Ach, das Formular fülle ich morgen aus

Die Nachricht ist dramatisch: 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht gut Texte auf Deutsch lesen und schreiben. Das sind 12,1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Sie verstehen einfache Texte nicht. Gleichzeitig ist es eine gute Nachricht. Denn 2010, als die Vorgängerstudie zur aktuellen Erhebung Leben mit geringer Literalität (LEO) veröffentlicht wurde, waren es noch 7,5 Millionen Menschen. Mehr als eine Million mehr also.

Die Studienleiterin von der Universität Hamburg, Anke Grotlüschen, erklärt, das Ergebnis bedeute nicht, dass in dem Zeitraum eine Million Menschen lesen und schreiben gelernt hätten. Nur wenige Menschen (0,7 Prozent der gering Literalisierten) haben laut Studie einen Grundbildungs- beziehungsweise Alphabetisierungskurs etwa an einer Volkshochschule besucht. Grotlüschen sagt, die Verbesserung bei den 18- bis 64-Jährigen komme zu großen Teilen dadurch zustande, dass ältere Menschen aus der Befragung herausgefallen sind. Die gute Nachricht lautet also: Die Jüngeren sind besser gebildet. Sie haben im Schnitt auch höhere Bildungsabschlüsse als die Alten.

Viele Betroffenen leiden unter dem Defizit: Sie sind deutlich häufiger arbeitslos als Menschen, die gut lesen und schreiben können. Wenn sie Arbeit haben, sind sie häufiger unzufrieden damit. Sie fürchten sich auch mehr als andere, keine neue Arbeit mehr zu finden.

Viele der Menschen hätten ihren Job durch private Kontakte bekommen, erklärt Grotlüschen. Dort steckten sie dann aber oft fest. Pflegekräfte beispielsweise haben zwar vielleicht im Job gelernt, ein Formular korrekt auszufüllen, das sie regelmäßig benutzen. Oder sie nehmen es am Abend mit nach Hause und lassen sich von ihrem Partner oder ihrer Partnerin helfen. Sobald sich aber etwas verändert im Arbeitsablauf, sind sie hilflos. Nur sehr selten können diese Menschen aufsteigen, denn als Teamleiterin oder Vorarbeiter müssten sie etwa Dienstpläne schreiben. Andere sind abhängig von wohlwollenden Kollegen. Grotlüschen erzählt etwa von Müllwerkern in der Stadtreinigung, die normalerweise immer in denselben Kolonne arbeiten. Die Kollegen wissen Bescheid und übernehmen, was gelesen oder notiert werden muss. Gibt es dann aber eine Großveranstaltung, etwa am ersten Mai, werden die Kolonnen fürs Aufräumen neu eingeteilt und das ist mit großer Verunsicherung für die Betroffenen verbunden.

Die Digitalisierung verstärkt das Problem

Immerhin sei das Bewusstsein in den Betrieben und bei den Gewerkschaften gestiegen, sagt Grotlüschen. 2010 habe sie noch häufiger als heute gehört: Analphabetismus? So etwas gibt es bei uns nicht. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) etwa stellt inzwischen Grundbildungsangebote zur Verfügung. Es geht ums Lesen und Schreiben, aber auch um Lernkompetenzen generell. Unter anderem sollen Mentoren in den Betrieben den betroffenen Kollegen beistehen und Hilfe vermitteln.

Die aktuelle Studie hat auch danach gefragt, wie die Menschen etwa mit digitalen, gesundheitsspezifischen und finanziellen Angeboten klarkommen. Nicht überraschend schreiben gering literalisierte Menschen seltener E-Mails, SMS oder nutzen Whatsapp. Sie lesen seltener Zeitung, online und offline, und gehen seltener wählen. Sie lesen im Beipackzettel eines Medikaments nicht nach, welche Dosierung sie brauchen. Sie kaufen ihre Fahrkarte lieber am Schalter als digital, sie laufen lieber mit einem Überweisungsschein zur Bank als online zu bezahlen. Die fortschreitende Digitalisierung kann ihnen in Zukunft also schaden, wenn etwa die Gesundheitsversorgung auf dem Land verbessert werden soll, indem Arzttermine nur noch via Apps vereinbart werden können statt telefonisch.

Integrationskurse müssen besser werden

Wen trifft es besonders? Männer häufiger als Frauen. Eine Ursache könnte sein, dass es meistens Mütter sind, die ihre Kinder bei den Hausaufgaben beaufsichtigen, vermutet Grotlüschen – und dabei selbst dazu lernen. Außerdem gibt es noch immer die Zuschreibung: Lesen und Schreiben sei etwas für Mädchen.

Und wie oben erwähnt: Das Vorurteil, dass junge Menschen immer ungebildeter werden, stimmt laut dieser Erhebung nicht. Die kleinste Gruppe der Betroffenen ist die der 18 bis 25-Jährigen mit gut 12 Prozent. Umgekehrt ist fast die Hälfte der schlecht Schreibenden und Lesenden über 46 Jahre alt.

Bildungsbewusste Eltern wirken

Grotlüschen geht davon aus, dass die Bildungsoffensiven, einmal in den 1970er-Jahren und dann nach dem Pisa-Schock von 2000 ihre langfristigen Erfolge zeigen. Heutige Eltern seien bildungsbewusster und achten eher darauf, dass ihre Kinder einen möglichst guten Schulabschluss erreichen.

Doch dass deshalb das Problem mit den Alten einfach aussterben könnte, ist keineswegs sicher. Aktuelle Grundschulstudien haben gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler in Rechtschreibung und in der Lesekompetenz etwas schlechter werden. Das wiederum könnte unter anderem an der Inklusion und an höheren Migrantenquoten in den Grundschulen liegen.

Denn natürlich hat es Einfluss auf die Kompetenz im Lesen und Schreiben, wenn Menschen nur ungenügend Deutsch verstehen oder keine Praxis im Deutschschreiben haben. Über 40 Prozent der erwachsenen Befragten, die als erste Sprache eine andere Sprache als Deutsch gelernt hatten, konnten in der Studie schlecht lesen und schreiben. Sie machen insgesamt gut 47 Prozent der gering Literalisierten aus. Fast 80 Prozent von ihnen gaben jedoch an, in ihrer ersten Sprache anspruchsvolle Texte lesen zu können. Dabei wurden nur die befragt, die auf Deutsch antworten konnten. Die meisten Flüchtlinge aus den vergangenen Jahren sind noch nicht berücksichtigt worden.

Grotlüschen plädiert also dafür, ein höheres Niveau in den Integrationskursen anzustreben. Die Absolventen sollten nach den Kursen mit gebräuchlichen Wörtern fließend schreiben können. Das sei bisher oft nicht der Fall.

Außerdem hält sie es für vielversprechend, wenn die Betroffenen in Betrieben und Familienbildungszentren angesprochen und ermutigt werden, zu Grundbildungskursen zu gehen. Sie hat auch die Erfahrung gemacht, dass es jugendlichen Schülerinnen und Schülern gut tut, Kurse außerhalb der Schule, etwa an den Volkshochschulen zu besuchen. Grotlüschen sagt, die Lehrer dort hätten eine andere Ansprache und nähmen die jungen Erwachsenen ernst. Sie würden sich dann selbst nicht mehr als dumm wahrnehmen, sondern sagten sich: Ich habe schlechten Unterricht gehabt. Das kann ich ändern.

Grotlüschen sagt, dort trauten sich auch Menschen, die in ihren Ein-Euro-Jobs geduckt und verschüchtert wirken, an den Computer und den Mund aufzumachen. Bis sie dort landen, sei der Leidensdruck allerdings meist sehr groß gewesen. Viele hätten ihren Job verloren oder ihren Partner, bis sie sich entschlossen haben, etwas zu ändern. Das Tabu ist längst noch nicht gebrochen.