Die Elternfrage: Unsere Tochter (8. Klasse, Gymnasium) soll im nächsten Schuljahr gleich zwei Quereinsteiger als Lehrer bekommen. Muss ich mir jetzt um ihre schulische Entwicklung Sorgen machen?

Gestatten Sie mir zunächst einen kurzen Wutausbruch. Mit dem gravierenden Lehrermangel, der sich zunehmend abzeichnet, haben uns die Kultusminister nämlich Unglaubliches eingebrockt. Die Pensionierungsquote der letzten Jahre war doch lange bekannt, und die Zahl der Kleinkinder hätte man bei den Herstellern von Babynahrung erfahren können. Nur dass zahlreiche Pädagogen vorzeitig den Dienst verlassen, etwa wegen der vielerorts verkorksten Inklusion, war vielleicht überraschend. Hegte man in den Amtsstuben etwa die Hoffnung, wegen der angekündigten Digitalisierung der Schulen müssten demnächst ohnehin nur noch halb so viele Lehrer wie bisher bezahlt werden? Von frühzeitiger und nachhaltiger Werbung für den wunderbaren Beruf des "Menschenbildners" jedenfalls keine vernünftige Spur.

Nun aber zu Ihrer Frage. Einmal abgesehen davon, dass die Alternative zu einem Quereinsteiger mittlerweile Unterrichtsausfall heißt – wie bei regulär ausgebildeten Pädagogen kommt es auf den individuellen Einzelnen an: Ob ein Lehrer junge Menschen in all ihren Hochs und Tiefs gern hat, wie fundiert und umfassend seine Fachkenntnisse sind, ob er den Stoff angemessen auf Schülerniveau transponieren kann, ob er über eine breite Palette an Erarbeitungsmethoden und Erklärungsvarianten verfügt, ob er Gruppen von Heranwachsenden souverän leiten kann, ob er bei Schwierigkeiten feinfühlig unterstützen und ermutigen kann. Nicht zuletzt: ob er für Feedback und Korrekturhinweise offen ist. Das alles ist nicht wenig.

Aber auch nach zwei Staatsexamen brauchen Lehrkräfte einige Jahre Alltagserfahrung, bis sich erste Sicherheit einstellt – und bis zu zehn Jahre sollte sich Zeit nehmen, wer wirklich gut werden möchte. Natürlich fehlen Quereinsteigern zunächst die Ersteindrücke aus den Studienpraktika sowie die Anregung und Kontrolle aus dem Referendariat. Und in der ersten Dienstzeit besteht tatsächlich die Gefahr, dass sie die Schüler überfordern – weil ihre Erklärungen nicht verständlich sind oder weil sie zu schnell voranschreiten.

Dieses Risiko fällt aber umso geringer aus, je älter die Schüler sind: Während es Kinder regelrecht verstören kann, wenn der Grundschullehrer den Erstleseunterricht falsch aufzieht, werden Jugendliche schon von selbst rebellisch, wenn eine Lehrkraft Funktionen und Gleichungen allzu abstrakt unterrichtet.

Es gibt überhaupt einige Pluspunkte bei Quereinsteigern, die man nicht unterschätzen sollte. Sie sind in der Regel gereiftere Persönlichkeiten, die sich von Pubertierenden nicht so schnell ein X für ein U vormachen lassen. Sie sind im Allgemeinen hochengagiert – sie haben nämlich eine hochgradig bewusste Berufsentscheidung getroffen. Und sie sind zumeist nicht antipädagogisch angekränkelt: Unterrichten ist für sie fraglos eine Führungsaufgabe und der verbreiteten Selbstlerneuphorie und Spaßorientierung stehen sie begründet skeptisch gegenüber.

Zwar könnte die Wissenschaft die Wirkung von Seiteneinsteigern noch genauer untersuchen. Aber man darf Positives erwarten. "Die sogenannten Fellows der gemeinnützigen Bildungsinitiative Teach First jedenfalls bringen mindestens die gleichen pädagogische Kenntnisse in den Unterricht ein wie Lehrkräfte im Referendariat", so ein Gutachten der Uni Duisburg. Und nach einer Auswertung von dem Bildungsforscher Rainer Dollase werden solche Fellows von Schulleitungen wie Schülern überdurchschnittlich gut beurteilt.

Im Übrigen ist jedem Quereinsteiger das zu wünschen, was auch staatlich examinierte Junglehrer neben guter Weiterbildung in den ersten Berufsjahren brauchen: viel unterstützende Begleitung durch Kollegen wie auch Eltern.