Eine Studie der Universität Bonn hat eine Diskussion über die  Methode "Lesen durch Schreiben" ausgelöst. Kinder, die mit einer klassischen Fibel Buchstaben und Wörter einüben, würden deutlich weniger Rechtschreibfehler machen als die, die mit Lesen durch Schreiben lernen, so die ersten Ergebnisse.  Die Methode ist inzwischen in einigen Bundesländern verboten. Jörg Ramseger, Bildungsforscher mit dem Schwerpunkt Grundschule von der Freien Universität Berlin, sagt: "Eine didaktische Methode zu verbieten, ist Unsinn."

ZEIT ONLINE: Herr Ramseger, warum wird das Thema Rechtschreibung derart emotional diskutiert?

Jörg Ramseger: Orthografie ist sehr wichtig. Jede E-Mail offenbart meine Rechtschreibkenntnisse und kann darüber entscheiden, für wie klug ich gehalten werde. Es geht um Jobs, um Mitbestimmungsmöglichkeiten im Gemeinwesen und damit auch um unsere politische Kultur. Allerdings ist es fachlich Blödsinn, nur noch den Fibelunterricht zuzulassen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Ramseger: Der Schriftspracherwerb ist sehr anspruchsvoll. Lehrkräfte, die die Kinder ausschließlich Seite für Seite einer Fibel abarbeiten lassen, nutzen eine überkommene Methode. Denn sie behandeln alle Kinder gleich. Das sind sie aber nicht. Manche lernen es auf diese Weise nie, sie bräuchten mehr Zeit. Andere langweilen sich mit den oft einfältigen Fibeltexten. Kompetente Lehrkräfte nutzen verschiedene Methoden und mischen sie.

Schreiben nach Gehör ist eine Entwicklungsphase

ZEIT ONLINE: Was halten sie von dem umstrittenen "Schreiben nach Gehör"?

Ramseger: Eine solche Methode gibt es gar nicht! Gemeint ist das "Lesen durch Schreiben", das Jürgen Reichen für das erste Schulhalbjahr entwickelt hat. Er hat damit aber nur einen Leselehrgang vorgelegt und sich um Rechtschreibung wenig gekümmert. Generell gilt: Orthografie sollte schon im ersten Schuljahr eingeführt werden. Aber behutsam. Kontraproduktiv ist es, alle frühen Schreibversuche der Kinder sofort mit dem Rotstift zu bearbeiten. Denn die Kinder entwickeln ständig neue Schreibstrategien und erste Fehlschreibungen prägen sich, allen Vorurteilen zum Trotz, nicht ein.

ZEIT ONLINE: In der Diskussion geht es auch oft um die Anlauttabelle.

Ramseger: Ja, die wird auch verteufelt. Auf ihr stehen hinter jedem Buchstaben ein oder zwei Bilder, die seinen Laut erklären sollen, etwa eine Ente und ein Esel für das E. Die klassischen Fibeln benutzt sie auch. Denn das Schreiben nach Gehör, das damit geübt wird, ist wie gesagt keine Methode, sondern eine von drei Entwicklungsphasen, die alle Kinder durchlaufen müssen und der die Lehrkräfte gerecht werden müssen.

ZEIT ONLINE: Welche Phasen gibt es denn beim Lesen- und Schreibenlernen?

Ramseger: Zunächst machen schon Drei- bis Vierjährige Fantasie-Kritzelzeichen und behaupten: "Ich schreibe." Das heißt, sie haben bereits verstanden, dass Menschen Gedanken in Zeichen festhalten. In der nächsten "alphabetischen" Phase verstehen sie, dass es eine Vereinbarung gibt, welche Zeichen für welchen Laut stehen. Dann machen sie erste Schreibversuche "nach Gehör", sie schreiben etwa "Hnt" statt "Hund". Auch die Fibellehrgänge beachten diese Phase, es wird den Kindern nur allen gleichzeitig vorgeschrieben, welches Zeichen sie wann einüben müssen, selbst wenn sie sie schon beherrschen. In den fibelfreien Methoden soll sich das Kind zunächst als "Schriftsteller" erfahren. Der Lehrer erkennt die Leistung an, lässt es noch ungestraft Fehler machen, erzählt ihm aber: "Übrigens: Hund schreiben wir mit ‚u‘ in der Mitte und mit ‚d‘ am Ende." Damit beginnt bereits die dritte, die orthografische Phase: Die Kinder verstehen jetzt, dass es eine Rechtschreibung gibt und dass es nicht gleichgültig ist, wie sie ein Wort verschriftlichen. Wir wissen, egal ob Lehrkräfte die Fibel oder eine fibelfreie Methode benutzen: Der Orthografieunterricht dauert allemal etwa acht Jahre. Erst dann beherrschen die meisten Jugendlichen die Rechtschreibung sicher.

ZEIT ONLINE: Laut IQB Bildungstrend wird die Rechtschreibung der Grundschüler schlechter, Lesen und Hörverständnis hingegen nicht. Wie viel Einfluss haben die Methoden?

Ramseger: Das Problem ist: Wir wissen es nicht. Die quantitativen Studien zeigen nur, wie etwas ist, aber nicht warum. Es gibt nahezu keine seriöse, qualitative Studie darüber, was wirklich in deutschen Klassenzimmern in Sachen Schreiberziehung stattfindet. Fachleute schätzen, dass 90 Prozent der Lehrer nach wie vor die Fibel benutzen. Sie leiten es von den Verkaufszahlen ab. Aber vielleicht mischen sie sie mit anderen Methoden? Möglicherweise wurden die freien Methoden auch von einigen Lehrkräften falsch verstanden. Einige dachten vielleicht, Kinder würden die Rechtschreibung vollständig selbst entdecken. Das funktioniert nicht, sie müssen schon im ersten Schuljahr systematisch in die Orthografie eingeführt werden. Das schreiben allerdings die Richtlinien für den Unterricht aller Bundesländer auch schon immer vor.