Der empirische Bildungsforscher Olaf Köller hat zusammen mit einem Team über ein Jahr lang den Mathematikunterricht in Hamburg evaluiert. Jetzt stellt er seine Ergebnisse vor: Das Team fordert mehr Unterricht, mehr Leistungsüberprüfungen und bessere Lehrkräfte. Die Empfehlungen, sagt Köller, gelten aber nicht nur für Hamburg. 

ZEIT ONLINE: Herr Köller, Sie empfehlen Mathe-Tests für Viereinhalbjährige. Warum?

Olaf Köller: Wir empfehlen, dass schon bei Kindern im Vorschulalter mathematische Vorläuferfähigkeiten untersucht werden, sodass man dann bei Verzögerungen beim Lernstand spezifisch fördern kann.

ZEIT ONLINE: Was muss ein Kind in diesem Alter wissen?

Köller: Es muss die Relation zwischen größer und kleiner beherrschen und einfache geometrische Figuren wie einen Kreis erkennen und benennen können.

ZEIT ONLINE: Momentan gibt es an den Kitas ja ein Sprachlerntagebuch. Sollte es auch ein Rechenlerntagebuch geben?

Köller: Nein, es geht eher um ein einmaliges Diagnostizieren. Die Kinder werden im Rahmen einer Testung von einem Fantasy-Tier auf einem Tablet-Computer dazu aufgefordert, bestimmte Aufgaben zu lösen. Das macht den allermeisten Kindern viel Spaß.

ZEIT ONLINE: Ist Mathematik ein Sorgenfach?

Köller: Mathematik ist neben Sprache die zentrale Kompetenz fürs Leben. Und es ist die Kompetenz, die uns im Verlauf der Schulzeit die größten Sorgen macht. Bereits am Ende der Grundschule haben viel zu viele Kinder den Anschluss verloren. Zudem beobachten wir gerade in diesem Fach große soziale Ungleichheiten. Die entstehen bereits vor dem ersten Schuljahr.

ZEIT ONLINE: Sie empfehlen weiterhin, dass mehr Klausuren und Klassenarbeiten geschrieben werden.

Köller: Ja. Die Klassenarbeit gibt die beste Information über den tatsächlichen Kompetenzstand der Schülerinnen und Schüler. Die sollte nicht durch Referate ersetzt werden, denn in das fließt vieles ein, das nicht fachlich ist. Als Zusatz sind solche Leistungen wichtig, aber nicht als Alternative.

ZEIT ONLINE: Wäre es nicht vor allem wichtig, den Schülerinnen und Schülern die Angst vor der Mathematik zu nehmen?

Köller: Guter Unterricht ist immer angstreduzierend.

ZEIT ONLINE: Und wie kann der aussehen?

Köller: Es ist wichtig, dass die Lehrerinnen und Lehrer konstruktiv mit Fehlern umgehen. Sie müssen die Fehler nicht sofort korrigieren, sondern erst mal ein Bewusstsein bei den Schülern schaffen, dass sie einen Fehler gemacht haben und Fehler Chancen für weiteres Lernen bieten. Sanktionierung hilft hier nicht weiter. 

ZEIT ONLINE: Warum haben wir beim Fach Mathematik so viel Nachholbedarf?

Köller: Wir haben lange Jahre gerade bei der Unterrichtsqualität auf strukturelle Merkmale geschaut. Findet Gruppenarbeit statt? Findet jahrgangsübergreifendes Lernen statt? Die eigentliche Unterrichtsqualität war viel zu wenig im Fokus. Also, welche Aufgaben mit welcher Qualität stellen Lehrkräfte den Schülerinnen? Wie unterstützen sie Schülerinnen und Schüler?

ZEIT ONLINE: Mehr Klassenarbeiten, weniger Gruppenarbeit, das klingt für mich wie eine Rückkehr zu alten Modellen.

Köller: Da verstehen Sie mich falsch. Schüler müssen regelmäßig Lernerfolgskontrollen schreiben, um sicherzustellen, dass sie etwas gelernt haben. Gruppenarbeit wollen wir nicht abschaffen. Wir wollen nur ihre Qualität verbessern. Die zentralen Fragen für einen guten, modernen Unterricht sind: Bringt der Unterricht die Schülerinnen und Schüler zum Denken? Wird die Zeit auch wirklich für Unterricht genutzt? Werden die Schülerinnen und Schüler in den Arbeitsphasen unterstützt?

ZEIT ONLINE: Warum ist Mathe so wichtig?

Köller: Für sehr viele Ausbildungsberufe brauchen Sie mathematische Fähigkeiten. Auch in vielen Studiengängen ist Mathematik zentral. Die extrem hohen Abbruchquoten in den Mint-Studienfächern hätten wir nicht, wenn die Studierenden besser rechnen könnten. 

ZEIT ONLINE: Haben wir das Lesenlernen zu lange priorisiert? 

Köller: Ja. Weiterhin haben wir in den vergangenen zwanzig Jahren versäumt, uns die Unterrichtsqualität der gymnasialen Oberstufe genauer anzuschauen. Hier werden die Defizite angebahnt, die nachher zum Studienabbruch führen. Und schließlich haben wir übersehen, wie wichtig die Frühförderung in Mathematik ist. 

ZEIT ONLINE: Was ist jetzt zu tun?

Köller: Einfache, mathematikdidaktische Vorgehensweisen müssen bereits in der Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher gelehrt werden. Nicht, indem wir schulische Formate oder Inhalte übertragen. Dazu sind die Kinder zu jung. Es geht um spielerische Lerngelegenheiten, mit Bauklötzen zum Beispiel. Es müssen Situationen und Material aus dem Alltag der Kinder sein.