Kindern vorzulesen heißt, gemeinsam neue Geschichten zu entdecken. Es heißt, zur Ruhe zu kommen, abzutauchen und Nähe. Es ist eine Rückkehr in die eigene Kindheit – mitunter mit erschreckenden Erkenntnissen.

Vor allem aber hilft es den Kindern. Die Zahlen der aktuellen Vorlesestudie zeigen: Vier von fünf Kindern, denen täglich oder mehrmals die Woche vorgelesen wird, fällt es leichter, selbst lesen zu lernen. Wem nicht vorgelesen wird, hat dagegen Probleme dabei: Gut jedes zweite Kind ohne Vorleseerfahrung sagt von sich, es sei genervt, weil es dachte, lesen lernen gehe schneller. Wer Geschichten über naturwissenschaftliche Phänomene oder Geschichten mit Zahlen vorliest, kann Kinder auf diese Weise sogar für Mathematik und Biologie begeistern, sagt das Netzwerk Vorlesen

Am 16. November ist Vorlesetag in Deutschland. Zu diesem Anlass haben wir in der Redaktion ein paar Vorlesegeschichten zusammengetragen.

Großer Wolf & kleiner Wolf

Eine Orange ist eine Orange ist eine Orange ist keine Orange. Nein, denn nichts im Leben ist nur das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. Und die Orange, um die es im Bilderbuch Großer Wolf & kleiner Wolf: Von der Kunst, das Glück wiederzufinden geht, ist so viel mehr als nur ... eine Orange.

Gleich zu Beginn der Handlung streiten sich der große Wolf und der kleine Wolf. Beide wollen der Erste sein, der die Orange vom Baum pflückt. Weil der große Wolf am größten ist, bekommt er sie in die Pfoten. Doch dann rollt die Orange den Berg hinab, weit weg. Der kleine Wolf verschwindet auch. Und der große Wolf macht sich auf eine lange einsame Reise. Er findet die Orange wieder. Aber nicht den kleinen Wolf.

Es war jetzt stockfinster. Kein Boden, kein Himmel, keine Äste und Zweige. Nur das Schwarz und die Stille. Der große Wolf hatte Angst. Er schaute die schöne Orange an, die so weich und rund und goldgelb war. Er dachte, vielleicht wäre es besser, heimzugehen. Die Orange einfach zu essen. Irgendwie war es jetzt genug. Vielleicht kam der kleine Wolf ja auch von selbst zurück. Ohne sich groß anzukündigen.

Das ist der Sound dieses wunderbaren Bilderbuchs. Ich kann ihn fast singen, so oft habe ich ihn meiner Tochter vorgelesen, als sie noch nicht lesen konnte. Jetzt kann sie es. Fünfte Klasse. Und als wir heute beredeten, dass ich über den großen Wolf und den kleinen Wolf einen winzigen Text schreiben darf, nahm sie das Buch in die Hand und las es mir vor.

Und dann stützte sich der große Wolf in die Finsternis. Er heulte so laut, wie noch nie ein Wolf geheult hatte. Weil auch noch nie ein Wolf einen kleinen Wolf so sehr geliebt hatte. Er folgte in der Finsternis den kleinen Fußspuren, unbeirrbar, und sein Herz klopfte so laut, dass er nichts anderes mehr hörte.

Eine Orange kann das Glück sein, das man manchmal verliert. Eine Orange kann zerquetscht werden wie die Lebensfreude, die man einsperrt. Eine Orange kann auch so wertvoll sein, dass man sie nur mit anderen teilen mag. Und ein kleiner Wolf kann einem großen Wolf zeigen, was Liebe ist. Das dachte ich, als meine Tochter vorlas. Irgendwie steht all das ja auch in diesem Buch, irgendwo zwischen den Zeilen und den wunderbaren Zeichnungen.  
Von Steffen Dobbert

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Fünf Freunde

Irgendwann, als das Vorlesen gerade angefangen hatte, Spaß zu machen, hatte ich eine blöde Idee: Warum nicht auch meinem Kind vorlesen, was mich vom draußen Spielen abgehalten hat? (Zu der Zeit wurden Kinder seltener zum Ballett und Querflöte lernen genötigt, dafür häufiger zum draußen spielen.) Es waren die Fünf Freunde. Es gibt sie jetzt auch in aktualisierter Form, aber ich habe die alten Bücher gewollt. Einen Band nach dem anderen holte ich mir aus der Bücherei. Enid Blyton gab es damals überall, so wie heute Harry Potter. Man brauchte keine bildungsbürgerlichen Eltern mit vollen Buchregalen.

Ich habe mich so gefreut aufs Vorlesen – aber ich hatte nur Abenteuer, Freiheit und tief erlebte Freundschaft zwischen vier Kindern und einem Hund in Erinnerung. Nicht, dass Ann immer ängstlich sein musste und – ganz die niedliche kleine Hausfrau – am liebsten kochte und putzte. Und die Jungs waren ebenso klischeehaft Jungs: Richard (im Original Julian), der 12-jährige Patriarch, starke Schulter und Beschützer. Sein Bruder Julius (Dick), der Witzige und Hitzige. Nur Georg (George) war anders. Ein Mädchen, das Hosen trägt und gegen die Regeln verstößt. Sie musste ihr Mädchensein (Georgina will George heißen) verleugnen, um anders sein zu dürfen. Deshalb ist sie zwar die interessanteste Figur – aber doch eine, die als schwierig gilt. Denn statt ihr Anderssein zu feiern, fängt sie an, sich anzupassen.   

Und dann die öde Sprache, Hauptsatz an Hauptsatz und die verdummende Aufteilung in Gut und Böse, auf der einen Seite die wohlhabenden Internatskinder, auf der anderen Seite die zwielichtigen Zigeuner oder Zirkusleute. Blöderweise gefielen meiner Tochter, die ja schon auf Connie bestanden hatte, auch die Fünf Freunde, und sie wollte mehr hören. Sodass ich ständig mich genötigt sah, zu unterbrechen und mich aufzuregen: "Warum räumt die blöde Ann schon wieder auf? Du weißt, dass Mädchen nicht so sein müssen, oder?" Klar, Mama, lies weiter. Sie interessierte – so wie mich als Kind – nur Freiheit, Abenteuer und tief erlebte Freundschaft. Denn diese Topoi funktionieren noch heute – auch in den vielen guten Kinderbüchern: Entgegen der Realität werden Kinder auch in zeitgenössischen Büchern extrem frei gelassen. Manchmal müssen die Autoren dafür die Mütter sterben lassen. Auch darüber hab ich mich geärgert. Aber anders geht es wohl nicht mehr: Die richtig spannenden Bücher lassen Kinder die Welt alleine entdecken – so, wie die Fünf Freunde es immer in den Ferien tun.

Vielleicht ist es auch gut, Kinder mit einer feministisch unkorrekten, nicht allzu fernen Vergangenheit zu konfrontieren. Vielleicht sogar mal mit einem Negerkönig und klauenden Zigeunern, um darüber zu reden, dass Menschen in solchen Mustern gedacht haben und manchmal heute noch so denken.
Von Parvin Sadigh

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Teddy geht nach Deutschland

Als meine Mutter das Buch Teddy geht nach Deutschland kaufte, hatte sie noch keine Ahnung, dass Teddy wenige Jahre später folgen würde. Sie hatte das Buch ganz zufällig in der Fremdsprachenecke einer Buchhandlung in Ex-Jugoslawien entdeckt und es gekauft. Es war zweisprachig: Serbokroatisch, unsere Muttersprache, und Deutsch, was damals keiner von uns konnte.

Mit Teddy, einem flauschigen Bären mit roten Wangen, in Lederhose und Trachtenhut, lernte ich Deutsch. Ich war fünf, ich las mir selber vor. Teddy hatte einen Vater, den nannte er "Vatti", die Mutter "Mutti" (vielleicht waren sie Ostdeutsche?!). "Vatti" trug eine runde Brille, Cordhose, eine karierte Weste, saß im Sessel und las Zeitung. Die Mutter stand in der Küche. Sie wohnten in einem Einfamilienhaus an einem deutschen Wald. Teddy hatte eine blonde Schwester, Lisa. Dieses Vatti-Mutti-Ding verwirrte mich. Warum sagte der nicht Mama und Papa?

Auf Ausflügen aß Teddy Leibnitz-Butterkekse und trank Orangensaft. Einmal fuhren sie auch in den Urlaub, mit seinem Freund Karl, einem Schwarzbären, an die Nordsee. Das war mein Lieblingskapitel. Ich war fasziniert von den großen Wellen und dem weißen Sandstrand.

Wenn ich mit meiner Teddy-Lektüre beschäftigt war, durfte niemand stören. Ich schloss mich im Zimmer ein, legte die dazugehörige Kassette zum Buch ein und sprach sorgfältig die Wörter nach. Es war ein Genuss, diese fremden Wörter aufzusagen.

Ein Kapitel hieß Deutsches Abendbrot. Pünktlich um 18 Uhr setzten sich die Teddys an einen großen runden Tisch. Es gab keine Teller, sondern "Brettchen". Butter, Brot und "Aufschnitt" kamen auf den Tisch. Für mich sah das alles ziemlich fade aus. Und so wenig. Ich fragte mich, wie oft der arme Teddy wohl hungrig ins Bett ging.
Von Dajana Suljkanovic

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Wenn sieben müde kleine Hasen abends in ihr Bettchen rasen

Abends will meine Tochter (zweieinhalb) ein Buch lesen. Egal, wie spät es ist, egal, wie übermüdet sie ist. EIN Buch lesen, das heißt: Das Kind schleppt so viele Bilderbücher, wie es tragen kann, ins Schlafzimmer. Ein Buch lesen heißt: mindestens drei lesen. Besser gesagt anschauen. Gerne auch mal von hinten nach vorne oder kreuz und quer. Mit dabei ist immer das Hasen-Buch. 

Wenn sieben müde kleine Hasen abends in ihr Bettchen rasen habe ich vor einer Weile im Buchladen entdeckt. Ein Pappbilderbuch mit dicken Seiten, in dem sieben Hasenkinder allerhand erleben (Abendessen, im Garten spielen, Zähneputzen, Kuscheltiere suchen, auf den Betten hüpfen) und dabei eins nach dem anderen einschlafen. Beim Kaufen dachte ich: Prima Zubettgehbuch, da schläft meins gleich mit ein. 

Und tatsächlich – "Fienchen Hase setzt sich nieder und kriegt ganz plötzlich schwere Lider" –  das Kind wird ruhiger. Es schaut zwar noch aufmerksam zu – "Zwischen Lauch und Löwenzahn fängt Valentin zu schnarchen an" –, will aber schon nicht mehr selbst umblättern. "Eingekuschelt wohlig warm" schlafen nicht nur Matti, Frieda und Emma "auf Papas Arm". Auch die Augen meines Kindes werden immer kleiner. Aber während am Ende des Buchs wirklich alle Hasenkinder schlafen, ist meins plötzlich wieder hellwach. Grinst. Und sagt: "Noch maaaaaaaal." Und noch mal. Und noch mal. Bis irgendwann auch bei uns im Bett zwei Äuglein zufallen: meine.
Von Simone Gaul

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Die Wawuschels mit den grünen Haaren

Zur Kita mit den eigenen Füßen laufen. Müll runterbringen, ganz alleine. Wenn Kinder etwas lernen, was ihrem Eindruck nach bisher nur Große konnten, tun sie es für eine Weile unfassbar enthusiastisch. Lesen natürlich auch – und vorlesen! 

Wenn das Nurvorgelesenbekommen endlich vorbei ist, bietet sich das Imkreisvorlesen an. Jedes Kind, jeder Jugendliche, jeder Erwachsene eine Seite oder ein Kapitel. Sehr gut eignen sich dazu die schon 1967 erschienenen Wawuschels mit den grünen Haaren von Irina Korschunow. Kurze Kapitel, durchgeknallte Geschichten mit feuerspeienden Drachen, die als Herd dienen, und Charaktere mitungewöhnlicher Stimmlage oder Sprachfehlern. Es gibt eine Großmutter, die stets nur piepst; einen Onkel, der unbedingt und zu jeder Zeit schlecht gelaunt ist. Vor allem gibt es aber ein monsterartiges Wesen namens Mamoffel, das fast alle Vokale als "ä" ausspricht. Es ist wie bei den zurecht diskreditierten "Drei Chinesen mit dem Kontrabass", nur pc.

Für Erstvorleserinnen ergibt sich da ein durchaus wildes Buchstabenbild. Aber wer bei "Ganz allän moss äch än där Höhle sätzen" einfach stur liest, was da steht, hört am Ende den Sinn. Selten so Tränen gelacht wie bei "Äch bän där Mämäffel!", drohend und in Zeitlupe vorgetragen von einer Siebenjährigen.  
Von Meike Dülffer 

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Kein Problem, sagt Papa Eisbär

Irgendwann brachte der Mann die Geschichte von dem großen starken Eisbären mit dem depressiven Sohn mit nach Hause. "Was ist denn das?", fragte ich skeptisch. Kein Problem, sagt Papa Eisbär? Das Kind war noch nicht mal zwei. Wir lasen uns gerade durch die reaktionären Geschichten aus der glücklichen Welt von Bobo Siebenschläfer und Karlchen, beides Tiere, deren Väter liebevolle Trottel und Mütter emsige Hausfrauen sind, aber deren Abenteuer den Alltag ansonsten den unseres Kindes widerspiegelte: zu Bett gehen, aufstehen, essen, spielen, in den Zoo gehen. Und jetzt auf einmal eine Geschichte von einer Weltreise eines Bären? 

Wir legten uns auf Sofa und der Mann legte los. Papa Eisbär, der sich eigentlich vor nichts fürchtet, hat eines Tages nämlich doch Angst. Weil sein Sohn Pelle einsam ist. Um ihm zu helfen, schwimmt Papa Eisbär los, Richtung Süden, obwohl er gar nicht so genau weiß, wo das sein könnte und sucht einen Vogel, dessen Singstimme seinen Sohn wieder gesund machen soll. Unterwegs trifft er jede Menge eitle Tiere, die gerne ganz groß rauskommen möchten. Die Talentsuche von Papa Eisbär gerät zu einer herrlich komischen Tournee. Es wird mächtig angegeben. Und weil die Geschichte sehr viele Dialoge enthält, ist sie sehr gut vorzulesen. Wir lachten uns scheckig über den eitlen Löwen und den krächzenden Papageientaucher und den Goldregenpfeifer, der so schön monoton '"tüten" kann. Wir kreischten mit den Affen und fiepten mit dem kleinen Pinguin.    

Warum soll man eigentlich nur Kindern vorlesen? Ich glaube, mein Freund und ich haben es fast mehr genossen als das Kind. Mittlerweile mag die Tochter die Geschichte nicht mehr hören. Vielleicht lesen wir sie uns bald gegenseitig vor. Wenn sie schläft. 
Von Judith Luig

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