Um zu verstehen, was für ein Gewinn gelungene Inklusion für Einzelne und die Gesellschaft sein kann, muss man sich nur den Dokumentarfilm Die Kinder der Utopie ansehen, der im Mai ins Kino kommt. Darin kommt vor: eine junge Frau mit Behinderung, die, nachdem sie ihre Ausbildung zur Altenpflegerin abgeschlossen hat, in einer Behinderteneinrichtung arbeitet. Sie kann sich schließlich gut einfühlen. Sie weiß doch, wie es ist, angestarrt zu werden. Ein zweiter Protagonist des Films ist ihr ehemaliger Mitschüler, ein Student ohne Behinderungen. Er glaubt, dass er besser mit seiner Homosexualität umgehen konnte, weil er schon früh gelernt hat, dass Menschen anders sein dürfen. Beide haben als Kinder eine Grundschule in Berlin besucht, an der Inklusion schon vor Jahren selbstverständlich war. Davon profitieren sie bis heute.

Sie sind damit nicht allein. 80 Prozent aller Eltern, deren Kinder eine inklusive Schule besuchen, finden, dass Inklusion ihren Kindern guttut. Das hat eine soeben erschienene Umfrage von Infas im Auftrag von Aktion Mensch und DIE ZEIT ergeben.

Am heutigen Dienstag ist es zehn Jahre her, dass Deutschland die UN-Behindertenkonvention unterzeichnet und damit versprochen hat, dass Kinder mit Behinderungen das gleiche Recht auf Bildung in den Regelschulen bekommen wie alle anderen auch. Damit sie nicht von der Gesellschaft isoliert werden und den für sie bestmöglichen Schulabschluss schaffen können. Grundschulen leben inzwischen den Gedanken oft schon erfolgreich, auch wenn es immer noch an Ressourcen und Erfahrung fehlt. Aber sie waren schon immer Schulen für alle.

Inklusion passt nicht zu unserem exklusiven Schulsystem

Nach der Grundschule bleibt die Inklusion vielerorts jedoch eine Utopie. Es fehlen überall ausgebildete Pädagogen, die die Zeit finden, jedem Schüler beizustehen, ob mit oder ohne Behinderung. Nicht einfach zu lösen beim aktuellen Lehrermangel. Manche Eltern geben ihre Kinder dann doch lieber in Förderschulen, weil die mehr Zeit haben oder zielgerechter helfen können.

Allerdings passt die Idee der Inklusion auch schlichtweg nicht zum deutschen Schulsystem, das nach meist nur vier Grundschuljahren Kinder nach Leistung trennt. Diese Exklusivität widerspricht dem Inklusionsgedanken prinzipiell. Wer viel leistet, landet auf dem Gymnasium, wer nicht, in den restlichen Schulen mit den vielen Namen. In manchen Haupt-, Sekundar-, Gemeinschafts- oder Gesamtschulen sammeln sich Kinder aus ungebildeten oder armen Elternhäusern, Kinder, die nicht gut Deutsch sprechen, Kinder, die sozial auffällig sind und Kinder mit Behinderungen. Als ginge es am Gymnasium um nichts anderes als um gute Noten, an den anderen Schulen nur darum, die Übriggebliebenen zu bändigen. An der einen Schulform kommt im schlimmsten Fall das Soziale zu kurz, an der anderen kann die Leistung auf der Strecke bleiben.

Schaut man sich an, wie Inklusion bewertet wird, zeigt sich eine ähnliche Spaltung. In der Umfrage von Infas glaubt die Mehrheit der Befragten zwar, dass Inklusion das Soziale fördert. Aber die Hälfte denkt, dass die Leistungen darunter leiden. Mehr als drei Viertel der Befragten sagen, dass ein inklusives Schulsystem zu mehr Toleranz, Engagement und einem besseren Miteinander in der Gesellschaft führen könne. Aber etwa 50 Prozent finden, dass leistungsstarke Kinder damit ausgebremst würden. Zwar glauben 64 Prozent der Eltern ohne Erfahrung mit Inklusion, dass ein solches Schulsystem immerhin die leistungsschwachen Schüler zu einem guten Abschluss führen könne, aber nur 48 Prozent der Eltern bestätigen das, die inklusive Schulen erlebt haben. 

Inklusion geht nicht als Sparprogramm

Inklusion ist also ein Grund mehr für leistungsbewusste Eltern, ihr Kind am Gymnasium unterzubringen. Dort werden Schülerinnen und Schüler noch immer weitgehend davon verschont oder bekommen es nur mit der harmloseren Version der Inklusion zu tun: leistungsstarke Schülerinnen und Schüler mit körperlichen oder geringfügigen geistigen Behinderungen oder Kinder, die in vielen Fächern doch wieder getrennt unterrichtet werden. Das ist nicht überraschend: Wenn man Grundschüler mit Dreien und Vieren auf dem Zeugnis nicht aufnehmen will, wie will man da geistig behinderte Kinder integrieren, die keine Chance haben, das Abitur zu bestehen? Zwar ist es politisch erwünscht, aus Sicht der Gymnasien ist es trotzdem falsch.

Dabei lernt am Gymnasium längst nicht mehr nur eine kleine, wohlerzogene Elite. In einigen Bundesländern besuchen schon mehr als 50 Prozent aller Kinder das Gymnasium. Soziale und psychische Probleme wie Mobbing, Magersucht, Internetsucht und ein breites Leistungsspektrum gibt es hier auch. Nur fehlen oft die Zeit und die Experten, darauf einzugehen.

Das Gymnasium ist selbst längst eine Gemeinschaftsschule

Warum sollen wir also den Grundgedanken der Inklusion nicht zu Ende denken? Ja, das Gymnasium abzuschaffen ist in Deutschland eine noch größere Utopie als die Inklusion selbst. Aber in Wirklichkeit ist es sowieso längst eine Gemeinschaftsschule geworden, die sich öffnen muss für individualisiertes Lernen, für Sozialarbeiter und Psychologen. Warum sollten also nicht gleich alle Schüler gemeinsam lernen bis zur 10. Klasse? Und warum sollten die Schulen nicht das Beste aus beiden Welten zusammenführen: Mathe, Englisch, Deutsch auf höchstmöglichem Niveau für jedes Kind. Und gleichzeitig erkennen, dass Leistung und die spätere Karriere nicht der einzige Weg zum Glück sind. Schüler können stolz beobachten, wenn sie jemanden mitreißen konnten zu Höchstleistungen, dem das vorher niemand zugetraut hat. Oder demütig anerkennen, wenn Zählen lernen ein Riesenerfolg für einen Mitschüler ist, während man selbst gerade die Differenzialrechnung verstanden hat.

Im Sparprogramm wird es allerdings nicht funktionieren, ob mit oder ohne Gymnasium. Barrierefreiheit und Räume, die individualisiertes Lernen ermöglichen, kosten Geld. Eine Lehrkraft, die allein vor 30 sehr unterschiedlichen Schülern steht, muss scheitern. Teams aus Gymnasial- und Förderlehrerinnen, aus Erziehern, Sozialarbeiterinnen, Pflegern, Integrationshelfern und Psychologinnen müssen zusammenarbeiten, um jedem Kind gerecht zu werden. Einer begeisterten Lernerin genauso wie einem Jugendlichen mit Behinderungen oder einem, der gerade in einer heftigen pubertären Krise steckt. Das wäre echte Inklusion.  

Mehr zum Thema 10 Jahre Inklusion und der Umfrage von ZEIT und Aktion Mensch finden Sie in der kommenden ZEIT vom 28. März.

Mehr zum Film "Kinder der Utopie" lesen Sie hier.