Die Schulfrage: In meinem Geschichtsunterricht bringen Schüler in letzter Zeit öfter Meinungen oder Positionen ein, die mir äußerst unangenehm sind – und die ich am liebsten unterbinden würde. Mal sind sie ausländerfeindlich, mal homophob; hier mit antisemitischem Unterton, da verschwörungstheoretisch angehaucht. Wie kann ich damit sinnvoll umgehen?

Lassen Sie mich zunächst etwas weiter ausholen. Vor 50 Jahren haben die Eltern der 68er Ähnliches erlebt – nur umgekehrt: Die Jugend warf ihnen Duckmäuserei während der Nazizeit vor, wollte die Bundeswehr abschaffen, kritisierte Autoritätsgehabe, Autowahn und Agrarchemie. Das war mal vorausschauend, mal verständlich, mal ungerecht. Das damalige Aufbegehren gegen alte Tabuisierungen hatte eben nicht nur vernünftige Anteile; es war auch emotional motiviert. Da war eine intergenerationale Dynamik am Werk, es ging unter anderem um Abgrenzung durch Provokation. Tiefenpsychologisch ausgedrückt: In solchem Aufstand der Jungen gegen die Alten stecken immer auch Positionierungsversuche und Anerkennungswünsche.

Abgrenzen von der Erwachsenenwelt

Die Erwachsenenwelt heute demonstriert materielles Wohlergehen, ist äußerst umtriebig, gibt sich liberal und tolerant. Wer sich als junger Mensch davon abgrenzen will, hat verschiedene Möglichkeiten: Die Leistungsverweigerung bietet sich an, vielleicht auch das Hantieren mit Drogen – und eben Verstöße gegen den derzeitigen Mehrheitskonsens in Sachen Liberalität und Toleranz.

Solche politischen Kontrapositionen schwappen natürlich auch in die Schule. Soll man sie dort nun ignorieren, gar nicht für voll nehmen; oder soll man inhaltlich dagegen argumentieren, sie vielleicht gar bekämpfen oder verbieten? Wie bei allen pädagogischen Fragen gibt es dazu kein einfaches Rezept, sondern zunächst eine Gegenfrage. Wie steht es um die Gefühle der Lehrkraft dabei? Lehnt sie den jungen Menschen als reaktionär oder spinnert ab? Bekommt sie Angst, ihr könnten die Argumente ausgehen? Fürchtet sie, die Klasse könne mit solchen Meinungen angesteckt werden? Bangt sie um ihr Image, falls Kollegen oder Schulleitung von Debatten über heikle Themen in ihrer Klasse erfahren?

Was die Sache angeht, müssen Lehrkräfte sich und den Schülern klarmachen: Allgemeinbildung in demokratischen Schulen ist etwas anderes als Meinungsmache oder gar -kampf. Junge Rebellen aller Art, also keineswegs nur die uns sympathischen, dürfen und sollen sich also durchaus äußern – aber Lehrkräfte müssen darauf bestehen, dass es im thematischen Rahmen bleibt und mit nachvollziehbaren Argumenten geschieht.

Auf Unliebsames oder Überraschendes muss man dabei durchaus gefasst sein. Aber eine Lehrkraft darf sich dabei keineswegs überwältigen zu lassen – andere Schüler und Schülerinnen, andere Argumente müssen ebenfalls angemessen zu Wort kommen. Dabei sollte ein Unterschied bewusst werden: Zu historischen Vorgängen gibt es weitgehend gesichertes Faktenwissen, das es aufzuarbeiten gilt. Dagegen kann man über aktuelle Politik zwar diskutieren – halbwegs beurteilbar werden die Dinge indes erst mit zeitlichem Abstand.

Aber auch die psychodynamische Ebene ist eben entscheidend. Widerständler suchen Anerkennung, bei den Mitschülern und Mitschülerinnen, bei den Lehrkräften. Wer sie ignoriert oder bekämpft, fordert sie nur stärker heraus, stachelt sie an. Wenn sie sich aber von uns als Person ernst genommen fühlen, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt, ihnen vielleicht gar eine Verantwortung überträgt, dann lassen sie sich oft sogar ein Stück weit gewinnen, auch inhaltlich – zum Innehalten, zu gründlichem Nachdenken, vielleicht gar zum Revidieren. Und darum ging's uns ja eigentlich. Bei aller Coolheit versteht sich gewiss von selbst, dass Lehrkräfte deutlich werden lassen, dass sie selbst mit rassistischen Auffassungen nichts gemein haben und dass sie rassistischem Handeln deutlich entgegentreten würden.

Eines dürfen Lehrkräfte allerdings weder erwarten noch anstreben: Dass es keine anderen Meinungen in der Klasse gibt außer der eigenen – oder der des Zeitgeistes.