Die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern scheint an einem Tiefpunkt angekommen. In einer gerade veröffentlichten Forsa-Umfrage nennt jeder fünfte Pädagoge die Eltern der Schüler als die größte Herausforderung seines Berufs. Was ist da eigentlich los? 

Stephan Wassmuth ist Vater von fünf Kindern, vier davon aktuell Schüler. Und er ist seit 2016 Vorsitzender des Bundeselternrats.  

ZEIT ONLINE: Herr Wassmuth, haben Lehrer Angst vor Eltern?

Stephan Wassmuth: Den Eindruck haben wir manchmal, aber dazu gibt es aus unserer Perspektive gar keinen Grund. Es ist gerade noch mal von der Kultusministerkonferenz festgestellt worden, dass der Erziehungsauftrag bei Eltern und bei der Schule gemeinsam liegt. Und in vielen Fällen klappt das auch gut.

ZEIT ONLINE: In einer aktuellen Umfrage nennen über 20 Prozent der Lehrer die Zusammenarbeit mit den Eltern als ihr größtes Problem. Bei der Grundschule sind es sogar 32 Prozent. Was sagen Sie als Vertreter der Eltern dazu?

Wassmuth: Die Zahlen schockieren mich. Allerdings glaube ich, dass es da nicht um den einzelnen Schüler, sondern eher um die strukturellen Probleme geht, die es in der Schule gibt. Dagegen wehren sich Eltern sehr. Stichwort Lehrermangel: Mein Sohn hat Chemie als Leistungskurs, er steht kurz vor dem Abi, aber seit einigen Monaten fällt der Unterricht aus, weil Lehrer fehlen.  

ZEIT ONLINE: Wir reden hier also gar nicht über die Helikopter-Eltern, die Lehrer mit ihren Erwartungen nerven?

Wassmuth: Ich glaube, viele Lehrer haben vor allem Schwierigkeiten mit dem Elternsprechtag. Und da kann ich sie sogar verstehen. Dieser Elternsprechtag, der ja vom Schulgesetz vorgeschrieben wird, ist nichts Besseres als Elternhopping. In kürzester Zeit müssen da Lehrer Leistungen und Verhalten der unterschiedlichsten Schüler besprechen. Das bedeutet nur Stress für alle.   

ZEIT ONLINE: Sollte man ihn abschaffen?

Wassmuth: Ja. Der Elternsprechtag ist überflüssig. Elterngespräche sollten auf Vereinbarung stattfinden. Und nur dann, wenn es ein Thema gibt, das Lehrer und die jeweiligen Eltern miteinander besprechen wollen. 

ZEIT ONLINE: Wie könnten denn die Elternabende besser laufen?

Wassmuth: Wenn es einen regelmäßigen Austausch der Beteiligten gibt, bleibt am Elternabend mehr Zeit, über Dinge zu reden, die die ganze Klasse betreffen. Es gibt aber Lehrer, die reduzieren ihren Kontakt mit den Eltern auf den Elternabend. Da laufen dann alle Probleme in der Klasse zusammen. Deswegen sind die Elternabende so unbeliebt.   

ZEIT ONLINE: Probleme entstehen auch dadurch, dass die Eltern eine ganz andere Perspektive auf ihre Kinder haben als die Lehrer. Können wir unsere Kinder nicht mehr richtig einschätzen?

Wassmuth: Eltern sollten in jedem Falle sich erst mal in Ruhe anhören, was der Lehrer zu sagen hat. Es herrscht eine große Angst, dass Lehrer ihre Schüler in Schubladen stecken und ihnen so Entwicklungsmöglichkeiten verbauen. Das gilt vor allem für die Zeit in der Grundschule, in der es darum geht, auf welche weiterführende Schule das Kind geht. Ich glaube aber, dass diese Angst unbegründet ist. 

ZEIT ONLINE: Wie ist das Vertrauen zwischen Lehrern und Eltern verloren gegangen?  

Wassmuth: Vor ein paar Tagen war ich auf einem Forum der didacta. Da gab es einige Lehrer, die vertraten die Meinung, die Eltern sollten am besten gar nicht mitreden. Lehrer würden schon alles richtig machen. Das ist natürlich eine Haltung, die Eltern nicht hinnehmen wollen. 

ZEIT ONLINE: Sind die Schulen schlechter geworden oder die Eltern anspruchsvoller?

Wassmuth: Die Gesellschaft hat sich verändert. Früher, zu Zeiten meiner Großmutter zum Beispiel, hatte man mehr Respekt vor dem Lehrer. Sein Urteil wurde nicht hinterfragt. Heute ist das anders. Da gibt es viel Kritik. Das liegt aber auch daran, dass es sehr viele Fehler im Bildungssystem gibt. Wir hatten in Deutschland immer ein gutes Bildungssystem, aber das ist leider längst nicht mehr so.  

ZEIT ONLINE: Die Lehrer sind also gar nicht das Problem?

Wassmuth: Viele Lehrer sind frustriert. Sie könnten viel bessere Pädagogen sein, aber es fehlt einfach an so vielen Dingen. Auch bei der Digitalisierung: Wie sollen Lehrer sinnvoll Programmieren lehren, wenn es an einer Schule nur zwei Computer gibt, um die sich alle streiten?  

Anmerkung: DIE ZEIT und ZEIT ONLINE kooperieren im Rahmen des Deutschen Schulportals mit der Robert-Bosch-Stiftung, dem Auftraggeber der Umfrage.