Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung hat über 1.000 Lehrer danach befragt, was für sie die größten Herausforderungen an den Schulen sind. Neben den politisch akuten Themen Lehrermangel (30 Prozent) und Inklusion (22 Prozent) landete dabei ein weiteres Thema weit vorne: der Umgang mit den Eltern der Schüler (22 Prozent).

Die Umfrage war offen, das heißt, die befragten Lehrer haben selbst formuliert, was sie für die größte Herausforderung halten und konnten, wenn sie wollten, auch mehrere Themen angeben.

Das Topthema Lehrermangel beschäftigt schon seit Langem auch die Politik. Bis 2025 könnten laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung etwa 35.000 Lehrerinnen und Lehrer allein an den Grundschulen fehlen. Eine schnelle Lösung wird es nicht geben. Deshalb werden Quereinsteiger eingestellt und Pensionäre zurück in die Schulen geholt, Stellen bleiben frei.

Das zweite Thema, die Inklusion, können Lehrer aus verschiedenen Gründen für ein drängendes Problem halten. Manche von ihnen werden Gegner des Konzepts sein, behinderte Kinder oder etwa Kinder mit sozialen Schwierigkeiten am regulären Unterricht teilnehmen zu lassen. Aber auch diejenigen, die für Inklusion sind, können es im Alltag für ein Problem halten, weil aktuell oft die Ressourcen fehlen, um wirklich inklusiv zu unterrichten – beispielsweise Förderlehrer und anderes zusätzliches Personal.

Ähnlich verhält es sich mit der Integration von Kindern aus Migrantenfamilien. Auch hier sehen viele Lehrkräfte Probleme. Schon lange fordern Bildungswissenschaftler, dass Schulen mit multiprofessionellen Teams arbeiten sollten - mit Lehrerinnen, Sozialpädagogen, Erziehern, Förderlehrern, Psychologinnen, je nach Bedarf der Schule. Das würde nicht nur Kindern helfen, die Behinderungen haben, schlecht deutsch sprechen oder wenig Unterstützung von zu Hause haben. Doch auch von diesen Fachleuten gibt es zu wenige. 

Noch vor der Integration landet in der Umfrage aber der Umgang mit den Eltern. Jeder fünfte Lehrer sieht das als größte Herausforderung, an Grundschulen sind es sogar 32 Prozent. Nur lässt sich aus den Zahlen nicht herauslesen, wer besonders viel Mühe macht. Die überbesorgten Bildungsbürger, die den Methoden und Inhalten der Lehrer nicht trauen oder ihr Kind unbedingt am Gymnasium sehen wollen? Oder die Eltern, die nie zum Elternabend oder zur Sprechstunde erscheinen?  Umgekehrt haben Umfragen gezeigt, dass Eltern die Lehrer ihrer Kinder eigentlich meist schätzen. Jedenfalls würde es sich offensichtlich lohnen, über bessere Konzepte und mehr Zeit für die Elternarbeit nachzudenken, damit Lehrer die Eltern häufiger zu Unterstützern machen können.

Natürlich finden Lehrer auch die Schüler selbst anstrengend. 23 Prozent der Lehrer und Lehrerinnen klagen allgemein über das Verhalten der Schüler, nur 3 Prozent nennen explizit Gewalt und Aggressivität. Dass Schülerinnen und Schüler nicht lernen wollen oder undiszipliniert sind, beklagen 17 Prozent. An Hauptschulen, Realschulen und Gesamtschulen ist diese Zahl mit 26 Prozent allerdings deutlich höher als an Grundschulen oder Gymnasien.

Grundschulen treffen die Herausforderungen besonders stark

Insgesamt fällt auf, wie stark die Grundschulen mit diesen Problemen belastet sind. Gymnasien bieten schließlich selten Inklusionsklassen an, sie sind auch vom Lehrermangel am wenigsten betroffen. Laut Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) haben inzwischen ein Drittel der Grundschüler einen sogenannten Migrationshintergrund. Laut Umfrage forsa-Umfrage stören auch Schüler und Eltern in den Grundschulen deutlich mehr als in anderen Schulformen. In anderen Studien der vergangenen Jahre hat sich gezeigt, dass all diese Belastungen Folgen haben. Die Leistungen der Grundschüler sind schlechter geworden

Um den Beruf des Grundschullehrers attraktiver zu machen, schlagen Gewerkschaften und Lehrerverbände vor, das Gehalt anzuheben. Und entsprechend befürworten in der Forsa-Umfrage  drei Viertel der Lehrer und Lehrerinnen, dass alle gleich viel verdienen – nämlich das höhere Gehalt der Gymnasiallehrer. 91 Prozent der Grundschullehrer wollen das, aber nur 54 Prozent der Gymnasiallehrer.  

Wer an einer Schule arbeitet, an der auch Quereinsteigerinnen beschäftigt sind, wurde außerdem gefragt, ob das problematisch sei. Etwas mehr als die Hälfte aller Lehrer hat das bejaht. Aber wieder sind besonders die Grundschullehrer betroffen. Fast 70 Prozent von ihnen hielten den Einsatz von Quereinsteigern für schwierig – vor allem weil sie sich mit Pädagogik und verschiedenen Lernmethoden nicht auskennen. Kein Wunder, denn damit die Kleinen lernen können, ist die Pädagogik und Methodenvielfalt oft viel entscheidender als das Fachwissen. Allerdings sind ältere Lehrer mit mehr als 30 Jahren Berufserfahrung besonders skeptisch gegenüber den Quereinsteigern. Möglicherweise sind die jungen gnädiger, weil sie selbst noch Zeit brauchen, um die für sie passenden Methoden und Regeln einzuüben.

Stress und die Digitalisierung belasten die Gymnasien

Es gibt allerdings auch Bereiche, in denen Gymnasiallehrer größere Probleme haben als Grundschullehrer. So leiden sie mehr unter der Arbeitsbelastung und unter organisatorischen Aufgaben. Sie müssen schließlich mehr korrigieren und vorbereiten als Lehrer an anderen Schulformen.

Außerdem machen sich Gymnasiallehrer mehr Sorgen um die Digitalisierung. Zwar sind die Gymnasien laut Umfrage häufiger gut mit digitalen Medien ausgestattet als Grundschulen – aber es sind immer noch deutlich weniger als die Hälfte. Bayerische Schulen haben offensichtlich mehr funktionierende Computer und WLAN als die in Nordrhein-Westfalen. Insgesamt belegt die Umfrage aber: Der Digitalpakt, der vor Kurzem endlich beschossen wurde, wird wirklich dringend benötigt. Es fehlen laut Umfrage vor allem die Geräte und das WLAN. Der Bund gibt genau dafür bald 5 Milliarden Euro aus.

Anmerkung: DIE ZEIT und ZEIT ONLINE kooperieren im Rahmen des "Deutschen Schulportals" mit der Robert-Bosch-Stiftung, dem Auftraggeber der Umfrage.