Die Diskussionen ums Lesenlernen und die Rechtschreibung werden sehr emotional geführt: Kinder könnten heute nicht mehr ordentlich lesen und schreiben! Freie Methoden wie Schreiben nach Gehör sollten verboten werden, fordern manche. Deshalb hat Simone Jambor-Fahlen vom Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache einen Faktencheck herausgegeben und zusammengefasst, was die Forschung zu diesem Thema sagt und was nicht. Hier einige der Erkenntnisse:

Werden Schüler und Schülerinnen immer schlechter im Lesen und Schreiben?

Eindeutig fällt die Antwort der Autorin nicht aus. Lehrpläne haben sich geändert, die Lebenswelt auch. Heute werde beim Schreiben in der Schule oft viel mehr Wert auf freie und kreative Texte gelegt als früher, heißt es im Faktencheck. Dafür vielleicht weniger auf die Rechtschreibung. Nur lassen sich Kreativität und Ausdrucksstärke viel schlechter messen als Rechtschreibfehler. Diese fallen auch später im Alltag stärker auf.

Eine aktuelle Studie von 2018 hat die Rechtschreibleistung von Hamburger Grundschulkindern aus dem Jahr 1994 und 2014 verglichen und kam zu dem Ergebnis: Die heutigen Schülerinnen und Schüler machten weniger Fehler als die vor 20 Jahren, wenn sie einzelne Wörter schreiben mussten, aber mehr, wenn sie Texte verfassten. Die Ergebnisse sind aber wahrscheinlich ungenau, weil sich die Bedingungen nicht unbedingt vergleichen lassen. Die Iglu-Studie zeigte, dass die Leseleistungen 2016 im Vergleich zu 2011 konstant geblieben sind, was allerdings keine besonders gute Nachricht war. Denn in anderen Ländern hatten sich die Leistungen verbessert. Der IQB-Bildungstrend von 2018 zeigte ähnliche Ergebnisse, hatte allerdings die Rechtschreibleistung mit erhoben – und die fiel tatsächlich schlechter aus als in der Studie zuvor. Wie es um die Kreativität steht, wissen wir nicht.

Nach oben

Gibt es die richtige Methode, um Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen?

Wieder ist die Antwort komplex: Es kommt darauf an, welcher Lehrer oder welche Lehrerin unterrichtet und welche Voraussetzungen die Schülerin oder der Schüler mitbringt. Von einem offen gestalteten Unterricht profitieren andere Kinder als von einem geschlossenen, bei dem die Lehrkraft die Kinder Schritt für Schritt anleitet und steuert.

Eher leistungsstarke Kinder, die oft aus gebildeten Familien stammen, lernen Lesen und Schreiben in der Regel mit jeder Methode gut, auch in einem offenen Unterricht, in dem sie sich vieles selbst erarbeiten.

Vor allem schwächere Schülerinnen und Schüler lernten aber besser, wenn sie beim Schreiben systematisch üben. Ein angeleiteter Unterricht gebe ihnen Sicherheit. Die Autorin kommt allerdings zu dem Schluss, dass dabei vor allem das Trainieren und Üben entscheidend sei für den Erfolg – nicht so sehr die Methode, die dahintersteht.

Studien geben außerdem Hinweise darauf, dass sich die Rechtschreibleistungen durchschnittlich im Laufe der Grundschulzeit angleichen, egal nach welcher Methode unterrichtet wird.

Beim umstrittenen Schreiben nach Gehör (wissenschaftlich Lesen durch Schreiben genannt) werden die Kinder ermutigt, sich selbst auszuprobieren, indem sie so schreiben wie sie die Wörter hören. Die Rechtschreibregeln lernen sie erst später. Mit der Fibelmethode lernen sie systematischer.

Da Methoden aber selten in ihrer erdachten reinen Form unterrichtet werden, sondern um Elemente aus anderen Methoden ergänzt werden, ist es fast unmöglich herauszufinden, wie eine Methode einzeln wirklich wirkt. In modernen Fibeln werden ebenfalls offene Lernkonzepte integriert. Beim Schreiben nach Gehör werden die meisten Lehrer höchstwahrscheinlich schon allein, weil sie Noten vergeben und Bildungsstandards gerecht werden müssen, sehr bald zusätzlich systematische Rechtschreibübungen einführen.

Nach oben

Soll man also Schreiben nach Gehör verbieten?

Die Autorin des Faktenchecks, Jambor-Fahlen, plädiert weder für ein Verbot einer Methode noch dafür, eine andere vorzuschreiben. Es gebe bisher keine belastbaren Studien, die beweisen, dass eine Methode grundsätzlich geeignet ist oder nicht. Lehrerinnen und Lehrer müssten vielmehr über umfassende didaktische Konzepte verfügen, um allen Kindern gerecht zu werden.

Sie schreibt, Kinder würden sehr unterschiedlich lernen. Manche lernten am besten, wenn sie Wörter erst selbst lesen oder schreiben. Andere wollen zuerst die Regel kennen, um das Prinzip zu verstehen. Und wie schon beschrieben, brauchen Kinder, denen das Lesenlernen zunächst schwerfällt, einen Lehrer oder eine Lehrerin, die sie gezielt anleitet. Ihre Defizite sollten individuell analysiert werden, um herauszufinden, von welchen Übungen und Methoden die einzelnen Kinder profitieren.

Reines Auswendiglernen wirke aber bei keinem besonders gut. Schüler und Schülerinnen müssten früh Rechtschreibregeln auf eine Weise nahegebracht werden, dass sie verstehen, wann und warum sie greifen. Sie sollten ausprobieren können, wie ein Wort geschrieben wird. Lesen und Schreiben müsse so unterrichtet werden, dass es den Kindern Lust macht, Texte lesen zu wollen und eigene zu schreiben.

Und schließlich müssen Konzepte und Methoden auch zur Lehrkraft passen. Sie muss sich sicher damit fühlen und das Konzept muss zu ihrem Unterrichtsstil passen.

Nach oben