Wenn ein Vater mehr schlägt als umarmt, mehr schreit als bespricht, macht er es seinen Kindern sehr schwer, ein gesundes Selbst zu entwickeln. Einige meiner Schüler werden von solchen Vätern erzogen. Gewalt in der Familie betrifft Mädchen und Jungen gleichermaßen, aber die Bewältigungsmechanismen sind oft unterschiedlich. Häufig sind es die Jungen, die auffällig oder gar selbst gewalttätig werden. Um ihr Privatleben zu schützen, möchte ich hier aus meinem eigenen Leben erzählen, stellvertretend für diese Jungs, die wir schnell als Problemkinder brandmarken.

Fast alles, was ich über meinen eigenen Vater weiß, habe ich aus Erzählungen Dritter. In Afghanistan, und bevor die Flucht sein Leben radikal veränderte, schien er ein großzügiger, freundlicher Mann gewesen zu sein, mit gutem Ruf und eigener Arztpraxis. Diesen Menschen habe ich nie kennengelernt. Der Mann, der mich die erste Hälfte meines Lebens begleitete, war schweigsam, wütend oder desinteressiert. Deutsch sprach er nie gut, und auch sonst fand er keine Anknüpfungspunkte an das hiesige Leben. In der Klinik, in der er arbeitete, wurde er von Kollegen gemobbt und als Neger beschimpft. Aber das habe ich erst Jahre später herausgefunden, als die Gründe für sein Verhalten für mich schon nicht mehr wichtig waren. Weil er Arzt war, vermuteten jedoch Nachbarn und Kollegen, wir lebten in einer heilen Welt.

Ich funktionierte nie, wie mein Vater sich das wünschte. Gute Noten waren ihm wichtig, die hatte ich selten. Er war überzeugt, wenn er mich demütigte, würde ich vom Defizitwesen zum Menschen. Ich versteckte die schlechten Schularbeiten, wusste aber, dass mein Vater sie bei seinen regelmäßigen Durchsuchungen jedes Mal entdeckte.

Ich erinnere mich an Schläge mit der offenen Hand, mit Kabeln, mit Stöcken, mit der Faust in den Magen und daran, wie er mich an den Haaren zog. Er schickte mich hinaus, um mir den Stock für seine Schläge selbst auszusuchen. Er schlug nie im Affekt. Die Gewalt war kalkuliert. Ich sehe mich in der Erinnerung stets von oben, als wäre ich unbeteiligter Dritter und nur Zeuge der Gewalt, die mir widerfuhr.

Gewalt macht Jungen empfänglich für radikale Ideologien

Lange trug ich die Folgen dieser Erziehung in mir. Die Ohnmacht, die ich fühlte, machte mich wütend. Draußen löste ich meine Probleme bald selbst mit Gewalt. Ich verlor die Kontrolle bei kleinen Streitigkeiten und ich genoss es, endlich selbst der Stärkere zu sein. Gewalt schien mir doch eine Lösung zu sein. Denn als Täter fühlte ich mich erst einmal besser. Aber der vermeintliche Respekt meiner Mitschüler basierte auf Angst und Abneigung.

Geschlagene Söhne entkommen dem System der Gewalt selten. Sie wollen kein Opfer mehr sein und wechseln deshalb die Rollen. Sie sind auch besonders empfänglich für Prophetennachahmer und nationalistische Führer. Diese Vaterersatzfiguren versprechen den geschlagenen Söhnen, dass ihr geschundenes Ich in einem starken imaginierten Kollektiv aufgeht, wahlweise im Volk oder der Ummah. Auf diesem Acker gedeihen Nationalismus und Islamismus.