Sollen Schülerinnen und Schüler die Schule schwänzen, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren? In immer mehr Städten und an immer mehr Schulen stellt sich diese Frage, seit die Protestbewegung Fridays for Future nach Deutschland geschwappt ist. Die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg hatte sie begonnen; in Belgien gingen laut Polizei am Donnerstag 32.000 Schülerinnen und Schüler auf die Straße, in Deutschland waren es dem Aktionsnetzwerk zufolge am vergangenen Freitag mehr als 25.000. Am heutigen Freitag werden sich wieder Tausende versammeln, diesmal vor dem Bundeswirtschaftsministerium. Dort tagt die Kohlekommission.

Die 28 Mitglieder der Kohlekommission – Energieexperten, Wirtschaftslobbyisten, Gewerkschafter und Umweltschützer – sollen im Auftrag der Bundesregierung aufschreiben, wie der deutsche Ausstieg aus der Kohleverstromung klappen könnte. Damit in Deutschland endlich weniger CO2 in die Atmosphäre gelangt. Weil sich aber die meisten der 28 eher wenig für den Klimaschutz interessieren und der gemeinsame Plan scheitern könnte, wollen die Schülerinnen und Schüler Druck machen.

Schulleiter und Aufsichtsbehörden gehen unterschiedlich mit dem Unterrichtsausfall um. Einige gewähren eine Beurlaubung, wenn Eltern sie beantragen. Andere akzeptieren eine Demo nicht als Entschuldigung für den Unterrichtsausfall. Sie finden Erdkunde wichtiger als eine Demo zur Rettung der Erde. Und sie wundern sich, dass manche das anders sehen.

Wie verrückt ist das denn!

Alle halbwegs gebildeten Erwachsenen wissen doch, dass der Klimawandel sich beschleunigt. Alle wissen, dass deswegen aus Schornsteinen und Auspuffern möglichst bald kein klimaschädliches CO2 mehr aufsteigen sollte. Und sie wissen auch, dass die Bundesregierung dafür endlich die nötigen Gesetze schreiben muss, sie sich davor aber drückt.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier schützt lieber die kurzfristigen Interessen der Wirtschaft und warnt vor einem schnellen Kohleausstieg. Verkehrsminister Andreas Scheuer stellt sich vor die Autoindustrie und verhindert strengere Grenzwerte für Abgase. Agrarministerin Julia Klöckner arbeitet für die Großbauern und die intensive Landwirtschaft, obwohl deren Art zu Düngen und Tiere zu halten der Umwelt massiv schadet. Nur das Klima selbst, das schützt keiner.

Darüber sollen sich Schüler nicht aufregen? Es ist doch eher erstaunlich, dass sie so lange brav gewesen sind. Wir, also die meisten Eltern und auch die meisten Lehrerinnen und Lehrer werden die schlimmen Auswirkungen des Klimawandels kaum spüren. Wenn es ganz arg wird, sind wir wahrscheinlich tot. Bei den Kindern und Jugendlichen, die heute zur Schule gehen, wird das, was in 20 Jahren passiert, mitten ins Leben krachen. Sie müssen dann wiederum ihren Kindern erklären, warum der Sommer zu heiß ist und der Winter verrückt spielt, warum Menschen aus Afrika von ihren verdörrten Feldern fliehen und Länder im Meer versinken – und warum ihre Eltern sie lieber in die Schule geschickt haben, als etwas dagegen zu tun.

Im Sinne der Schulgesetze

Sicher, man kann grundsätzlich argumentieren: Kinder lernen in der Schule viel über die Welt und auch darüber, wie man (nicht nur mathematische) Probleme löst. Also beispielsweise, wie der Klimawandel funktioniert. Deswegen sollten sie auch in die Schule gehen. Politisch aktiv werden und Probleme lösen können sie, wenn sie groß sind. Noch übernehmen das die Erwachsenen für sie. Nur stimmt das in diesem Fall ja so nicht. Die Kinder von heute können sich nicht darauf verlassen, dass wir die Probleme lösen, unter denen sie morgen leiden werden. Also müssen sie heute selbst dafür kämpfen – auch wenn das gegen die Schulordnung verstößt.

Auf die unentschuldigten Fehlstunden im Zeugnis sollten sie stolz sein. Wenn sie für eine Demo zum Klimaschutz ein paar Stunden Unterricht verpassen, tun sie das ganz im Sinne der Schulgesetze. In dem Schulgesetz für Berlin steht beispielsweise: "Ziel (der Schule) muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie und im Einklang mit Natur und Umwelt zu gestalten."

Schülerinnen und Schüler, die sich für die Umwelt einsetzen, entwickeln sich aller Wahrscheinlichkeit nach zu genau solchen Persönlichkeiten. Sie lernen an einem Demotag, beim Aktivieren ihrer Mitschüler, dem Malen von Transparenten, beim Organisieren einer klimaneutralen Anreise und den Diskussionen (vielleicht sogar mit Lehrern und Eltern) mehr über bürgerliches Engagement als in so mancher Politikstunde.