In ganz Deutschland fehlen Lehrkräfte. Doch sind Quereinsteiger die Lösung? Allein in Berlin unterrichten an allgemeinbildenden Schulen über 20 Prozent Quereinsteiger – die Quote hat sich innerhalb eines Jahres bei 27 Schulen mehr als vervierfacht. Wie geht es den Neuen in ihrem Beruf? In einer dreiteiligen Serie erzählt hier eine Quereinsteigerin von ihren Erfahrungen.

Im Lehrerausbildungsseminar hüpfe ich von der Fenster- zur Türseite. Denn dort stehen die, deren Unterricht derzeit nicht so gut läuft. Disziplinschwierigkeiten, Schüler prügeln sich im Unterricht, rennen wütend raus. Mit mir stehen zwölf andere Lehrerinnen und Lehrer – fast alle Quereinsteigerinnen an der Tür. Nur vier stellen sich ans Fenster. Ihr Unterricht läuft gut.

Die Seminarleiterin lacht. "Diese die Zwei-Felder-Methode könnte ihr auch mit den Schülern machen." Wir sollen sie etwa fragen: Soll man zurückschlagen, wenn man geschlagen wird? Unsere Seminarleiterin hat noch mehr Ideen: "Oder ihr lasst sie eine Reihe bilden. Wir versuchen das gleich mal. Wie stark hat sich euer Unterricht in den vergangenen Wochen verbessert? Von 1 bis 10, 1 ist bei mir vorne." Die meisten drängen sich im hinteren Drittel des Raums, zwei vorne.

Jemand fragt: "Eignet sich die Methode eher für unruhige Klassen mit Bewegungsdrang oder für müde zur Aktivierung?" Wir schauen gespannt. "Hat jemand eine Idee dazu?", fragt die Seminarleiterin. Ja, irgend jemand hat immer eine Idee. Meistens haben sogar mehrere mehrere Ideen, die sich gegenseitig widersprechen. Ich hätte gerne die richtige Antwort gehört. "Ihr könnt eine Frage aus der Klasse immer an die Klasse zurückzugeben, so wie ich es eben getan habe", sagt die Seminarleiterin stattdessen.

So etwas mache ich nie, erst gestern ist es wieder (nicht) passiert: Lea aus der 3b fragt, ob Schaukel mit "ck" geschrieben werde. "Nur mit k", sage ich und erkläre die Regel. Gespenstische Stille – als habe ich gerade etwas Ungeheuerliches getan. Und genau so ist es auch. Ich habe die Lernchancen etlicher anderer Schülerinnen und Schüler in der Klasse zertrampelt, die gerne versucht hätten, Lea zu helfen. Janis und Leo hätten nicht ganz zutreffende Vermutungen formuliert, Maya hätte es fast richtig gesagt, Piet hätte die Regel perfekt gewusst, aber zu leise gesprochen, als dass Lea es gehört hätte. Was aber egal gewesen wäre, denn sie hätte ihre Frage inzwischen wieder vergessen.

Keine Rezepte, nur Reflexionswissen

Ich weiß, das ist nur eine polemische Verkürzung, die aber zeigt, wie ich am Ausbildungsseminar verzweifle, in dem keine unserer Frage beantwortet wird. Weil hier keine Rezepte verteilt, sondern Reflexionswissen erarbeitet wird. Zeit und Geduld seien gefragt. Bis zu zehn Jahren dauere es, bis man eine Lehrerpersönlichkeit entwickelt habe. Für 55-Jährige wie mich eine absurde Aussicht.

Jetzt im ersten Jahr müssten wir Quersteiger erst mal "überleben" - vor allem unseren referendariatsbegleitenden Unterricht. Bei mir sind das 12 Stunden in der Woche, in denen ich so tue, als sei ich bereits die Lehrerin, die ich an anderen Tagen erst noch zu werden versuche. Zuerst habe ich gelacht: überleben? Hört sich ja ziemlich dramatisch an. Inzwischen sehe auch ich mich immer öfter als Nichtschwimmerin im tiefen Wasser strampeln. "Hilfe, ich geh' unter", schreie ich. Worauf die Bademeisterin die Frage ans Becken zurückgibt: "Hat jemand eine Idee, wie man über Wasser bleiben kann?" Einige japsen was, ich höre es nicht, weil ich am Untergluckern bin.

Quereinsteiger gehen in Rente, sobald sie endlich unterrichten können

Vielleicht entwickeln wir so neue, wunderbar kreative Schwimmstile, aber einige von uns werden auch zu viel Wasser schlucken oder ganz aufgeben. Und mit ihnen die Schülerinnen und Schüler. Ließe sich das nicht mit ein paar klaren Anweisungen verhindern? Etwa die Methode, bockige Schüler drei mal Ja sagen lassen. Das geht so: Bockiger Schüler sagt: "Ich mach den Quatsch nicht!" Lehrerin antwortet: "Ich sehe, du hast gerade null Bock auf diese Aufgabe." Schüler: "Ja!" Lehrerin: "Du findest die total langweilig" Schüler: "Ja, voll langweilig" Lehrerin: "Du würdest jetzt viel lieber Fußball spielen." Schüler: "Stimmt genau!" Erst dann erinnert die Lehrerin daran, dass jetzt aber Unterricht ist. Der Schüler sagt wahrscheinlich wieder ja.

Eine weitere hilfreiche Methode ist, nicht den ersten Schüler dranzunehmen, der sich meldet, sondern leise bis zehn zu zählen, bis andere folgen. Es gibt so viele tolle Rezepte. Ich kenne sie aus Büchern, die ich heimlich lese. Abends schmökere ich noch kurz in Disziplin – kein Schnee von gestern... . Wenn ich morgens aufwache, sehe ich als erstes: Der gestörte Unterricht.

Ich muss meine Stunden entstören vor dem Unterrichtsbesuch

Ich muss meine Stunden nämlich dringend entstören, denn der erste Unterrichtsbesuch steht bevor. Einen umfangreichen Entwurf müssen wir dazu einreichen. Einen weiteren schreiben wir zur Übung in Gruppen im Ausbildungsseminar. Da türmt sich bei mir Unverständnis auf Unverständnis. Wieso ist es so wichtig, wie Lehrkräfte eine einzige Schulstunde unterrichten würden, die sie 37 Stunden lang akribisch vor- und nachbereiten könnten? Wieso interessiert nicht viel mehr unser normaler Unterricht und wie der sich verbessern ließe? Wieso üben wir das Schreiben von Unterrichtsentwürfen, aber niemals das Unterrichten?

"Ich werde wahnsinnig", raune ich meiner Nachbarin zu. Ich seufze, ich rutsche auf meinem Stuhl herum. Gleich werfe ich meine Federtasche, kullere über den Boden, zertrümmere den Mülleimer. Ich regrediere zu der Schülerin, die ich einmal war: eine notorischen Störerin. Solche wie ich gehen nicht von der Schule, um möglichst schnell als Lehrerin dorthin zurückzukehren. Die brauchen dazu Jahrzehnte, die werden allenfalls im Quereinstieg Lehrerinnen. Ich glaube daran, dass es auch solche Leute an der Schule geben muss. Auch wenn sie in Rente gehen, sobald sie endlich vernünftig unterrichten können.