Was eine Schülerin in der Schule leistet, hängt stark von ihrer Herkunft ab. Dieser Grundsatz bleibt bestehen, allen Bemühungen zum Trotz. Das belegten jüngst auch die Zahlen einer OECD-Studie. Wie kann man mehr Kindern die Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss ermöglichen? Wenn alle auf dieselbe Schule gehen, sagt der Berliner Lehrer Ryan Plocher.

Eigentlich wollte ich gar nicht Lehrer werden. Ich wollte einfach nur mal ins Ausland. Ich stamme aus den USA, aus einer kleinen Stadt in Georgia. Nach meinem Bachelor habe ich mich für eine Stelle als Fremdsprachenassistent in Nordrhein-Westfalen entschieden, in einer Gemeinschaftsschule. Da habe ich Lust auf den Job bekommen.

Meine Schule, die Fritz-Karsen-Schule in Berlin-Neukölln, ist legendär. 1948 gegründet war sie eine Musterschule in den Siebzigerjahren, als man an dem Konzept für Gesamtschulen arbeitete. Als ich studierte, habe ich hier ein Praktikum gemacht und sofort gedacht: Das ist die Schule, in der ich arbeiten möchte.

Auf dem Gymnasium geht es nur um Leistung, wer nicht passt, wird weggeschickt. Wir können in alle Richtungen fördern. Wir bieten alle Schulabschlüsse an und wir haben die notwendige Menge engagierter Eltern. Die Politik fragt immer: Wie können wir es schaffen, dass auch bildungsferne Kinder höhere Abschlüsse schaffen? Die Antwort ist: Wenn alle auf eine Gemeinschaftsschule gehen. Es gibt auch Untersuchungen, die das belegen.

Ryan Plocher, Lehrer an der ältesten staatlichen Gesamtschule in Deutschland © GEW BERLIN

Schülerinnen aus allen Schichten

Meine Klassen sind sehr heterogen. Ein Beispiel: In meiner neunten Klasse haben von 24 Schülern vier einen Förderstatus, zwölf wollen Abitur machen, die anderen acht werden je nach Fach auf dem Niveau von Haupt- oder Realschule unterrichtet. Das Konzept nennt man Lernen durch Lehren: Wenn ich jemandem helfe, etwas zu verstehen, dann begreife ich es selbst besser. Außerdem nutzt es der Entwicklung von sozialen Kompetenzen: Ich lerne mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ganz anders sind als ich. Die siebte und achte Klasse können die Hölle sein. Aber alle profitieren davon, dass sie zusammen lernen.

Ich unterrichte nach Ritualen. Die Stunde beginnt immer gleich. Das klingt vielleicht banal, aber am Anfang sage ich: Guten Tag, Neun-eins. Und die Schüler sagen: Guten Tag, Herr Plocher. Dann bitte ich die Schüler, ihre Materialien rauszuholen. Das ist der Moment, an dem man die Aufmerksamkeit der Ersten bereits wieder verliert. Dann schreibe ich den Ablauf der Stunde an die Tafel und hake die einzelnen Punkte ab, wenn wir sie erreicht haben. So wissen die Schüler, was wir geschafft haben, was wir noch vor uns haben, wie lange die Stunde noch dauert. Es hilft ihnen, sich zu konzentrieren.

Dieses System habe ich mit unserem Sonderpädagogen entwickelt. In meinem Studium wurde ich nicht darauf vorbereitet. Zum Beispiel die Inklusion. Das bedeutet, die Schüler sind immer alle da. Die lauten, die ruhigen, die, die nichts verstehen, und die, die längst mehr lernen wollen. Und ich bin der einzige Lehrer im Raum, ich muss auf alle eingehen.

Die Didaktik an meiner Schule ist eine totale Herausforderung. Ich muss alles aufbrechen. Das bedeutet sehr viel Vorbereitungszeit, auch am Wochenende. Es hilft mir sehr, dass wir im Kollegium zusammenhalten. Wir arbeiten in Teams.

Gemeinschaftsschule heißt nicht Schule für alle

In der neunten Klasse unterrichte ich das Thema Nationalsozialismus. Hitler geht immer, der interessiert die Schüler sehr. Allerdings muss ich dabei die politischen Verhältnisse im Elternhaus beachten. Sind die Schüler mit rechtsextremen Parolen aufgewachsen? Empfinden sie den Unterricht als persönlichen Angriff? Das kommt vor.

Aufgrund der unterschiedlichen Herkunft der Schüler sind auch ihre Kompetenzen sehr verschieden. Manche waren zum Beispiel noch nie in einem Museum. Wir machen aber viele Ausflüge, damit sich die Schülerinnen ihr Wissen selbst erarbeiten können, und auch, weil am Nachmittag die Konzentration nachlässt und es schwieriger ist, ruhig am Tisch zu sitzen und Texte zu lesen. Bevor wir aber beispielsweise eine Gedenkstätte besuchen, üben wir an einem etwas weniger sensiblen Ort, wie man sich benimmt. Glücklicherweise haben wir hier in der Nähe ein Museum über die Einwanderung protestantischer Flüchtlinge aus Böhmen. Es tut mir leid, wenn ich das so offen sage, aber das ist so langweilig, dass es sich hervorragend zum Üben eignet. Außer uns ist da nie jemand.

Weil es die Schüler so fasziniert, kann ich sie mit Hitler bei der Stange halten, wenn es um die für sie etwas weniger aufregenden Epochen der Geschichte geht. Zum Beispiel die Reichsgründung, die Kolonialgeschichte oder den Versailler Vertrag. Wenn die Aufmerksamkeit absinkt, dann sage ich: Das ist wichtig, ihr müsst das verstehen, das hat später die Machtergreifung ermöglicht.

Einstieg über Bilder

Gerade unterrichte ich das Grundgesetz. Mit Themen wie "Wer wählt den Bundespräsidenten?" muss man 15-Jährigen nicht kommen. Jedoch muss man die Verfassungsorgane und die Staatsprinzipien besprechen. Also diskutieren wir Artikel 14 Absatz 2, Eigentum verpflichtet. Was bedeutet das eigentlich?

Mein Ansatz hier ist: Kinder mögen Bäume. Es ist erstaunlich, aber Jugendliche aus allen Schichten kann man für den Umweltschutz begeistern. Und sie mögen Videos. Also habe ich mir als Beispiel für Artikel 14 den Hambacher Forst gewählt.

Ein Konzern besitzt einen Wald, er hat die Erlaubnis, Bäume zu fällen, um Kohle zu fördern. Aber Umweltschützer wollen den Wald bewahren. Sie bauen Baumhäuser, um die Bäume zu schützen. Jetzt kommt der Staat hinzu: also die Polizei, die in den Wald einrückt und die Leute im Interesse des Konzerns vertreibt. Das ist sehr anschaulich, es gibt viele Videos, auf denen Polizisten Demonstranten wegschleppen. Die Schüler schreien instinktiv: Die Kanzlerin muss Stopp sagen! Warum aber kann das Angela Merkel gar nicht? Und schon können sie das Subsidiaritätsprinzip verstehen.

In einer Klasse hat fast ein Drittel Förderstatus

Aber wir arbeiten unter zunehmend schwierigen Bedingungen: Vor vier Jahren hatten wir noch ein Kind mit Förderstatus pro Klasse, heute hat eine Kollegin sieben, eine andere acht Kinder mit Förderstatus. Die Verordnung gibt ein Maximum von vier vor, aber das wird immer überschritten, weil kaum Kinder mit Förderstatus an Gymnasien sind.

Kinder mit Mehrfachbenachteiligung brauchen viel Aufmerksamkeit und sehr viel Struktur, die von einer erwachsenen Person gegeben wird. Wenn ich zur ganzen Klasse etwas sage, kommt bei denen nicht unbedingt an, dass sie auch gemeint sind. Oft geht es gut. Dann nehmen sie einfach die Hefte raus, allein schon deswegen, weil die anderen es tun. Oder sie sind leise, weil es ihnen ein Mitschüler gesagt hat. In der neunten Klasse klappt das. Aber in der siebten noch nicht. Da haben Schülerinnen oft noch Ressentiments. Wenn sich einer, der zuhören will, gestört fühlt, dann schreit er schon mal den Störenden an: Halt die Klappe! Ich will etwas lernen. Diesen Schülern müssen wir beibringen: Wenn du jemanden anschreist, dann schreit er zurück. Das bringt nichts.

Unsere Schüler sind krass sozial

Wir sagen, wir sind eine Gemeinschaftsschule, die für alle da ist, aber das stimmt nicht in jedem Fall. Ich habe einen Schüler, der es häufig erst zur dritten Stunde schafft. Der Schüler geht gerne zur Schule, er sieht seine Freunde hier. Er nimmt auch gerne am Unterricht teil, aber nur an dem zwischen zehn und eins. Länger kann er sich nicht konzentrieren. Für diesen Schüler sind wir nicht die richtige Schulform – bei uns endet der Unterricht um 16 Uhr.

Wer bei uns die Mittelstufe erfolgreich abgeschlossen hat, der hat gelernt, sehr sozial zu sein. Unsere Oberstüfler können Gruppen leiten, sie können Teil einer Gruppe sein, sie können mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenarbeiten. Sie strahlen eine unfassbare Ruhe aus. Aber die mussten sie lernen, damit sie die Mittelstufe aushalten. Menschen, die selbst keine Ruhe projizieren, sondern die Ruhe von außen brauchen, die haben es schwer.

Unsere Schule liegt in Neukölln, im Ortsteil Britz, ein Facharbeiterbezirk. Wir sind bei 40 Prozent Lehrmittelbefreiung, also Familien, die Hartz IV erhalten oder Ähnliches. Um die 40 Prozent sind Kinder nicht deutscher Herkunftssprache. Das heißt hier in der Regel, ihre Muttersprache ist Türkisch, Arabisch, Russisch oder Polnisch.

Die Schulpolitik wird sich erst ändern, wenn alle den Wandel wollen.

Der Entwurf für unsere Schule stammt von Bruno Taut, er hat ein großartiges Gebäude geschaffen. Leider ist es wie so viele Schulen in Deutschland in einem sehr schlechten Zustand. In der Aula können 800 Menschen an einer Veranstaltung teilnehmen, theoretisch. Denn tatsächlich ist der Rang baufällig und es regnet durchs Dach. Unter der Aula liegen Werkstätten, wo Schüler den Umgang mit Holz und Metall erlernen können. Und eine Küche. Auch das nur theoretisch, denn seit einem Wasserrohrbruch sind die Räume nicht mehr nutzbar. Die Sanierung, die noch nicht mal angefangen hat, dürfte Jahre dauern. Unsere Schule hat einen Sanierungsstau von 18 Millionen Euro. Es wurde so viel kaputtgespart. Um das rückgängig zu machen, bräuchte man große Veränderungen. Zu denen ist der Berliner Senat nicht bereit. Er müsste darauf achten, wie Aufträge für die Reparaturen oder die Schulreinigung vergeben werden. Die wurde bei uns outgesourct an den billigsten. Deswegen sind die Schulen nicht sauber.

Die gesamte Regierung müsste den Wandel der Schule wollen, nur dann ist er auch möglich. Wenn nur jede Partei an ihre Schwerpunkte denkt, ändert sich nichts. Wenn die Krise am Gymnasium ankommt, dann wird hoffentlich endlich was passieren.