Die Tochter meiner Freundin ist neulich beim Frühstück in Tränen ausgebrochen. Ihre Mutter hatte sich Erdbeermarmelade aufs Brot geschmiert. Und die macht krank, das weiß ja jeder. Ihre Lehrerin hatte dem Mädchen erklärt, wie gefährlich gezuckerte Lebensmittel sind. Zucker sei überall, er verstecke sich nicht nur in der Schokolade, auch in der Limonade, in der Wurst, im Salatdressing. Am härtesten habe es die Erdbeermarmelade getroffen. Die bestehe im Prinzip nur aus Zucker.  

Als Mutter macht man bekanntermaßen alles falsch. Man stillt ein Kind zu lange oder zu kurz, man geht zu früh wieder arbeiten oder zu spät. Man mischt sich mit Tennistraining oder Klavierstunden zu viel ins freie Spielen ein oder man gibt zu wenig Anregungen. Jeder hat eine Meinung dazu, wie Kinder erzogen werden sollen. Nur eine Sache war lange Zeit unumstritten: Kinder brauchen Süßigkeiten.

Ich bin in den Achtzigern aufgewachsen, einer Zeit, als der Werthers-Echte-Opa und die Toffifee-Mutti im Werbefernsehen liefen. In der man ins Ost-Paket West-Schokolade packte. Wo man ein guter Vater war, wenn man den Kindern ein Eis kaufte. Die Zeiten sind vorbei. Süßigkeiten heißen jetzt Zucker. Und Zucker ist böse.

Zucker ist das Crystal Meth der Ernährungsbewussten. Vor 20 Jahren fürchteten Eltern den Drogendealer auf dem Pausenhof, heute erschaudern sie bei dem Gedanken daran, dass jemand Capri-Sonne im Ranzen haben könnte. Überall wird vor der Macht der Zuckerlobby gewarnt, vor den fatalen Folgen des Zuckerkonsums. Medienberichte über Zucker werden mit gestellten Fotos bebildert, auf denen sich Kinder den Zucker per Strohhalm reinziehen. Und die Panik hat auch die Schulen ergriffen. 

Kekse, Kuchen, Schokolade: verboten!

In der Schule meines Patenkindes in Berlin demonstrieren Eltern für die Abschaffung der Schulmilch. Zu viel Milchzucker. In der Grundschule meiner Freundin müssen die Eltern bei Einschulung einen Vertrag gegen Zucker unterzeichnen. Im Ernst. Die Eltern bekommen Merkblätter, in denen steht, was die Kinder unter gar keinen Umständen mit in die Schule bringen dürfen: Kekse, Kuchen, Schokolade, all die offensichtlichen Sachen. Aber auch ein paar, auf die man nicht von selbst gekommen wäre: Saft, zum Beispiel, der darf nur im absoluten Notfall in homöopathischen Dosen dem Trinkwasser zugefügt werden. Oder eben Marmelade. Und falls jemand besonders schlau sein will: Nein, auch Pflaumenmus und Früchtegelee sind explizit verboten, sie dürfen nicht mal aufs Dinkel-Chiasamen-Pausenbrot. Bei jedem Ausflug, jeder Klassenfahrt muss diese Erklärung neu von den Eltern unterschrieben werden.

Es gibt reale Gefahren an Schulen und Konzepte, um Kinder zu schützen: Es gibt Bildungseinrichtungen, die sind erklärtermaßen gegen Rassismus. Andere beteiligen sich an einer Initiative gegen sexuelle Gewalt. Und nun es gibt Schulen gegen Zucker. Ähnlich wie bei den Neonazis und dem Missbrauch wird es demnächst sicher Wettbewerbe geben, die sich des Themas annehmen. Es wird Schulungsprogramme aus Landesmitteln und Urkunden vom Bundespräsidenten geben und sicher auch eine Plakette im Eingangsbereich: "Wir sind zuckerfrei."