Viele Juden fühlen sich nicht mehr sicher auf deutschen Straßen und in den Schulen. Sie fürchten Übergriffe und Mobbing. Aber Antisemitismus gibt es auch dort, wo Schüler überhaupt keinen oder kaum Kontakt mit Juden haben. Zwei Lehrer diskutieren hier über ihre Erfahrungen. Guillermo Pineiros unterrichtet an einer Gesamtschule in Essen, in einem Stadtteil, der für seine starke rechte Szene bekannt ist. Florian Beer ist Lehrer an einem Abendgymnasium im Ruhrgebiet. Unter seinen Schülern sind viele mit Migrationshintergrund. Beide Lehrer sind immer wieder mit antisemitischen Äußerungen konfrontiert.

ZEIT ONLINE: Herr Beer, in welcher Form begegnet Ihnen Antisemitismus auf dem Schulhof und in den Klassenzimmern?

Florian Beer (40) ist Lehrer für Geschichte und Pädagogik an einem Abendgymnasium im Ruhrgebiet. Etwa 50 Prozent der Schüler haben dort einen Migrationshintergrund, viele davon sind Muslime. Beer ist mit einer jüdischen Frau verheiratet und engagiert sich mit Projekten gegen Antisemitismus an der Schule und über die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). © Julia Sellmann für ZEIT ONLINE

Florian Beer: Zumindest die klassische Holocaustleugnung gibt es bei uns nicht. Den Schülern ist völlig klar: Das ist ein No-Go und eine Straftat. Trotzdem äußern Schüler sich antisemitisch. Vor allem die Jugendlichen mit Wurzeln aus dem Nahen Osten beziehen sich dabei aber eher auf den palästinensisch-israelischen Konflikt.

ZEIT ONLINE: Wie zeigt sich das?

Beer: Das zeigen Schmierereien an den Wänden oder Äußerungen wie: "Was die Deutschen damals den Juden angetan haben, das tun heute die Juden den Palästinensern an." Manche sprechen vom "Freiluft-KZ Gaza". Oder sagen so etwas wie "Hitler ist ein guter Mann, weil er die Juden umgebracht hat." Sie wissen oft wenig über den Holocaust. Außerdem weigern sich manche Schüler, bei einem Synagogenbesuch die Kippa aufzusetzen.

ZEIT ONLINE: Herr Pineiro, Ihre Schüler sind zum Teil deutlich jünger und in Ihrem Stadtteil erstarkten in den letzten Jahren rechte Gruppen. Was machen Sie für Erfahrungen?

Guillermo Pineiro: Die meisten meiner Schüler beschäftigen sich nicht mit Israel oder dem Nahostkonflikt. Aber einige verwenden das Wort Jude als Beleidigung. Ein Jude ist für sie das Andere, das Seltsame, das sie nicht kennen. Die Äußerungen haben einen diffusen Bezug zur Nazizeit. Die Schüler kennen meist gar keine Menschen jüdischen Glaubens.

Beer: Geben sich jüdische Schüler bei euch an der Schule zu erkennen?

Pineiro: Ich bin seit 15 Jahren an der Schule und weiß von genau einem jüdischen Schüler.

Beer: Ich habe von einem Schüler an einem Gymnasium gehört, den der Lehrer im Unterricht aufgerufen haben soll: Er sei doch Jude, er könne doch mal ein Referat zum Holocaust halten. Der Lehrer sprach also erst vor allen Mitschülern von der Religion des Schülers und dann reduzierte er ihn auch noch auf die Rolle des Holocaustexperten. Da würde ich mir auch überlegen: Soll ich wirklich sagen, dass ich Jude bin?

Guillermo Pineiro, 45, unterrichtet Deutsch, Spanisch und Technik an einer Gesamtschule in Essen. Seine Schule liegt in einem Stadtteil, der für seine starke rechte Szene bekannt ist. Er holt junge Juden in seine Klassen, die von ihrem Leben und Glauben erzählen. Das Projekt heißt Rent a Jew. © Julia Sellmann für ZEIT ONLINE

Pineiro: Der jüdische Junge an meiner Schule wurde damals von zwei 16- oder 17-jährigen Jungs mit rechtsradikalen, antisemitischen Sprüchen beschimpft. Sie haben zum Beispiel nach dem Sportunterricht an der Dusche geklopft, in der er stand, und irgendetwas mit "Gas" gerufen. Bis dahin dachte ich: Wir haben hier zwar im Stadtteil rechte Gruppierungen, aber Antisemitismus gibt es doch nicht an meiner Schule!

Beer: Aus jüdischen Gemeinden höre ich, dass sich viele Jugendliche gar nicht mehr trauen, die Kippa auf der Straße aufzusetzen. Oder sie verdecken sie auf dem Heimweg mit einem Basecap. Die Angst vor körperlichen Angriffen hat zugenommen.