Den einen gelten Waldorfschulen als vorbildliche reformpädagogische Schulen, die es den Kindern ermöglichen, auf kreative Weise zu lernen und dem Stress der Regelschulen zu entkommen. Für andere sind sie einfach nur esoterisch und weltfremd. Was stimmt?

Vor  hundert Jahren, im Jahr 1919, gründete Rudolf Steiner in Stuttgart die erste Waldorfschule. Steiner wendete seine Wissenschaft vom Geist, die Anthroposophie, auf die Landwirtschaft, die Religion, die Medizin, die Kunst an – und eben auch auf die Erziehung von Kindern. Denken, Fühlen und Wollen sollen laut Steiner gleichberechtigt geschult werden. Der erste Waldorfkindergarten wurde 1926 ebenfalls in Stuttgart gegründet.

Wie steht es heute um die Waldorfschulen? Der Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich sagt: Viel hat sich in der Lehrerausbildung in den vergangenen hundert Jahren nicht geändert. Die Leistungen der Schüler sind trotzdem gut.

ZEIT ONLINE: Herr Ullrich, wie ideologisch sind Waldorfschulen und -kindergärten heute noch?

Heiner Ullrich: Empirisch kann man das leider nicht genau sagen, denn dazu müssten wir den Unterricht an den Waldorfschulen wissenschaftlich beobachtet haben. Allerdings lernen Waldorflehrkräfte entweder während ihrer Ausbildung an den Seminaren und anthroposophisch geprägten Hochschulen oder in Fortbildungen nach wie vor noch genau die Grundlagen, die der Theosoph und Lebensreformer Rudolf Steiner vor hundert Jahren an die ersten Waldorflehrer weitergegeben hat.

ZEIT ONLINE: Können Sie Beispiele für die Grundlagen nennen?

Ullrich: Die Pädagogik soll beispielsweise auf die vier antiken Temperamente ausgerichtet werden, die Steiner zufolge in jedem Kind in unterschiedlicher Mischung vorhanden sind. Auch die Unterscheidung zwischen den vier sogenannten Leibern, die sich im Rhythmus von je sieben Jahren entfalten, spielt eine zentrale Rolle. So ziehen sich die etwa im Schlaf der geistige und der Astralleib aus dem physischen und ätherischen Leib in die geistigen Welten zurück, um beim Erwachen zurückzukehren – auf diese Weise kann nach Ansicht von Waldorflehrern das im Unterricht Gelernte vertieft werden. Das klingt alles sehr esoterisch. Ich würde sagen, in der Waldorf-Pädagogik steckt bis heute mehr Anthroposophie, als sich viele Waldorf-Eltern das vorstellen und wünschen.

ZEIT ONLINE: Was wünschen sich denn die Waldorf-Eltern?

Ullrich: Entschleunigung des Lehrens und Lernens für ihre Kinder – kein G8, keine Noten, wenig Druck. Fast die Hälfte der Waldorfschüler sind Quereinsteiger, die zuvor schlechte Erfahrungen an einer staatlichen Schule gemacht haben, aber an Waldorfschulen besser zurechtkommen. Laut Umfragen fühlen sich Waldorfschüler tatsächlich weniger gestresst und gehen lieber zur Schule als Schülerinnen an Regelschulen.

Die meisten Eltern stellen sich aber unter der Waldorfschule eine reformpädagogische Schule vor, die den Kindern selbstbestimmtes, individuelles Lernen ermöglicht. Aber das ist die Waldorfschule nicht. Steiner hat 1919 innerhalb weniger Monate aus seiner Philosophie eine Pädagogik entwickelt, die im Vergleich zur Reformpädagogik etwa von Maria Montessori eher ein konservativer Rückfall war. Denn in der Waldorfpädagogik geht es von der ersten bis zur achten Klasse um bewusste Führung, weniger um selbstbestimmtes Lernen. 

ZEIT ONLINE: Das heißt, die Waldorfschule ist eigentlich altmodisch?

Ullrich: In gewisser Weise ja, es gibt kaum Gruppenunterricht, kein jahrgangsübergreifendes Lernen, keinen Klassenrat.

Stattdessen herrscht zumindest in der Unterstufe ein autokratisches Regime: Der Klassenlehrer oder die die Klassenlehrerin unterrichtet acht Fächer allein, meist im Frontalunterricht. Auch die moderne Überzeugung, dass ein Tutorenteam die Klasse leiten soll, um jedem Kind gerecht zu werden, ist für die Waldorfschulen noch kein Thema.  

ZEIT ONLINE: Aber die Rassentheorie, der Steiner gefolgt ist, spielt heute keine Rolle mehr, oder?

Ullrich: Nein, seine rassistisch wirkenden Äußerungen sind sicher mit das Peinlichste an Steiners Ideen. Niederländische Anthroposophen haben sich inzwischen offiziell davon distanziert. Rassentheorien spielen meiner Einschätzung nach aber in der heutigen Waldorf-Pädagogik keine Rolle.