Bis 2025 fehlen bundesweit gut 200.000 Lehrer – aber schon heute ist der Lehrermangel in vielen Bundesländern dramatisch. In Berlin etwa konnten die meisten Lehrerstellen für das neue Schuljahr zwar besetzt werden, doch weniger als 40 Prozent der neu eingestellten Lehrerinnen und Lehrer haben ein Lehramtsstudium absolviert. In Grundschulen sind es sogar nur 30 Prozent. In Sachsen ist nur jede dritte neue Lehrkraft ein Quereinsteiger, aber dafür konnte das Land nicht alle Lehrerstellen besetzen. Deshalb müssen etwa Förderstunden und Zusatzangebote gestrichen werden und die Klassen werden größer.

Sachsen versucht nun Referendare mit Geldprämien aufs Land zu locken. Andere Ideen neben dem Einsatz von Quereinsteigern sind: Rentnerinnen und Rentner zurück in die Schulen holen, Lehramtsstudierende schon arbeiten lassen, Gymnasiallehrer in Grundschulen einsetzen.

Warum trifft es manche Bundesländer härter als andere? Was wird der Mangel für Folgen haben? Und wie können die Länder langfristig dafür sorgen, dass genügend gut ausgebildete Lehrer für die Kinder da sind? Der Erziehungswissenschaftler Peter Struck von der Universität Hamburg antwortet.

ZEIT ONLINE: Herr Struck, warum ist die Lage in Berlin, Sachsen und Sachsen-Anhalt so viel schlimmer als in anderen Bundesländern?

Peter Struck: Ein wichtiger Grund ist: Diese drei Länder verbeamten Lehrkräfte nicht. Dadurch verdienen die Lehrer dort weniger und sind schlechter abgesichert. Sie finden in anderen Bundesländern bessere Bedingungen. Sachsen hat allerdings angekündigt, das zu ändern. Besonders dramatisch ist die Situation in den Grundschulen, den Förderschulen und den beruflichen Schulen – weil Lehrer dort meist deutlich schlechter bezahlt werden. Die Gymnasien haben kaum Probleme.

Außerdem fehlen Lehrer vor allem auf dem Land. Das gilt allerdings auch für andere Bundesländer, etwa für Niedersachsen. In Hannover und Dresden wollen die jungen Lehrer nach dem Studium gerne leben, nicht aber in einem Dorf.

ZEIT ONLINE: Warum trifft das Problem dann die Hauptstadt?

Struck: Kein Bundesland gibt so wenig für Bildung aus wie Berlin. Wenn die Schulgebäude verrotten, möchte dort niemand arbeiten. Die Stadt hat zudem viele Problemviertel, deren Schulen schlecht ausgestattet sind. Unterrichten ist dort sehr anstrengend. Lehrer wurden in Berlin bislang zudem danach bezahlt, wo sie studiert haben, in welchem Teil der Stadt sie wohnen und in welcher Schulform sie arbeiten. Für die neu angestellten Lehrer gilt das zwar nicht mehr, die Gehälter der Grundschullehrer sind auf das Niveau der Sekundarschulen angehoben worden. Das bedeutet aber manchmal, dass der Schulleiter weniger verdient als der junge Kollege, der frisch von der Uni kommt. Das bringt schlechte Stimmung ins Kollegium.

ZEIT ONLINE: Sie bilden in Hamburg Lehrer an der Universität aus. Hier müssen die Schulen viel seltener  Quereinsteiger einstellen. Was hat die Stadt besser gemacht?

Struck: Hamburg verbeamtet Lehrer und zahlt neben Hessen die besten Gehälter. Für alle Schulformen gilt die Besoldungsstufe A13. Und natürlich lockt Hamburg wie alle großen Städte – außer Berlin – mit seiner Lebensqualität. Statt selbst genügend Lehrer und Lehrerinnen auszubilden, wirbt die Schulbehörde damit aktiv anderswo Absolventen ab – etwa in Kiel und Flensburg. Schwierig wird es nur in bestimmten Fächern, etwa in Musik. Hier fehlen die Lehrer überall, auch in Hamburg.

ZEIT ONLINE: Wird denn der Beruf für Studierende unattraktiver?

Struck: Im Gegenteil, wir beobachten, dass sehr viele Schulabgänger auf Lehramt studieren möchten, auch sehr gute Kandidaten. Schließlich ist es das einzige Studium, das einen sicheren Arbeitsplatz garantiert. Nur leider gibt es den Numerus clausus. In Hamburg liegt er in Fächern wie Deutsch, Englisch oder Politik bei 1,2. Dadurch gibt es trotz Lehrermangels zu wenige Studienplätze für zukünftige Pädagogen.

ZEIT ONLINE: Sie plädieren also für die Abschaffung des Numerus clausus? Wie sollen in Zukunft gute Lehrer ausgewählt werden?

Struck: Ja, die Qualität eines Lehrers hat nichts mit seinem Abiturschnitt zu tun. In Passau müssen die Abiturienten vor dem Beginn des ersten Semesters ein mehrwöchiges Praktikum in einer Schule absolvieren. Ein Seminarleiter sagt ihnen danach, ob sie für den Lehrerberuf geeignet sind oder nicht. Alle, die dann noch interessiert sind, sollten auch zugelassen werden.

Heute beginnen etwa 8.000 Abiturienten in Hamburg ein Lehramtsstudium. Ein Drittel von ihnen kommt nicht einmal bis zum Bachelor und noch weniger landen im Masterstudium, das für Lehrer verpflichtend ist. Viele merken erst im Schulpraktikum oder gar im Referendariat, dass sie gar nicht mit Kindern klarkommen. Außerdem sollten Lehramtsstudium und Lehrerpraxis vom selben Ministerium verantwortet werden.

ZEIT ONLINE: Warum?

Struck: Bayern handhabt es so. Weil dort die Ausbildung an die Praxis angepasst wird, schneidet das Land in den Schulstudien besser ab als andere Bundesländer, und es leidet auch weniger unter Lehrermangel. Bayerische Schulen sind besser ausgestattet als andere. In Hamburg hingegen arbeitet die Schulbehörde nicht mit der Wissenschaftsbehörde zusammen, die für das Studium verantwortlich ist. Es gibt hier Schulen, in denen 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben, und Schulen mit vielen verhaltensauffälligen Schülern. Aber entsprechende Fortbildungen etwa in interkulturellen Kompetenzen oder in der Inklusion sind im Studium nicht verpflichtend. Das Bachelorstudium ist bereits vollgestopft mit Pflichtveranstaltungen, sodass die Studierenden keine Kraft mehr haben, sich freiwillig zu spezialisieren. Das demotiviert zusätzlich, am Ende des Studiums wirklich Lehrer zu werden.