Ein tolles Aufregerthema ist die Schreiblernmethode Schreiben nach Gehör, die wissenschaftlich Lesen durch Schreiben heißt. Viele irritierte Eltern und konservative Lehrerverbände machen sie dafür verantwortlich, dass Grundschulkinder schlecht in Rechtschreibung sind. Die Methode funktioniert mit einer Anlauttabelle, aus der sich die Kinder die Buchstaben zusammensuchen sollen, die sie brauchen, um ein Wort zu schreiben. Dabei machen sie ständig Fehler. Sollen sie beispielsweise "Vater" schreiben, stoßen sie in der Tabelle neben dem Buchstaben F auf ein Bild eines Fahrrads und erkennen: Fahrrad klingt am Anfang so wie Vater, also schreiben sie "Fata" statt "Vater". Das kommt oft vor und ist in der Methode vorgesehen. Erst kommt das Ausprobieren, die Rechtschreibung ist später dran.

Jetzt bekommen die Kritikerinnen und Kritiker Rückenwind von einer Studie, die geprüft hat, welche Lernmethode am ehesten zu guter Rechtschreibung führt: Es ist die gute alte Fibel, mit der die Rechtschreibung Schritt für Schritt gepaukt wird. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) fordert Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen – und viele stimmen ein. Etwa der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, der fordert, die umstrittene Schreiblernmethode zu beenden, um "möglichst schnell weiteren Schaden von unseren Grundschulkindern abzuwenden".

Es ist immer verlockend, eine einfache Lösung für komplexe Probleme zu präsentieren. Wer immer wieder Tonne, Tanne, Tasse schreibt, weiß irgendwann, wo die doppelten Konsonanten stehen – nur dass die Hälfte der Klasse sich schrecklich langweilt.

Leider hat die Studie nämlich nicht danach gefragt, welche Methode Lust auf Schreiben und Lesen macht. Auch nicht danach, wer später Texte besser versteht und sich schriftlich frei ausdrücken kann. Ja, vielleicht wurde eine Zeit lang Rechtschreibung nicht ernst genug genommen. Aber wie viel Kreativität würde wieder verloren gehen, wenn man die Zeit zurückdreht? Wenn nur noch gepaukt und nicht mehr ausprobiert wird? Wer weiß das?

Die Methode wird nur noch selten dogmatisch angewandt

Außerdem kommt die Studie zu spät, denn die Schreiben-nach-Gehör-Methode wird nur noch selten dogmatisch angewandt. An manchen Schulen durften Lehrerinnen und Eltern bei deren Einführung den Schülerinnen und Schülern bis zum Ende der zweiten Klasse nicht verraten, dass die Wörter eigentlich anders geschrieben werden – um die Kinder nicht zu demotivieren. Viele Kinder haben zwar irgendwann auch ohne Hilfe richtig geschrieben, andere aber nicht. Sie hätten konkrete Hilfe gebraucht, um Rechtschreibstrukturen zu erkennen und anzuwenden. 

Diese dogmatische Lehrweise gibt es nach Einschätzung vieler Experten kaum noch. Viele Lehrer lassen die Kinder zwar erst frei schreiben, geben ihnen aber sehr schnell Hinweise, wie ein Wort richtig aussieht. Sie kombinieren mehrere Methoden, so wie sie meinen, dass es für ihre Schüler am besten passt. In manchen Bundesländern wurde die Schreiben-nach-Gehör-Methode wieder abgeschafft, wie es viele der Kritikerinnen fordern. An vielen Schulen in Deutschland aber können die Pädagogen selbst entscheiden, welche Methoden sie anwenden.

Dabei stehen sie vor großen Herausforderungen. Immer mehr Grundschüler sind Migranten oder haben ausländische Wurzeln. Viele von ihnen können noch nicht gut Deutsch, wenn sie in die Schule kommen. Außerdem lernen inzwischen viele Kinder mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen in regulären Grundschulklassen, die früher an Förderschulen unterrichtet wurden. Migration und Inklusion sind wahrscheinlich die Hauptursachen für die schlechteren Leistungen in der Grundschule. Und nicht etwa die Vernachlässigung der Fibel.

Studien haben längst gezeigt: Auf die Methoden kommt es weniger an als auf engagierte Lehrer, die sich Zeit nehmen können für jedes einzelne Kind. Wer also mehr Übungen braucht, sollte auch mal in einer Fibel üben. Wer dabei schnell unterfordert ist, sollte frei schreiben dürfen. Individuelle Förderung, mehr Deutsch- und Förderunterricht – das hilft. Das aber lässt sich nicht so einfach einlösen. Da ist es einfacher, eben mal die Fibel für alle zu verordnen.