Die Note entscheidet. 440.000 Schülerinnen und Schüler haben 2017 in Deutschland die Hochschul- oder Fachhochschulreife erworben. 2018 dürften es sogar noch mehr sein. Aber nur wer gut abschneidet, kann auch wirklich studieren, was er will. Doch ist Abinote gleich Abinote? Der Deutsche Philologenverband fordert jetzt eine strengere Benotung der Abiturientinnen und Abiturienten. Wir haben bei der Vorsitzenden nachgefragt, warum.

ZEIT ONLINE: Frau Lin-Klitzing, der Deutsche Philologenverband hat gerade in einem Interview ein strengeres Abitur gefordert. Das ist verwirrend. Lehrer fordern ein strengeres Abitur? Sie könnten doch einfach die Leistungen der Schüler strenger bewerten.

Susanne Lin-Klitzing: Nein, das können sie nicht. Die Bundesländer und damit die Lehrerinnen und Lehrer in den Bundesländern, sind der Notenverordnung für die Oberstufe der Kultusministerkonferenz unterstellt. Diese 2016 hat beschlossen, für weniger erbrachte Leistung bessere Noten zu vergeben. Dadurch aber entsteht ein Missverhältnis zwischen erbrachter Leistung und ihrer Bewertung. Ich fordere kein strengeres Abitur, sondern eine angemessene Leistungsbewertung.

ZEIT ONLINE: Was müssen Schülerinnen und Schüler für ein Abitur heute leisten? 

Lin-Klitzing: Die aktuelle Notenverordnung besagt, dass man mit 45 Prozent erbrachter Leistung mit 5 Punkten bewertet wird, also bestanden hat. Bei 85 Prozent gibt es bereits ein knappes "Sehr gut", bei 90 Prozent eine glatte eins. Verstehen Sie mich nicht falsch: Gute Leistung muss gut bewertet werden, aber nicht ausreichende Leistung darf eben nicht als ausreichend gelten. 

ZEIT ONLINE: Warum hat die Kultusministerkonferenz die Bewertungskriterien geändert?

Lin-Klitzing: Da fragen Sie die Falsche. Vielleicht haben die Minister in der KMK nicht genau genug hingeschaut.

ZEIT ONLINE: Was würde eine Anhebung der Anforderungen fürs Abitur verbessern? 

Lin-Klitzing: Nur wenn die Leistungen der Schülerinnen und Schüler angemessen und differenziert bewertet werden, macht das weitere Lernen Lust und Freude. Die KMK sollte die Leistungsansprüche nicht ohne Not senken. Das sendet das falsche Signal. Es wird im Abitur viel geleistet, sowohl von den Schülern als auch von den Lehrkräften. Diese Mühe sollte auch mit einer adäquaten Bewertung gewürdigt werden.

Die Struktur des Abiturs ist gut

ZEIT ONLINE: Gibt es ein generelles Problem mit der Struktur unseres Abiturs?

Lin-Klitzing: Nein. Wir haben grundsätzlich eine gute Struktur des Abiturs und unsere Abiturienten können auch wirklich viel. Ich will das Abitur nicht schlechtreden. Mir geht es um eine angemessene Leistungsbewertung.

ZEIT ONLINE: Das Hamburger Abitur galt mal als das einfachste bundesweit, das bayerische rühmt sich gern, das schwerste zu sein. Doch in jüngster Zeit wird verstärkt daran gearbeitet, ein bundesweites Zentralabitur zu etablieren. Gibt es da Fortschritte?  

Lin-Klitzing: Zwischen den Bundesländern gibt es inzwischen mehr Austausch. Die Vergleichbarkeit wird besser. Aber es gibt immer noch große Unterschiede. So sollten Deutsch, Mathematik, eine Fremdsprache und eine Naturwissenschaft verbindlich in der gesamten Oberstufe belegt werden. In manchen Bereichen können Schülerinnen und Schüler auch mehr, als ihnen in den Aufgaben aus dem gemeinsamen Abiturprüfungspool abverlangt wird. Zum Beispiel wird in der Oberstufe längst ein einsprachiges Wörterbuch benutzt, bei der Abiturprüfung darf es dann aber wieder ein zweisprachiges sein.  

ZEIT ONLINE:  Wie relevant ist die Abiturnote fürs Leben?

Lin-Klitzing: Die Abiturnote ist nach wie vor die beste Prognose dafür, wie jemand sein Studium meistern wird. Außerdem ist das Abitur der Abschluss von 12 bis 13 Jahren Schulzeit. Wir sollten es ernst nehmen. Und wir sollten auch nach vorne schauen und die Universitäten stärker miteinbeziehen, wenn es um die Inhalte der Abiturprüfungen geht. Immerhin geht es beim Abitur vor allem um die allgemeine Studierfähigkeit und Hochschulreife. Was muss jemand wissen, was muss jemand können, damit er studieren kann?