Nicole Schuster hat Angst. Und das ist ein Gefühl, das nicht zu ihr passt. Schuster ist eine Frau, die Verantwortung für andere übernimmt, die gerne und laut sagt, was sie denkt. Zumindest war das so, bis Nicole Schuster sich mit einer Aktion öffentlich gegen die AfD wandte. Seitdem wird sie bedroht. 

Menschen wünschen ihr in anonymen Nachrichten den Tod, andere lauern ihr vor ihrer Haustür auf und beschimpfen sie. An einem Abend bekam sie zehn unbestellte Pizzen geliefert, an einem anderen stand die Polizei vor ihrer Tür. Nachbarn hätten sie gerufen, weil sie laute Schreie gehört hätten, sagten die Beamten. Und Geräusche wie von einer Schusswaffe. Seitdem will Schuster nicht mehr öffentlich reden, ihr Name ist in diesem Text geändert. Zur Arbeit geht sie auch nicht, sie hat sich krankschreiben lassen.

Schuster vermutet, dass Unterstützerinnen und Unterstützer der AfD hinter dem Mobbing stecken. Beweisen kann sie es nicht. Doch es gibt vergleichbare Fälle, etwa der des Bloggers Schlecky Silberstein, der im September ein Satirevideo über die AfD gedreht hatte. Als Antwort darauf wurde zu Gewalt gegen ihn und seine Familie aufgerufen. Die Botschaft der Anhänger der Partei ist klar: Passt auf, was ihr sagt.

Auch Namen der Lehrer sollten veröffentlicht werden

Jetzt hat sich die AfD gleich einen ganzen Berufsstand vorgenommen: die Lehrer. Zu Beginn des neuen Schuljahres hat die AfD-Fraktion in Hamburg ein Onlineportal freigeschaltet und Schülerinnen sowie Eltern aufgerufen, dort AfD-feindliche Äußerungen oder Aktionen von Lehrern anzuzeigen. Die AfD in Berlin plant ein ähnliches Portal, die Landtagsfraktionen in Brandenburg, Bayern, Bremen, Sachsen und Sachsen-Anhalt wollen nachziehen. In Baden-Württemberg ging eine vergleichbare Webseite online, war kurz darauf aber bereits nicht mehr erreichbar. Anders als in Hamburg sollten hier auch die Namen der Lehrerinnen veröffentlicht werden.

Die AfD nennt ihre Aktion das Informationsportal Neutrale Schulen. Sie solle den freien Diskurs stärken. Nun haben einige Eltern und Lehrer Angst. Sie fragen sich, was ihnen passieren könnte, wenn sie sich kritisch zur AfD äußern. Der freie Diskurs wird also nicht gestärkt, sondern eher eingeschränkt. Auch wenn die AfD sagt, sie wolle die Demokratie fördern. 

Das passt zu ihrem selbst erteilten Auftrag, sich des vermeintlich besorgten, aber alleingelassenen Bürgers anzunehmen. Die Darstellung der AfD: Wir stellen uns schützend zwischen Bürger und Staat. Doch für den Fall, dass Lehrer ihre Schülerinnen und Schüler tatsächlich politisch indoktrinierten, gibt es bereits Stellen, an die Eltern sich wenden können: die Lehrenden selbst. Wenn Eltern und Schülerinnen im Gespräch mit dem Lehrer nicht weiterkommen, gibt es auch noch die Schulleitung und, wenn alles nichts hilft, die Schulaufsichtsbehörde.