ZEIT ONLINE: Herr Neumann, werden Abiturnoten extremer? Dass es immer mehr sehr gute Noten mit einem Schnitt im Einserbereich gibt, ist schon länger bekannt. Doch aktuelle Zahlen zeigen, dass auch zunehmend Schülerinnen und Schüler durchfallen. Ist das ein Trend?

Marko Neumann: Die Zahlen der Kultusministerkonferenz für Gesamtdeutschland legen dies zunächst nahe. Schaut man jedoch in die einzelnen Bundesländer, stellt sich die Situation viel differenzierter dar. In einigen Ländern findet sich in der Tat ein Anstieg bei der Nichtbesteherquote, in anderen Ländern sind die Anteile hingegen weitgehend stabil geblieben. In Sachsen ist der Anteil sogar deutlich zurückgegangen. Ganz so eindeutig ist die Lage also nicht. Insofern sollten wir eher die deutlichen Unterschiede zwischen den Bundesländern in den Blick nehmen.

ZEIT ONLINE: Was könnte denn dazu führen, dass in einzelnen Bundesländern mehr Schüler das Abi nicht schaffen?

Neumann: Darüber können wir leider nur spekulieren. Die Ausgestaltung der gymnasialen Oberstufe und die Regelungen für das Abitur sind von Bundesland zu Bundesland sehr verschieden. Unterschiedliche Beleg- und Prüfungsverpflichtungen, Abwahl- und Anrechnungsmöglichkeiten machen die Sache sehr kompliziert. Entsprechend können immer nur punktuelle Vermutungen angestellt werden. 

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Neumann: Es gibt etwa in Mecklenburg-Vorpommern eine besonders hohe Durchfallquote. Dort wurden die Bedingungen in der Oberstufe vor mehreren Jahren verändert. Die Kernfächer – also Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache – mussten von allen Schülerinnen und Schülern auf Leistungskursniveau bis zum Abitur belegt werden. Es gibt die Vermutung, dass insbesondere Mathematik für viele Schülerinnen und Schüler eine Hürde darstellt und zu höheren Durchfallquoten führen kann. Inzwischen sind manche Bundesländer wieder zurückgekehrt zu zwei Leistungskursen und Grundkursen. Möglicherweise verändern sich damit auch wieder die Durchfallquoten.  

ZEIT ONLINE: Es gibt inzwischen auch einen bundesweiten gemeinsamen Aufgabenpool für das Abitur von der Kultusministerkonferenz. Könnten diese Aufgaben die Anforderungen erhöht haben?

Neumann: Das scheint eher unwahrscheinlich, denn der Aufgabenpool kommt ja erst seit Kurzem zur Anwendung, der Trend zu höheren Durchfallquoten beim Abitur zeigt sich hingegen schon etwas länger. Zudem haben die Bundesländer die Möglichkeit, die Aufgaben aus dem Pool abzuwandeln.

ZEIT ONLINE: Eine andere Theorie ist, dass mehr Kinder aus bildungsfernen Familien Abitur machen wollen und scheitern, weil sie von zu Hause zu wenig Unterstützung erhalten.

Neumann: Das mag zum Teil zutreffen. Es streben jedenfalls deutlich mehr Schüler das Abitur an als noch vor zehn Jahren. Es kann sein, dass sich darunter vermehrt Schüler finden, die die erforderlichen Leistungsvoraussetzungen für das Abitur nicht mitbringen. Aber auch das sind nur vorsichtige Spekulationen.

ZEIT ONLINE: Wie können denn all die Spekulationen überprüft werden? Etwa auch darüber, ob zu viele gute Abiturnoten vergeben werden?

Neumann: Wir brauchen empirische Daten über die tatsächlichen Kompetenzen der Abiturienten. Wir haben zwar viele nationale und internationale Lernstandserhebungen wie Pisa, TIMSS oder die Ländervergleiche zur Überprüfung der Bildungsstandards bis zur Mittelstufe – aber wir wissen kaum etwas über den Wissensstand kurz vor dem Abitur. Wir brauchen diese standardisierten Messungen sowohl zwischen den Bundesländern als auch im Zeitverlauf. Dann könnten wir vergleichen, über welche Kompetenzen Abiturienten mit einer Note eins im Zeugnis heute und vor zehn Jahren verfügten.

ZEIT ONLINE: Ganz schön viel Stress, noch ein Test kurz vor dem Abitur, oder?

Neumann: Eigentlich nicht, man könnte den Test am Ende des ersten Schulhalbjahres als Probelauf fürs Abitur anbieten. Das gäbe den Schülern gute Anhaltspunkte, was sie noch lernen müssen. 

ZEIT ONLINE: Warum dann nicht gleich ein Zentralabitur für alle?

Neumann: Das scheint aktuell eher unrealistisch und es ist fraglich, ob damit alle Probleme gelöst würden. Denn unter Gerechtigkeitsaspekten erfordern zentrale Prüfungsaufgaben für alle streng genommen auch vergleichbare schulische Lernumwelten für alle. Ansonsten haben Schülerinnen und Schüler mit gleichen Leistungsvoraussetzungen je nach besuchter Schule, Schulform oder Bundesland unterschiedliche Chancen, die Prüfungsaufgaben erfolgreich zu meistern. Das wäre nicht gerecht.

Insofern bleibt zu hoffen, dass die Bildungsstandards für das Abitur, auf die sich alle Kultusministerien geeinigt haben, nach und nach Einzug in die Schulen halten und schrittweise dazu führen, dass sich die Leistungsanforderungen angleichen. Aber um das zu überprüfen, bedürfte es wie gesagt entsprechender Untersuchungen.

ZEIT ONLINE: Wissen Sie denn, ob die zu guten Abinoten Folgen haben? Beklagen sich die Universitäten über zu wenig Wissen?

Neumann: Die Universitäten beklagen sich seit jeher über unzureichende Kenntnisse der Studienanfänger. Die tatsächlich zu hohen Abbruchquoten an den Universitäten sind bislang aber nicht weiter angestiegen. Das kann natürlich auch bedeuten, dass die Universitäten ihre Anforderungen herabgesetzt haben, um die Studierenden zu halten. Aber selbst wenn die Aussagekraft und Vergleichbarkeit der Abiturnote zum Teil zweifelhaft erscheinen mag, sagt sie den späteren Studienerfolg doch sehr gut voraus. Das konnte in einer Vielzahl von Untersuchungen belegt werden.