Das Abitur in Deutschland ist nach Ansicht des Deutschen Philologenverbands nicht streng genug. Abiturnoten müssten aussagekräftiger sein, "wenn wir wollen, dass die jungen Menschen gut auf das Arbeitsleben oder ein Studium vorbereitet werden", sagte die Vorsitzende des Verbands, Susanne Lin-Klitzing. Auch die Empfehlungen für weiterführende Schulen müssten verbindlicher werden.

Heute gelte ein Beschluss der Kultusministerkonferenz, dem zufolge eine Prüfung als bestanden gilt, auch wenn die Schülerin oder der Schüler weniger als die Hälfte der Aufgaben gelöst hat, sagte Lin-Klitzling. "Hier sollte wieder die Hälfte als Mindestniveau gelten." Um die Note "sehr gut" zu erhalten, müssten derzeit nur 90 Prozent der Aufgaben gelöst werden. "Hier sollte zu 100 Prozent zurückgekehrt werden", forderte die Erziehungswissenschaftlerin.

Lin-Klitzing begründete ihre Vorschläge mit den Anforderungen im Berufsleben. "Andernfalls erhalten viele Schülerinnen und Schüler eine positivere Rückmeldung über ihre Leistung, als es ihrem realen Stand entspricht", sagte sie. "Jenseits der Schule kann eine entsprechend falsche Selbsteinschätzung aber Probleme für die Betroffenen bringen."

Bundesweite Tests am Ende der Grundschule

Die Abiturnoten in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren nur leicht verbessert. Die Gründe für die Entwicklung sind unklar. Zum Beispiel lag der Notenschnitt in Nordrhein-Westfalen 2017 bei 2,45, zehn Jahre vorher lag er noch bei 2,64. In Thüringen verbesserte sich der Schnitt im gleichen Zeitraum von 2,33 auf 2,18. In Baden-Württemberg lag das Notenmittel 2017 bei 2,42, zehn Jahre zuvor noch bei 2,40.

Auch für Grundschüler schlug Lin-Klitzing Änderungen vor: "Die Grundschulempfehlung sollte wieder verbindlicher werden." In den meisten Bundesländern könnten die Eltern heute alleine entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihr Kind wechselt. Das sei einseitig.

Stattdessen sollten Lin-Klitzings Vorstellung zufolge Elternwunsch und Lehrerurteil mit bundesweiten Tests in der letzten Grundschulklasse gemäß bundesweiten Standards kombiniert werden. "Die Noten für diese Tests sollten als ein Bestandteil in die Grundschulempfehlung eingehen. Dazu sollte die Empfehlung der Lehrer auf Basis der weiteren Leistungen der Schülerinnen und Schüler sowie das Votum der Eltern kommen."

Verband Bildung und Erziehung kritisiert "müßige Diskussion"

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisierte die Vorstöße als "müßige Diskussion". Noten seien nur begrenzt aussagefähig, sagte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann. "Im Endeffekt geht es doch darum, dafür Sorge zu tragen, dass die Schülerinnen und Schüler mit dem Abitur tatsächlich nicht nur die Berechtigung, sondern die Befähigung zum Studieren oder für den Berufseinstieg erworben haben."

Für Grundschüler sei die Empfehlung der Lehrer kombiniert mit der Einschätzung der Eltern eine solide Grundlage für die beste Entscheidung. "Die Entwicklung eines Kindes lässt sich am besten von denjenigen einschätzen, die tagtäglich Zeit mit ihm verbringen: den Eltern und Lehrkräften", sagte Beckmann. "Neun- bis Zehnjährige unter Druck zu setzen und in einem Mini-Abitur zukunftsrelevante Entscheidungen herbeizuführen, halte ich nicht für zielführend." Festgelegte Notendurchschnitte, wie sie in Bayern über den Zugang zu weiterführenden Schule entscheiden, "setzen Kinder unter nicht zu rechtfertigenden psychischen Druck".