Informatik für alle

Angela Merkel forderte auf einer Digitalkonferenz in Berlin vor drei Jahren, Programmieren müsse zur Basisfähigkeit junger Menschen werden. Wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Vor wenigen Wochen dann rief Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitalisierung im Kanzleramt, in einem Interview mit dem Handelsblatt dazu auf, das Fach "Digitalkunde" ab der Grundschule als Pflichtfach einzuführen. Es müsse ihrer Ansicht nach unter anderem digitales Denken, Programmieren, Datenanalyse, Robotik und digitale Ethik behandeln.

Mit dem Digitalpakt Schule könnte dafür die Basis geschaffen werden. Denn nun darf der Bund WLAN, Laptops und interaktive Tafeln für die Schulen bezahlen. Fünf Milliarden Euro sollen in den kommenden fünf Jahren in die digitale Infrastruktur der Schulen fließen. Aber wird es deshalb auch eine wie auch immer ausgerichtete Digitalkunde geben?

Gibt es doch längst – unter dem Namen Informatik, sagt etwa Lutz Hellmig, Sprecher des Fachausschusses Informatische Bildung in der Gesellschaft für Informatik. "Der Begriff Informatik ist vielen Menschen aber offenbar unheimlich." Berührungsängste hätten Menschen aller Altersstufen. Die einzige Lösung dafür: mehr Bildung.

Informatik müsse nur endlich verbindlich und durchgängig unterrichtet werden. In den meisten Bundesländern wird es nur als Wahlpflichtfach angeboten, wie eine Abfrage in den Kultusministerien zeigt. In Nordrhein-Westfalen etwa können Schüler aller Schulformen in bestimmten Jahrgangsstufen das Fach freiwillig wählen. Die einzelne Schule ist aber nicht verpflichtet, es auch anzubieten. Das soll sich erst mit der Wiedereinführung von G9 an Gymnasien ändern. Auch in Berlin ist Informatik in der Sekundarstufe I und in der Oberstufe nur ein Wahlpflichtfach. Verpflichtend ist aber immerhin ein sogenannter Informationstechnischer Grundkurs (ITG) im Umfang von einer Wochenstunde in der 7. oder 8. Klasse. Laut Hellmig signalisiere der Name schon, dass sich das Fach zu sehr auf die Technik fokussiere. Im Fach Informatik solle aber auch der gesellschaftliche Kontext thematisiert werden. In Niedersachsen prüft das Kultusministerium zurzeit, ob Informatik Pflichtfach werden soll, nachdem die Niedersächsische Direktorenvereinigung Druck gemacht hat.

Mecklenburg-Vorpommern: Informatik von Klasse 5 bis 10

In Bayern und Sachsen wird Informatik schon viele Jahre obligatorisch unterrichtet. Bundesländer wie etwa Baden-Württemberg oder Mecklenburg-Vorpommern starten damit. In Baden-Württemberg gibt es seit dem Schuljahr 2018/19 für die Siebtklässler an allen weiterführenden Schulen eine Wochenstunde Informatik. Darüber hinaus wird das Fach an Modellschulen in einem Versuch vierstündig unterrichtet. Die Schülerinnen und Schüler sollen damit eine schriftliche Abiturprüfung in Informatik ablegen können. Mecklenburg-Vorpommern geht noch weiter. Ab dem Schuljahr 2019/20 soll das Fach "Informatik und Medienbildung" verbindlich an allen Schulen von Klasse 5 bis 10 unterrichtet werden.

Ira Diethelm befürwortet dieses Modell. Die Professorin für die Didaktik der Informatik an der Universität Oldenburg erklärt, dass schon in den Achtzigerjahren bundesweit von der Bund-Länder-Kommission (BLK) beschlossen worden sei, informationstechnische Grundlagen zu unterrichten. 30 Jahre später sei man in vielen Schulen noch immer weit davon entfernt. Informatik sei inzwischen allerdings mehr als Programmieren lernen. Uploadfilter, Netzneutralität, selbstfahrende Autos, Industrie 4.0 – das alles seien Begriffe, die nicht nur in der Öffentlichkeit diskutiert würden, sondern auch den Alltag der Menschen beträfen. "Die Schüler sollten sich dabei nicht auf ein paar wenige Experten verlassen müssen. Wer davon nichts versteht, wird in Zukunft nicht mehr mündig durchs Leben gehen", sagt Diethelm. Schon heute würden Politiker etwa Gesetze zu Uploadfiltern machen, ohne dass sie etwas davon verstünden, kritisiert die Wissenschaftlerin.

Ähnlich sieht es auch Hellmig: "Schüler und Schülerinnen brauchen kein Spezialwissen, aber ein grundsätzliches Verständnis für Fragen der maschinellen Verarbeitung von Informationen und Daten." Sie sollten nicht nur eine "passive Konsumhaltung" einnehmen, sondern beurteilen können, welche medizinischen, ökologischen und ethischen Folgen die Digitalisierung oder die künstliche Intelligenz haben. Sie sollten auch einschätzen können, welche Grenzen die Digitalisierung hat.

Die Lösung, die Mecklenburg-Vorpommern gefunden hat, gefällt beiden Experten auch deshalb, weil hier technische Kompetenzen in Informatik vermittelt werden, andere digitale Themen aber auch in den übrigen Fächern stattfinden sollen. Etwa "Geschäftsmodelle im Internet reflektieren" in Wirtschaft/Politik, "Recherche im Internet" in Deutsch.

"Reiner Informatikunterricht ist nicht der einzige Weg"

Das Problem: In den meisten Bundesländern fehlen für den verpflichtenden Informatikunterricht ausgebildete Informatiklehrerinnen und -lehrer. Laut Hellmig gilt das auch für Mecklenburg-Vorpommern. Es würden anfangs fachfremde Pädagogen, etwa aus dem Bereich Arbeit/Wirtschaft/Technik, das Fach bestreiten müssen. Wie steht es dann um die Qualität des Informatikunterrichts? Hellmig sagt dazu nur so viel: "Es ist klar, dass in den nächsten Jahren ein hoher Qualifikationsbedarf für die Kolleginnen und Kollegen besteht." Die Gesellschaft für Informatik wolle Materialien und Fortbildungen anbieten. Lutz Hellmig ist überzeugt, dass sich mit der Einführung des Faches auch noch mehr Lehramtsstudierende für Informatik begeistern lassen. An der Universität Rostock, an der Hellmig die Didaktik der Informatik lehrt, habe es bereits mit der Ankündigung eines neues Faches einen Anstieg bei den Lehramtsstudenten in Informatik gegeben.

Ein weiteres Problem ist: Welches andere Fach muss für ein oder zwei Stunden Informatik in der Woche wegfallen oder eine Stunde abgeben? Könnte eine rein interdisziplinäre Umsetzung der Inhalte die Lösung für beide Probleme sein? Nein, sagt Diethelm. "Damit wir alle Kompetenzen in den bestehenden Fächern vermitteln könnten, müssten sich alle Lehrer einer Schule in Informatik auskennen." Auch Hellmig ist dagegen: Die Vergangenheit habe gezeigt, dass Informatik interdisziplinär nur "stiefmütterlich" behandelt werde.

Philipp Knodel ist etwas anderer Ansicht. Sein Unternehmen App Camps bietet etwa kostenlose Unterrichtsmaterialien zum Datenschutz, zu Algorithmen oder zur Codierung an, die durch Stiftungsgeld finanziert werden.

Erst ein Quiz programmieren, dann Inhalte entwickeln

Auch Knodel plädiert für ein Grundverständnis von Fragen wie: Was sind Daten? Was ist ein Server? Wie werden Fotos auf dem Handy gespeichert? Aber er sagt auch: "Reiner Informatikunterricht ist nicht der einzige Weg, digitale Themen in die Schule zu bringen." Technische Grundlagen könnten problemlos auch in anderen Fächern vermittelt werden. Knodel nennt hier als Beispiel das Fach Biologie. "Hier können Schüler zunächst die Grundstruktur einer Quiz-App programmieren, dann Inhalte passend zum Unterrichtsthema entwickeln." Im Kunstunterricht geht das mit einer Zeichen-App. Die Schüler könnten Bilder mit dem Finger auf dem Tablet zeichnen. Farben, Strichstärken, Hintergründe könne man anschließend anpassen und individualisieren.

Sowohl digitale Themen als auch digitales Werkzeug müssten heute vom Musik- bis zum Sportunterricht eine Rolle spielen – und nicht nur ein Jahr lang, sondern die gesamte Schullaufbahn hindurch. Schulen und Lehrer müssten sich zutrauen, etwas auszuprobieren und mit den Schülern zu experimentieren, sagt Knodel.

Inzwischen gibt es unzählige Angebote wie Knodels, mit denen es auch fachfremden Lehrern leichtfallen soll, ihre Schüler an Informationstechnologien heranzuführen und den Unterricht digitaler zu gestalten. IT2School oder Coding for kids heißen sie etwa. Außerdem wird an vielen Grundschulen der Minicomputer Calliope Mini genutzt – etwa in Hannover, Hamburg oder Berlin. Mit dem sternförmigen Einplatinen-Computer sollen Schüler spielerisch ans Programmieren herangeführt werden. Den Unterricht könnten problemlos die Grundschullehrer übernehmen.

Wie können fachfremde Lehrerinnen und Lehrer aber gute und seriöse Angebote erkennen? Kultusministerien stellen bereits Cloud-Lösungen zur Verfügung, von denen empfohlene digitale Materialien heruntergeladen werden können. Mit dem Geld aus dem Digitalpakt soll das Angebot noch besser werden.

Philipp Knodels Wunschvorstellung ist: Irgendwann werden seine Materialien überflüssig. Lehrkräfte aller Fachrichtungen wüssten dann selbst, wie sie informatische Kenntnisse vermitteln. Dazu fordert er wie Hellmig: mehr Fortbildungen.

Anmerkung 9.5.2019: In einer ursprünglichen Version hieß es, der Bund gebe fünf Millionen Euro für die Digitalisierung der Schulen aus. Tatsächlich sind es fünf Milliarden Euro in den kommenden fünf Jahren. Wir haben das geändert und bitten den Fehler zu entschuldigen. Die Redaktion/muk