Worum es auf dem Bildungsfestival geht, lässt sich gut an zwei Programmpunkten erkennen: "Kick Ass" und "Müll-timedia" heißen sie. "Kick Ass" ist eher theoretisch und will Jugendliche ermutigen, Verantwortung zu übernehmen. "Müll-timedia" hingegen ist ein von einer internationalen Klasse organisierter Workshop zu Mülltrennung von Schülerinnen und Schülern für ihresgleichen.

Das ist die Spannbreite des Bildungsfestivals, einer Mischung aus Zeltlager und Konferenz, das am Wochenende in Essen stattfand. Dort gab es jede Menge Workshops und Vorstellungen von Projekten, die 130 Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Vierteln organisierten – im besten Falle selbst. Immer ging es darum, was sie selbst bewegt und wie es besser laufen könnte. Die Titel der Veranstaltungen: "Nein heißt Nein", "Die Kunst zu liken" aber auch "Entdecke dein wahres Ich".

Einer der 130 Organisatorinnen und Organisatoren ist Lukas, 15, aus Hamburg-Billstedt. Als er zum ersten Mal zum Bildungsfestival kam, wollte er nicht da sein. Heute leitet er selbst Workshops. Hier spricht Lukas darüber, was das Festival für ihn bedeutet.

Mein Lehrer hat mich überredet. Ich hatte absolut keinen Bock. Schon das Wort: "Bildungsfestival". Ich dachte, okay, das ist so eine Art Sekte. Aber mein Lehrer hatte Überzeugungskräfte. Schließlich vergibt er am Ende des Jahres die Noten. Also dachte ich: Dann mach ich halt mit. Als ich dann die Turnhalle sah und hörte, dass wir da in Zelten auf dem Boden schlafen sollten, hatte ich noch weniger Bock. Aber das Haus hier, das Unperfekthaus, das hat mir sofort gefallen.

"Unser Lehrer hat uns machen lassen"

Mein erstes Bildungsfestival war 2017. Wir hatten vorher mit ein paar Freunden aus meiner Klasse einen Roman geschrieben. Strandnacht – Sex, Drugs und eine Hochzeit hieß der. Ein ziemliches Rambazamba, war alles auf unseren Mist gewachsen. Es geht um eine Schulklasse, die Drogen einschmeißt und am Ende einen Polizisten überwältigt. Unser Lehrer hat uns einfach machen lassen, auf dem Festival haben wir dann aus dem Roman vorgelesen und darüber geredet. Heute würde ich das nicht mehr so schreiben. Und es gibt viel spannendere Dinge, die man hier machen kann.

Im Jahr drauf habe ich mich direkt für das Orga-Team beworben. Ich bin jetzt dabei. Das heißt, ich kümmere mich um Leute, die zum ersten Mal dabei sind, und ich leite selbst Workshops. Man merkt sofort, wenn jemand hier neu ist. Am Anfang fällt es denen erst mal schwer, sich darauf zu konzentrieren, was um sie herum so passiert. Im Workshop zum Beispiel, da holen manche Neue schnell ihr Handy heraus, wenn sie was nicht interessiert. Mit der Zeit lernt man dann, zuzuhören. Auch mal nicht sofort reinzulabern, wenn einem was einfällt.

In diesem Jahr haben wir beim Kick Ass einen Flash Mob veranstaltet. Das war super. Wir sind alle gemeinsam in eine Einkaufsstraße in Essen gegangen und haben uns eine Minute lang überhaupt nicht bewegt. Das hat für totale Aufmerksamkeit gesorgt. Wir wollten mit den Leuten da ins Gespräch kommen. Als wir uns wieder bewegten, haben uns Passanten gefragt, was wir da machen. Und wir haben mit ihnen über Mut und ein Zitat von Greta Thunberg geredet. Die sagte: "Wir sind die, auf die wir gewartet haben." Die meisten Leute fanden das echt gut. Es gab aber auch welche, die sagten, was ist das denn für eine Scheiße?  

Andere motivieren und so

Das war eine Aktion, um den Leuten mal zu zeigen, was Jugendliche alles bewegen können. Ich fand's persönlich mal was ganz anderes. So'n Flashmob mal selbst zu organisieren ist schon so ein richtiges Ding, so mit über 100 Jugendlichen und 20 Erwachsenen.

Ich hab bei Kick Ass auch selbst einen Workshop geleitet. Das war Lampenfieber hoch zehn. Ich hatte die ganze Zeit Panik, dass ich was vergesse oder dass ich irgendwelche Scheiße laber. Aber das Feedback war total gut. Fast alle haben beim Feedbackbogen "genial" angekreuzt. Heute Nachmittag werbe ich dann neue Juniors für das Orga-Team an. Bei dem Job muss man lernen, auf andere einzugehen. Sie zu motivieren und so.

Ich bin jetzt mit der Schule fertig, habe meinen ersten Schulabschluss und mache eine Ausbildung zum Nutzfahrzeugmechatroniker. Aber ich bleibe auf jeden Fall im Orga-Team beim Bildungsfestival. Ich finde es spannend, Schüler*innen aus ganz Deutschland zu treffen. Wenn ich hier bin und merke, wie die Leute miteinander umgehen, dann fällt mir immer erst so richtig auf, wie asozial die Gegend ist, aus der ich komme. Hier beim Bildungsfestival sind die Leute, auch die Jugendlichen, viel höflicher. Ich glaube, das ist auch das Wichtigste, was ich in meiner Zeit beim Bildungsfestival gelernt habe: "Egal wie blöd die Leute sind, sei höflich zu denen, dann passt das."

Transparenzhinweis: Das Team vom Bildungsfestival war auch Gast bei Z2X – dem Festival für Visionäre von ZEIT ONLINE. Wie wir über unsere Weltverbesserer-Gemeinschaft berichten, lesen Sie hier.