Nach Jahren der Stille ist es auf dem Schulhof des südfranzösischen Collèges Paul Langevin wieder laut. Am Tag, als die Handys verboten wurden, fingen die Schülerinnen und Schüler wieder an, über den Hof zu rennen, Fangen zu spielen, lauthals zu quatschen. Und inzwischen, so erzählt es der Schulleiter Eric Clausen mit ernstem Erstaunen, spielten die Schüler sogar wieder Karten. "Wahnsinn. Das haben wir hier seit Jahren nicht mehr gesehen." Seine weiterführende Schule liegt in der Arbeiterstadt Carros, 20 Kilometer nördlich von Nizza.

Der Pariser Bildungsminister Jean-Michel Blanquer hat das Handyverbot frankreichweit erlassen. Blanquer wollte, dass die Heranwachsenden in den Unterrichtspausen wieder miteinander spielen und dass sie einander seltener über WhatsApp, Facebook oder Instagram mobben. "Es ist heute friedlicher bei uns", sagt Rektor Claussen. Früher hätten sich manche Schüler über die sozialen Netzwerke in den Pausen beschimpft und wären verärgert und beleidigt zu den Kursen gekommen.

Laut Claussen profitieren auch die Lehrer vom Verbot. "Früher verharrten die Jugendlichen in der Pause bewegungslos über ihren Handyspielen – in der Klasse waren sie dann kribbelig und unkonzentriert." Durch das Verbot nehme auch der Druck auf ärmere Familien ab, Geld für das neueste Handy oder das angesagte Spiel auszugeben, sagt Claussen.

Die Handynutzung ist in allen sozialen Schichten ähnlich problematisch

Sein Collège liegt zwar nicht weit von den Côte-d'Azur-Städten Nizza und Cannes entfernt, Carros ist aber alles andere als glamourös: Hier liegt die größte Industriezone der Region. In der Neustadt türmen sich graue Siebzigerjahrewohnburgen. Nur weiter oben am Hang, Richtung Altstadt, finden sich größere Villen und wohlhabende Familien. Gehen die benachteiligten und privilegierten Kinder noch jeweils in getrennte Grundschulen, so mischen sie sich anschließend im einzigen Collège der Stadt. Allerdings sei die Handynutzung in allen sozialen Schichten ähnlich, sagt Rektor Claussen. "Der ungehemmte Konsum ist in allen Familien gleich problematisch."

Das Handyverbot hat hitzige Debatten ausgelöst. Der Philosoph und Mathematiker Gilles Dowek findet es lächerlich, Handys aus der Schule zu verbannen, und schreibt in der Le Monde, man solle doch besser "Kulis und Bleistifte verbieten", denn damit würden die Schülerinnen und Schüler später sicherlich nicht arbeiten. Andere Kulturwissenschaftler und Pädagogen setzten ihm entgegen, wer nicht vernünftig mit einem Stift umgehen könne, der habe auch Schwierigkeiten, seine Gedanken schriftlich zu ordnen und sich zu konzentrieren. Allerdings, so ist den meisten Berichten zu entnehmen, mischen sich die französischen Schulen in die Expertenstreits kaum ein: Das Gesetz wird einfach umgesetzt – und hat den Alltag der Jugendlichen verändert.

Denn Schule füllt den Tag der meisten französischen Schüler aus. Der Unterricht endet generell erst um 16.30 Uhr, viele gehen anschließend noch in die garderie, also zum betreuten Spielen oder Hausarbeitenmachen. Die Befürchtung vieler Gewerkschaften, Lehrer müssten morgens am Eingangstor Hunderte Handys einsammeln und in Tresore verpacken, war unbegründet. Die meisten Schulen haben sich für eine weit einfachere Variante entschieden: Schülerinnen und Schüler müssen ihr Telefon selbst ausmachen, und es so verstauen, dass es nicht mehr zu sehen ist. Bis zum Unterrichtsende darf es nicht einmal mehr in die Hand genommen werden.

Die Pausenhöfe sind im Vergleich zu den deutschen sehr trist

Frankreich geht damit weiter als seine Nachbarländer. In Deutschland hat bislang nur das Bundesland Bayern seit 2006 Handys in seinen Schulen verboten. Der damalige Schulminister reagierte auf Mobbingfälle auf dem Pausenhof, bei denen Schüler verprügelt und dabei gefilmt wurden. In allen anderen Bundesländern können die Schulen allerdings über eigene Hausordnungen Handys verbieten oder ihren Gebrauch beschränken.

Ob das Cybermobbing in Frankreich wirklich zurückgeht, kann das Pariser Bildungsministerium noch nicht bewerten. Nach seinen Schätzungen leidet jeder zehnte Schüler und jede zehnte Schülerin unter abschätzigen Kommentaren und herabwürdigen Fotos im Netz – und damit in der Regel auf dem Telefon. Dagegen hatte Frankreich schon 2017 eine Telefonhotline und einen nationalen Sensibilisierungstag an den Schulen eingeführt. Auch Lehrende werden dazu ausgebildet, über Mobbing in den Klassen zu sprechen und auf hilfesuchende Kinder richtig zu reagieren. Für Rektor Claussen steht fest: Ohne Telefon haben die auf Facebook und Co gemobbten Schülerinnen und Schüler wenigstens eine Ruhepause. Nach dem letzten Klingeln aber entlässt das Collège die Kinder wieder in die Handyzeit: Kaum aus dem mannshohen Eisentor getreten, kramen nahezu alle in ihrer Tasche, um die nächste Nachricht zu schreiben.

Neun Stunden Pause vom Handy

Claussen zuckt mit den Schultern. "Wir hoffen, dass sie von der mindestens neun Stunden langen Pause profitieren und auch anschließend weniger Zeit im Internet verplempern", sagt der Rektor. Sein Kollegium habe lange mit sich gerungen, die Telefone komplett zu verbieten – das Pariser Gesetz habe es ihm nun erleichtert. Auch vor den Schülern.

Tatsächlich halten sich seine 800 Schützlinge bislang an das Verbot. Auch die Sorge der Lehrkräfte, die Kinder könnten heimlich auf den Toiletten chatten, hat sich nicht bestätigt – offenbar kommen alle so schnell aus den Kabinen wieder hervor wie zuvor. In Claussens dickem blauen Ordner, den er extra für die Schüler angelegt hat, die sich nicht ans Verbot halten, finden sich fünf Wochen nach Schulbeginn nur vier Einträge. Vier Telefone wurden konfisziert, weil sie während des Unterrichts geklingelt haben. Lustigerweise waren es vor allem Mütter oder Väter, die ihre Kinder anrufen wollten. "Die Eltern meinen, ihre Kinder seien in Gefahr, wenn sie nicht permanent zu sprechen sind. Das ist natürlich Unsinn", sagt Claussen. Alle Eltern könnten jederzeit das Sekretariat erreichen und die Schüler könnten sich an Lehrer wenden, wenn sie dringend nach Hause telefonieren müssten.

Das Handyverbot ist also insgesamt in Frankreich erstaunlich lautlos in Kraft getreten. In Deutschland fordern Lehrerverbände, Gewerkschaften und Bildungsexperten häufig, Handys an Schulen nicht zu verteufeln, unter anderem weil die Schulen oft noch schlecht ausgestattet sind mit Computern oder Tablets.

Tatsächlich arbeiten die französischen Schulen häufiger digital als die deutschen. Computer für alle gibt es zumindest an den meisten Schulen in den sozialen Brennpunkten. Seit 2016 liefert das Bildungsministerium digitale Lernprogramme, die alle Lehrer im Unterricht nutzen können. Und schon Erstklässler machen Übungen auf Tablets. Zeugnisse werden per Email versandt, Lehrerinnen und Lehrer binden Fotos und Berichte in einem digitalen Fotoband ein.

Nun wollen die französischen Schulen noch dafür sorgen, dass die Schüler auch ohne ihre Handys mehr Spaß in den Pausen haben. Bislang sind die Pausenhöfe im Vergleich zu den deutschen sehr trist. Der graue Betonbau des Collège Paul Langevin in Carros ist vierstöckig, der Hof gleicht einem Parkplatz: Keine Pflanze, kein Spielgerät, keine Bänke verschönern die Betonfläche. Das soll sich nun ändern. Das Kollegium hat sich dafür entschieden, das freie Budget in diesem Jahr für Softbälle und kleine Sportgeräte auszugeben.