Sollen Schüler mehr oder gar keine Hausaufgaben machen? Profitieren vom Üben zu Hause vor allem die Kinder, deren Eltern ihnen dabei helfen? Oder umgekehrt die, die zu Hause kaum Anregungen bekommen, wie der Hamburger Schulsenator Ties Rabe vermutet, der kürzlich mehr Hausaufgaben für Hamburger Schülerinnen und Schüler forderte?

Klar ist jedenfalls, dass viele Eltern sich zuständig fühlen. In einer repräsentativen Forsa-Umfrage gaben 65 Prozent der Eltern an, dass sie ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen. 46 Prozent sind laut einer Studie im Auftrag vom Lernportal Duden Learnattack gestresst davon, den Lernalltag zu unterstützen.

So wusste Nadine Palazi selbst nicht, was ein Box-Plot ist. Doch als ihre Tochter sich bei den Mathematikhausaufgaben darüber den Kopf zerbrach, arbeitete sich die 37-Jährige in das Thema ein. "Der Lehrer wiederholt in der Schule vielleicht einmal, wenn die Klasse etwas nicht verstanden hat. Aber dann kommen die Kinder nach Hause und sind immer noch ratlos", sagt die vierfache Mutter. "Da können ja nur noch die Eltern helfen." Als die Kinder noch in der Grundschule waren, habe sie noch mehr geholfen als heute. "Viele Betriebe nehmen Leute ohne Abitur ja gar nicht mehr. Deshalb musste ich die Hausaufgaben ganz stark kontrollieren."

Dabei nutzen die Eltern ihren Kindern nicht unbedingt. Ein Team aus deutschen und Schweizer Forschenden beobachtete 1.700 Sechstklässlerinnen und Sechstklässler über ein Jahr lang und kam zu dem Ergebnis: Deutschnoten und Lesefähigkeit waren bei denjenigen, die häufig Hilfe von den Eltern bekamen, schlechter als bei selbstständig arbeitenden Kindern. "Wenn die Eltern zu stark eingreifen und kontrollieren, verlieren die Kinder die Motivation und bauen Ängste auf", sagt Elke Wild, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Bielefeld. Dann wirkten sich die Hausaufgaben negativ aus, sowohl auf das Lernverhalten als auch auf die Leistung. Deshalb gelte: "Eltern sollten sich inhaltlich am besten gar nicht einmischen, sondern das Kind selbstständig arbeiten lassen – auch wenn dabei Fehler entstehen."

Unfertige Arbeiten zeigen dem Lehrer, was wiederholt werden muss

Die Aufgabe, die Paulus für zu Hause bekommen hatte, schien für einen Erstklässler eigentlich angemessen: Zwei Reihen in seinem Heft sollte er mit dem Buchstaben A füllen. Nach einer halben Stunde hatte er aber nur die Hälfte erledigt. Seine Mutter Petra Honekamp sagt: "Es ist mir sehr schwer gefallen zu akzeptieren, dass er diese halb fertigen Zeilen abgibt." Dass es aber wenig brachte, den Sohn unter Druck zu setzen, merkte sie schnell: "Dann fängt er an zu weinen", sagt die 45-Jährige, "und ich merke: Jetzt war es zu viel."

Forscherin Wild erzählt, dass viele Eltern aus Angst vor schlechten Noten mitunter die fehlenden Teile selbst ergänzen. Ziel der Hausaufgaben sei es jedoch, Gelerntes zu wiederholen und zu festigen. "Nur wenn der Lehrer sieht, wo die Schwachstellen sind, kann er im Unterricht darauf eingehen." Eltern sollten die Kinder deshalb auch dazu ermutigen, immer wieder in der Schule nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Ansonsten sollten sie sich darauf beschränken, die richtige Atmosphäre zum Lernen zu schaffen. Einen Schreibtisch an einem ruhigen Ort. Stifte, Hefte und Bücher in Reichweite.

Einen ruhigen Arbeitsplatz einrichten und Zeitlimits setzen

Honekamp kaufte ihrem Sohn auch eine Stoppuhr. "So sollte er selbst im Blick behalten, wann es genug ist", sagt sie. Länger als eine halbe Stunde dürfen die Hausaufgaben nicht dauern, so lautete die Vorgabe der Klassenlehrerin.

Entsprechende Richtwerte geben auch die Bundesländer vor. In Nordrhein-Westfalen etwa gilt eine Staffelung: Hausaufgaben sollen für Erst- und Zweitklässler in 30, für Dritt- und Viertklässler in 45 Minuten zu schaffen sein. Auf der weiterführenden Schule erhöht sich der Umfang zunächst auf 60, später auf 75 Minuten, bis es dann in der Oberstufe keine fixen Regeln mehr gibt. Und sogar der Hamburger Schulsenator Rabe findet, dass die Dauer klar begrenzt werden muss. Elke Wild hält solche Anhaltspunkte für sinnvoll, um den Eltern mehr Sicherheit zu geben.