Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beklagt eine bundesweite Personalnot bei Kindertagesstätten. "Die Lage ist dramatisch schlecht", sagt GEW-Hauptvorstandsmitglied Björn Köhler. "Eigentlich bräuchten wir 100.000 Leute sofort, um vernünftig zu arbeiten." Es fehlten überall Kitaplätze, einige Kitas müssten ihre Öffnungszeiten reduzieren, andere könnten vorübergehend gar nicht öffnen, weil Personal fehlt. Die niedersächsische Stadt Achim hat zum Beispiel im Kitajahr 2017/2018 an 78 Tagen das Betreuungsangebot reduziert oder ganz geschlossen. Eine Kitaleiterin aus Berlin sagte ZEIT ONLINE: "Draußen vor unserer Kita hängt ein Zettel, auf dem steht, dass wir für 2018 und 2019 keine Plätze mehr haben."

Insgesamt arbeiteten im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt 724.109 Menschen als Erzieherinnen und Erzieher, die meisten davon in Teilzeit. Bis zum Jahr 2025 bräuchte es laut GEW mindestens 300.000 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher, um den jetzigen Standard zu halten. Wenn Deutschland die Qualität verbessern wolle, seien wahrscheinlich rund 500.000 zusätzliche Fachkräfte nötig, sagt Köhler. Eine Studie für das Familienministerium geht von 200.000 fehlenden Fachkräften bis 2030 aus.

Bundesfamilienministerium sichert Millionengelder zu

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) will die Bundesländer deshalb von Sommer 2019 an bis 2022 mit rund 300 Millionen Euro unterstützen. Die Bundesmittel sollen die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen der Kitafachkräfte verbessern. "Vor allem in städtischen Ballungsräumen sind teilweise gravierende Engpässe zu verzeichnen", sagte eine Ministeriumssprecherin. Diese Engpässe entstehen zum Beispiel, wenn Kinderpflegerinnen und -pfleger krank werden, Urlaub nehmen oder kündigen und sich dann keine Nachfolge findet. 

Einen Grund für den Personalmangel sieht die Gewerkschaft GEW in der bisherigen Ausbildungssituation. Ein großes Problem sei die Bezahlung, sagt Köhler. Eine Erzieherin durchlaufe in der Regel eine vier- bis fünfjährige unbezahlte Ausbildung. Früher mussten viele Auszubildende sogar Schulgeld bezahlen. "Das drückt aus, wie unsere Gesellschaft mit diesen Berufen lange Jahre umgegangen ist. Während andere männlich geprägte Berufe Wertschätzung, also Ausbildungsentgeld, bekommen haben, musste man bei der Erzieherinnenausbildung lange Jahre noch Geld mitbringen." Nun gebe es endlich ein Umdenken. "Wir müssen deutlich machen, welchen Wert der Beruf für unsere Gesellschaft hat."