipe, einen Kindergarten, eine Bushaltestelle, eine Kirche, eine Grundschule und eben die Hunsrückhalle, Versammlungsort und Sporthalle in einem. Hier, in einem Regal an der Wand, befindet sich auch das Heimatmuseum: Das Lieger Grund- und Katasterbuch von 1785, daneben Funde einer römischen Siedlung in der Nähe des heutigen Friedhofs. Vielleicht kommt bald noch ein Dokument aus dem März 2017 dazu.