Dass sich Mädchen angeblich nicht für Naturwissenschaften interessieren, erfuhr Jess Wade erst spät in ihrem Leben. Sie besuchte eine reine Mädchenschule und dort behauptete niemand, Jungs seien besser in Mathe. Ihre Eltern, beide Ärzte, unterstützen das Interesse ihrer Tochter an Technik. Noch im Physikstudium machte Wade sich keine Gedanken. Erst als Doktorandin merkte sie auf einmal: Sie war die einzige Forscherin in ihrem Team. Sie war eine Minderheit.   

Eine Doktorarbeit bedeutet Isolation. Das auszuhalten, war hart genug, aber als Frau fühlte Wade sich besonders allein. Sie wurde unsicher, stellte sich Fragen: Wo sind eigentlich die anderen? Mache ich etwas falsch?        

Diesen Moment, sagt die promovierte Physikerin heute, wolle sie anderen Frauen ersparen. Es sei nämlich gar nicht so, dass Mädchen sich nicht für Naturwissenschaften interessierten. Sie würden nur durch Vorurteile daran gehindert.       

Wade will Mädchen Mut machen. Derzeit forscht sie als Postdoktorandin am Imperial College in London über Leuchtdioden – aber nebenher hat sie Schülerinnen schon in unzähligen Vorträgen erzählt, warum ihr Physik Spaß macht, was sie an der Arbeit von Ingenieuren fasziniert und warum Mathe spannend sein kann. Sie engagiert sich für die Kampagne WISE, die Frauen für die Ingenieurs- und Naturwissenschaften begeistern will, und im Netzwerk Stemettes, dessen Mitglieder das gleiche Ziel verfolgen. Im Austauschprogramm Hidden No More für Führungsfrauen mit technischer oder naturwissenschaftlicher Ausbildung, ins Leben gerufen vom Außenministerium der USA, repräsentierte sie das Vereinigte Königreich. Durch ihren Einsatz will sie Einstellungen verändern.

Selbstzweifel richten Schaden an

"Wir müssen die Stereotype loswerden", sagt Wade. Sie meint damit beispielsweise das Vorurteil, das Gehirn von Frauen sei einfach nicht für Naturwissenschaften und Mathematik gemacht. Die Idee ist verbreitet, vor allem, weil bislang viele Bemühungen gescheitert sind, Schülerinnen für die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu gewinnen. Das ist in Großbritannien genauso wie in Deutschland. Selbst Wissenschaftler fordern zuweilen, "die Mädchen doch mit Mathe in Ruhe" zu lassen.

"Das ist ein Mythos", sagt Wade. Sie sagt: Die Schülerinnen würden durch Vorurteile von Mitschülerinnen, Lehrern und Eltern entmutigt. Sie ist nicht die Einzige, die das so sieht. Die Ingenieursprofessorin Barbara Oakley, Autorin eines Buches über das Lernen, schrieb jüngst in der New York Times, Schülerinnen seien bis zu einem bestimmten Alter in Mathe genauso gut wie Schüler. Erst wenn sie anfingen, an sich selbst zu zweifeln, übten sie weniger. Erst dann würden ihre Leistungen schlechter. 

Studien aus Deutschland stützen die These. "Frauen studieren MINT-Fächer offenbar auch deshalb weitaus seltener als Männer, weil sie ihre mathematischen Fähigkeiten schon sehr früh in ihrer Schulzeit unterschätzen und deshalb Präferenzen für andere Fächer, meist Sprachen, entwickeln", sagt der Bildungsforscher Felix Weinhardt, der im vergangenen Jahr eine Studie für das Deutsche Institut für Wirtschaft durchgeführt hat. "Damit gehen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern im MINT-Bereich, die bereits vielfach beklagen, dass sie kaum noch Fachkräfte finden, womöglich viele talentierte Frauen verloren."

Wade will mehr Vielfalt in der Forschung

Die weiblichen Talente fehlen nicht nur in den Unternehmen, sondern auch in der Forschung. "Wenn wir mehr Frauen oder überhaupt mehr Vielfalt in der Forschung haben, haben wir mehr Perspektiven", sagt Wade. "Dann stellen wir auch andere Fragen. Und die Forschung wird schneller und besser." Ist sie eine Feministin? Wade überlegt kurz. "Wenn Feminismus bedeutet, dass alle die gleichen Chancen haben, dann ja."

Sie ist nicht die einzige Forscherin, die viel in einem naturwissenschaftlichen Fach erreicht hat – aber das Besondere an Wade ist: Sie will, dass auch andere Frauen, die Herausragendes leisten, die verdiente Aufmerksamkeit erhalten. Sie will Vorbilder schaffen für die Wissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen der Zukunft. Das ist Teil ihrer Mission.

An dieser arbeitet sie, zum Beispiel auf der SPIE-Konferenz in San Diego, wo vier Forscherinnen ausgezeichnet wurden: Die Computerwissenschaftlerin Laura Waller, die Blockchain-Spezialistin Misty Blowers, Elizabeth Hillmann, Professorin für biomedizinisches Ingenieurswesen, und die Dermatologin Tayyaba Hasan. Bis zur Konferenz hatten die vier noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag. Jess Wade hat das geändert. Denn bislang ist die Internetenzyklopedie von Männern dominiert: Männer verfassen die meisten Einträge über bedeutende Personen und meist befassen sie sich dabei mit anderen Männern. Jess Wade hingegen schreibt über die Frauen.

Wikipedia-Einträge über Forscherinnen

Mehr als 300 Einträge über Forscherinnen hat sie bereits verfasst, zum Beispiel den von Patricia Bath, die als erste afroamerikanische Frau ein medizinisches Patent für eine spezielle Augenbehandlung mit Laser bekommen hat, den von Eugenie Clark, eine Hai-Forscherin, die herausfand, dass Haie auch dann atmen können, wenn sie nicht schwimmen, oder den von Amy Parish, die nachgewiesen hat, dass Bonobos, unsere nächsten Verwandten, im Matriarchat leben, und die sagt: "Die Bonobos geben der menschlichen Feminismusbewegung Hoffnung."    

Ein Buch hat die Arbeit von Jess Wade stark geprägt: Inferior. How Science Got Women Wrong, 2017 erschienen, von Angela Saini verfasst. Saini demontiert darin die Ergebnisse der Gendergehirnforschung. Das habe ihr erst deutlich gemacht, wie extrem die Forschung daran mitgearbeitet habe, die Vorurteile gegenüber weiblichen Wissenschaftlern zu verfestigen, sagt Wade. Welche Vorurteile? Etwa, dass Frauen empathischer seien und Männer systematischer.

Ein Beispiel: In seinem Buch Vom ersten Tag anders aus dem Jahr 2004 veröffentlichte Simon Baron-Cohen eine Studie, die beweisen sollte, dass schon neugeborene Babys sich je nach Geschlecht unterschiedlich verhielten. In der Studie heißt es, dass die weiblichen Säuglinge sich mehr für menschliche Gesichter interessierten, während die männlichen Babys lieber ein Mobile betrachteten. Saini aber traf die Wissenschaftlerin, welche die Studie durchführte, und fand heraus, dass sie bei vielen der Babys vorher wusste, ob sie Jungen oder Mädchen waren. Die Ergebnisse seien also nicht neutral ermittelt worden und zudem habe sich ein Großteil der Kinder weder für Gesichter noch für Mobiles interessiert.           

"Versuch mehr zu schaffen, als du dir zutraust"

Jess Wade verbreitet die Botschaft von Inferior mit großem Einsatz. Kaum ein Bild von ihr auf Twitter, auf dem sie nicht das T-Shirt mit dem Buchcover trägt. Schülerinnen müssten es unbedingt lesen, sagt sie. Warum gerade dieses Buch? "Es ist unparteiisch", sagt Wade. "Angela Saini will weder alle Forscher widerlegen, noch will sie jeden Unterschied zwischen den Geschlechtern leugnen. Sie geht vor wie ein investigativer Reporter und untersucht jede einzelne Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass Frauen sich für bestimmte Denkweisen nicht eignen." 

Das Buch lege dar, wie Frauen seit Darwins Zeiten immer wieder durch wissenschaftliche Studien entmutigt worden seien. Saini zeige, wie spannend Forschung sein könne, und sie stelle große Forscherinnen vor. Wade befindet sich mit ihrem Lob übrigens in guter Gesellschaft: Die kanadische Autorin Margaret Atwood hat Inferior empfohlen, der Schauspieler Daniel Radcliff nennt es eines seiner Lieblingsbücher.

Sagt man nicht immer, Frauen seien schlecht im Netzwerken? Wade beweist, dass es auch anders geht. Auch auf ihrem Twitter-Account macht sie andere Frauen bekannt. Und sie tut alles dafür, dass es demnächst noch mehr berühmte Forscherinnen in Großbritannien gibt: 20.000 britische Pfund hat sie gesammelt, damit jede Schulbücherei in Großbritannien eine Ausgabe von Angela Sainis Buch führen kann. Ihr nächstes Ziel ist Kanada. Dann die USA. "Da dürfte es besonders schwer werden", sagt Wade. Aber kein Grund, sich entmutigen zu lassen. Das, sagt sie, sei ihr Motto: "Versuch mehr zu schaffen, als du dir zutraust."