In verschiedenen Schulen in ganz Deutschland werden jüdische Schüler antisemitisch beleidigt und gemobbt. Unter dem Hashtag #MeTwo berichteten Hunderte von Schülern und Erwachsenen von Rassismus an Schulen. In Berlin kam es zu einem besonders bemerkenswerten Fall: Als die Anti-Rassismus-Beauftragte des Senats, eine schwarze Deutsche, eine Schule besuchen wollte, demonstrierte eine Lehrerin damit, indem sie eine Affenmaske trug. Was ist da los? Und wie kann man gegen Diskriminierung an Schulen vorgehen? Sebastian Walter ist Sprecher für Antidiskriminierung der Grünenfraktion in Berlin. Er hat den Fall verfolgt und fordert eine umfassende Antwort von Politik und Schulen.

ZEIT ONLINE: Meine Tochter wird von ihrem Lehrer diskriminiert. Was kann sie tun?

Sebastian Walter: Sie sollte sich an ihre Vertrauenspersonen im persönlichen Umfeld wenden: an die Eltern, an Mitschülerinnen und Freunde. Wer von Diskriminierung betroffen ist, darf nicht allein gelassen werden. Ihre Tochter braucht die Rückmeldung: Der Lehrer hat etwas falsch gemacht. Mit dir ist alles in Ordnung.

ZEIT ONLINE: Im Ernst? Sollte sie den Vorfall nicht mit dem Lehrer besprechen?

Walter: Die Frage ist: Wer bietet Vertraulichkeit, eine unvoreingenommene Position und tatsächliche Unterstützung an? Wer kann konkret helfen? Im Abhängigkeitsverhältnis zwischen Lehrern und Schülerinnen ist das oft schwierig.

ZEIT ONLINE: Aber ich kann mich doch als Mutter einmischen.

Walter: Immer wieder nehmen betroffene Lehrerinnen die Vorfälle nicht ernst. Sie spielen sie herunter oder pathologisieren sie sogar. Man wird Ihnen sagen: Ihre Tochter ist aber auch nicht ganz einfach, sie ist eine schwache Schülerin, oder sie bildet sich Sachen ein.

ZEIT ONLINE: Das klingt abenteuerlich.

Walter: So passiert es aber. Mit harten Konsequenzen: Viele Schüler schweigen daher, schwänzen bald auch häufiger die Schule. Ihre Leistungen nehmen ab. Bei schlimmen Fällen von Diskriminierung steht am Ende einer offiziellen Beschwerde oftmals der Wechsel der Schule. Das ist, brutal gesagt, eine der einfachsten Arten, mit Diskriminierung umzugehen. Aus einer Antidiskriminierungsperspektive ist das natürlich völlig inakzeptabel.

ZEIT ONLINE: Kann meine Tochter den Vorfall nicht einfach bei einer anderen Lehrerin ansprechen?

Walter: Nur ein Bruchteil der Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen wagt es, sich gegen diskriminierende Benachteiligungen und Demütigungen zu wehren. Oft, weil sie ihre Rechte nicht kennen, oft auch aus Respekt vor dem in der Hierarchie höher stehenden Lehrer. Ihre Tochter sollte sich deshalb innerhalb der Schule an klar zuständige Personen wenden können, die entsprechend fachlich qualifiziert sind. Diese fehlen aber leider häufig.

ZEIT ONLINE: In der Johanna-Eck-Schule in Berlin gibt es gerade einen Skandal: In einem Tresor waren 20.000 Euro in bar versteckt. Die Zahl der Schülerinnen, die am Religionsunterricht teilnehmen, wurde höher angegeben, als sie tatsächlich war. Als die neue Schulleiterin sowohl die Gelder als auch die Manipulation aufdeckte, kam es zum Streit mit Teilen des Kollegiums. Daraufhin wurde die Schulleiterin gemobbt.

Eine Lehrerin demonstriert mit einer Affenmaske? Das kommt vor.

Walter: Das ist nicht ganz richtig. Nach allem, was berichtet wurde, ist die Schulleiterin Opfer von Diskriminierung geworden.

ZEIT ONLINE: Was ist der Unterschied?

Walter: Diskriminierung greift auf Merkmale eines Menschen und damit verbundene Zuschreibungen zurück, zum Beispiel auf die Hautfarbe, auf das Geschlecht, die sexuelle Orientierung oder körperliche Beeinträchtigungen. So werden soziale Gruppen in Gänze abgewertet und ausgeschlossen. Und das wirkt demokratiegefährdend. Der Schulleiterin der Johanna-Eck-Schule wurde vorgeworfen, so heißt es, sie sei mit dem Konflikt in der Schule auf eine "typisch orientalische Weise" umgegangen, was auf die Migrationsgeschichte der Schulleiterin abzielt.

ZEIT ONLINE: Die Schulleiterin wurde also diskriminiert?

Walter: Das ist zumindest das, was Teile des Kollegiums berichten. Die haben sich an die Antidiskriminierungsbeauftragte gewendet.

ZEIT ONLINE: Warum hat die Schulleiterin das nicht selbst getan?

Walter: Da kann ich nur mutmaßen: Sie ist die einzige Schulleiterin of Colour an einer Berliner Oberschule. In dieser Vorreiterrolle ist der Druck auf sie besonders stark.

ZEIT ONLINE: Also kam die Antidiskriminierungsbeauftragte an die Schule. Sie ist eine schwarze Deutsche. Auch sie wurde diskriminiert. Eine Lehrerin stellte sich mit einer Affenmaske vor die Schulaufsicht, um ihren Protest gegen sie auszudrücken, im Treppenhaus der Schule imitierte eine andere Lehrerin bei einem Besuch Affenlaute.

Walter: Ja, das ist schockierend. Und zugleich muss man auch mit solchen Reaktionen rechnen.

ZEIT ONLINE: Das ist nicht ihr Ernst.

Walter: Doch. Wer seit Jahren auf eine bestimmte Weise mit einem Thema umgeht, hat dieses Verhalten internalisiert. Wenn dann jemand kommt, der widerspricht, der sagt, was du tust, ist rassistisch, dann geht der Mensch zum Gegenangriff über. In diesem Fall mit dem Griff in die rassistische Klischeekiste.

ZEIT ONLINE: Es handelt sich hier also nicht um einen Einzelfall?

Walter: Das als Einzelfall zu behandeln würde bedeuten, das Phänomen dahinter nicht ernst zu nehmen. Lehrer und Lehrerinnen diskriminieren nicht mehr oder weniger als andere. Aber Schulen sind besonders, weil hier Diskriminierung im pädagogischen Näheverhältnis zwischen Lehrern und Kindern besonders viel kaputt machen kann.

ZEIT ONLINE: Die Lehrerin mit der Maske sagt, sie habe nicht auf eine rassistische Verbindung zwischen Affen und schwarzen Menschen abzielen wollen, sondern dass die Vorwürfe ein Affentheater seien.

Walter: Bei Diskriminierung ist zentral, wie etwas ankommt. Nicht, wie es gemeint ist. Es reicht eben nicht aus, gute Absichten zu haben. Und es ist geradezu absurd, wenn Lehrerinnen – wie in diesem Fall geschehen – kollektiv versichern, es gebe keine Diskriminierung an ihrer Schule. Diese Behauptung wird auf dem Rücken von Menschen mit realen Diskriminierungserfahrungen ausgetragen, wie in diesem Fall der Schulleiterin oder der Antidiskriminierungsbeauftragten. Das ist nicht akzeptabel.

ZEIT ONLINE: Was sollte man stattdessen tun?

"Wir müssen Diskriminierungen ernst nehmen"

Walter: Wenn jemand sagt, ich bin diskriminiert worden, dann sollte man das zuerst mal ernst hinnehmen. Das klingt banal, ist aber sehr wichtig. Denn genau das passiert noch zu selten.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Walter: Es fehlt das Bewusstsein dafür, dass Diskriminierung Alltag ist. Weil wir – und da schließe ich mich mit ein – auf die Unteilbar-Demo gehen, weil wir gegen die AfD sind oder weil wir uns über Populisten empören, glauben wir als Teil der Mehrheitsgesellschaft schnell, dass wir frei von diskriminierendem Verhalten sind. Aber erst, wenn wir akzeptieren, dass Menschen ständig diskriminieren und diskriminiert werden, dass wir alle mit bestimmten Stereotypen aufgewachsen sind, können wir auch damit anfangen, etwas dagegen zu tun. Deswegen ist die Lösung des Problems die Professionalisierung.

ZEIT ONLINE: Wie könnte das gelingen?

Walter: Es braucht eine umfassende Antidiskriminierungsstrategie für Schulen. Das beginnt mit klaren Beschwerde- und Interventionsstrukturen an jeder Berliner Schule, damit Schüler und Schülerinnen wissen, an wen sie sich wenden können. Das geht weiter mit einer verbesserten Aus- und Fortbildung der Lehrerinnen und der Schulaufsicht. Der gleichberechtigte Umgang in einer vielfältigen Gesellschaft gehört in die Schulbücher. Dort finden sich noch viel zu häufig überkommene rassistische Stereotype.

ZEIT ONLINE: Das wären Maßnahmen für die Zukunft. Was ist mit der Gegenwart?

Walter: Es gibt externe Unterstützungs- und Beratungsangebote. In Berlin beispielsweise die zivilgesellschaftlich initiierte Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen. Oder bei der Antidiskriminierungsbeauftragten der Berliner Senatsverwaltung.

ZEIT ONLINE: Was kommt häufiger vor? Diskriminierung unter Schülern oder die, die vom Lehrer ausgeht?

Walter: Diskriminierung unter Schüler*innen darf nicht verharmlost werden. In der öffentlichen Diskussion wird aber oft ausgeblendet, dass auch von Lehrkräften und pädagogischem Personal diskriminierendes Verhalten ausgeht. Die Zahlen der Anlaufstelle zeigen, dass 67 Prozent der angezeigten Fälle auf Schulpersonal und Schule zurückgehen. Sie sind überwiegend rassistisch motiviert und treffen insbesondere schwarze Schüler*innen, Schüler*innen of Colour oder muslimische Schüler*innen. #MeTwo hat gezeigt, dass für die Mehrheit dieser gesellschaftlichen Gruppen entsprechende Erfahrungen Alltag sind.

ZEIT ONLINE: Gibt es Hoffnung, dass sich die Situation bessern wird?

Walter: Ja. Viele Schulen befassen sich jetzt offensiver damit. Sie begreifen, dass ein professioneller Umgang mit Diskriminierung individuell auch entlastend wirken kann und der Schulalltag einfacher und stressfreier wird. Diskriminierung hat Auswirkungen auf das Schulklima, auf Gewalt an der Schule ebenso wie auf die Leistung der Schüler*innen. Von einer verbindlichen und nachhaltigen Antidiskriminierungsarbeit profitieren am Ende alle.