In ganz Deutschland fehlen Lehrkräfte. Doch sind Quereinsteiger die Lösung? Allein in Berlin unterrichten an allgemeinbildenden Schulen über 20 Prozent Quereinsteiger – die Quote hat sich innerhalb eines Jahres bei 27 Schulen mehr als vervierfacht. Wie geht es den Neuen in ihrem Beruf? Eine Quereinsteigerin erzählt.

Von den denkmalgeschützten Wänden bröckelt der Putz, meine Schritte hallen durch die leeren Gänge der Grundschule, ich rieche modernde Tafelschwämme. Plötzlich öffnet sich eine Tür, jemand sieht mich und ruft: "Da! Eine Lehrerin, eine Lehrerin! Fangt sie ein!" – "Nein", schreie ich, "ich bin keine Lehrerin! Nein!" Doch es ist zu spät. Sie kommen mit Keschern, ich renne, aber es sind zu viele. Ich zapple in ihren Netzen. Sie zerren mich zu einer Tür, auf der groß KLASSENRAUM steht, und schubsen mich hinein.

Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt, wache ich schweißgebadet auf. Ich bin keine Lehrerin, ich bin eine Autorin, die hier nebulös anonym bleibt, der Schüler wegen. Allerdings habe ich vor Kurzem einen Arbeitsvertrag als Lehrerin unterschrieben. Niemals wäre der mir wohl angeboten worden, wenn nicht Lehrerinnen und Lehrer derzeit so zupackend gesucht würden, wie ich es geträumt habe.

Denn ich bin schon 55 und nicht nur Berufsanfängerin, sondern berufsbegleitend auch noch Referendarin. Deshalb muss ich zunächst zum anderthalbwöchigen Crashkurs für Quereinsteiger. Wir sehen dort ein Video aus dem Naturwissenschaftsunterricht. In Gruppen sollen die Schüler Experimente durchführen, manche versuchen es, andere dödeln durch die Gegend. Der Lehrer wirkt auf mich genervt.

Wir erarbeiten, ebenfalls in Gruppen, ob wir einen guten oder einen schlechten Unterricht gesehen haben. Die Ansichten gehen von super bis unterirdisch. Als Gesamtergebnis wird festgehalten: Derartige Bewertungen hängen von der eigenen Perspektive ab. Ich vergesse zu fragen, ob man mit einer solchen Stunde die Lehrprobe bestehen würde. Aber das kommt wohl auf die Perspektive der Prüfer an. Und die wiederum hängt von sehr vielen Fragen ab.

Fragen, die uns in Form einer mehrseitigen Checkliste mitgegeben werden: Habe ich erprobte Methoden, auf Störungen zu reagieren? Kann ich am Beginn einer Unterrichtsstunde schnell Aufmerksamkeit herstellen? Kenne ich meine Schüler, ihre Kompetenzen und Interessen? Keine einzige dieser Fragen kann ich bejahen, als ich nur eine Woche nach dem Crashkurs das erste Mal vor einer Klasse stehe. Dafür habe ich einen Unterrichtsentwurf von einer echten, aktiven Lehrerin – von Frau Gruber für Ethik in der 4c. Er wurde in meinem Crashkurs abgesegnet.