Die Elternfrage: Meine Tochter besucht seit einem Jahr die Grundschule. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass alle vier erste Klassen die Lehrerinnen durch ihre Unruhe an den Rand der Verzweiflung bringen: dazwischenreden, schreien, streiten, herumlaufen. Dabei hatten wir bewusst eine Schule außerhalb eines "Problemviertels" gewählt. Die Schulleitung will nun im neuen Schuljahr einige Disziplinierungsmaßnahmen einführen (Verwarnung, Elterngespräch, Jugendamtkontakt). Können wir als Eltern auch etwas unternehmen?

Solche Situationen kommen auch außerhalb von "Problemstadtteilen" vor. Dass allerdings gleich ein ganzer Jahrgang betroffen ist, ist schon seltener. Ich wäre nicht für überrascht, wenn dieses Phänomen zukünftig häufiger auftritt.

Die Gründe dafür sind vielschichtig: Es ist ohnehin keine einfache Aufgabe für Erstklässler, sich an die Regeln der Schule anzupassen. Der Eindruck mancher Pädagogen und Kinderärzte ist zudem, dass viele Kinder ihre Schullaufbahn heute unreifer und belasteter als früher beginnen. Sie berichten von Konzentrationsmängeln und Stresssymptomen. Als Ursachen werden diskutiert, dass Eltern ihre Kinder verwöhnen oder zu sehr in den Mittelpunkt stellen, dass Kinder zu früh mit diversen Medien alleingelassen werden und dass gleichzeitig die Erwartungen an die Leistungen der Schüler übermäßig hoch sind – oder auch dass Kinder einfach zu früh eingeschult werden.

Hinzu kommt, dass viele Lehrkräfte in der Grundschule verunsichert sind, wie eine gute pädagogische Führung aussehen könnte. Sie glauben, dass es das Wichtigste sei, Kindern immer auf Augenhöhe zu begegnen – dabei bedeutet Lehrersein, Schülern gleich und ungleich zugleich gegenübertreten zu können. Ich frage Kinder etwa nicht, ob sie Lust haben, eine Matheaufgabe zu lösen, sondern fordere sie dazu auf – bemühe mich aber gleichzeitig, etwaige Schwierigkeiten mit ihren Augen zu sehen.

Oder sie meinen, dass es den Kindern guttue, wenn diese ihre Fähigkeiten ausschließlich spielerisch und selbstbestimmt entwickeln können. Dabei bleiben aber wichtige Potenziale ungenutzt, insbesondere bei Schwächeren, die zunächst Anleitung brauchen, um überhaupt in die Lage zu kommen, selbstständig zu arbeiten.

Eltern sollten hinter den Lehrerinnen stehen

Aus meiner Erfahrung als Weiterbildner sehe ich zwei wichtige Aspekte für die Schule ihrer Tochter: Die anvisierten Ordnungsmaßnahmen bilden ja nur einen äußeren Rahmen. Vor allem müssen die Eltern dafür gewonnen werden, dass sie hinter den Lehrerinnen stehen, wenn diese versuchen, ihre Klassen an ein strukturiertes und regelhaftes Lernen heranzuführen. Vielleicht vermag die Schulleiterin dies der Elternschaft gut zu vermitteln; andernfalls könnte sie oder der Elternbeirat auch einen externen Experten einladen, der in dieser Frage eine souveräne Position vertritt – zu Elternabenden oder einer Schulpflegschaftsversammlung.

Dazu gehört auch, dass Mütter wie Väter es aushalten lernen, wenn die Schule für ihr Kind auch mit Belastungen verbunden ist: Anstrengungen ertragen, Enttäuschungen verkraften, sich nach Regeln richten. Das ist nicht nur für ungestörtes Lernen wichtig, daran wächst das Kind auch persönlich.

"Das Beste, was eine gute Fee einem Kind in die Wiege legen könnte, wären Schwierigkeiten, die es bewältigen kann", befand etwa Alfred Adler, Begründer der tiefenpsychologischen Individualpsychologie. Heute konstatiert Royston Maldoom, legendärer Choreograf von Jugendtanzprojekten: "Man muss sie die Erfahrung machen lassen, dass sich durch harte Arbeit etwas erreichen lässt."

Zum anderen könnte die Schulleitung mit den Lehrerinnen besprechen, wie sie ihre Führungsaufgabe wahrnehmen wollen und können. Gerade der ersten Lehrkraft kommt ja riesige Bedeutung zu. Albert Camus etwa schrieb nach Erhalt des Nobelpreises an seinen "Monsieur Germain, ohne Sie wäre nichts von all dem geschehen". Der konnte nämlich die Schüler in der Sache begeistern, sich um jeden von ihnen fürsorglich kümmern, aber auch sehr konsequent sein. Nicht wenige Lehrer fürchten heute indes, ins Autoritäre abzugleiten oder die Entfaltung von Kreativität zu behindern, wenn sie als Lenker des Unterrichtsablaufs auftreten. Dabei ist laut empirischer Unterrichtsforschung etwa die direkte Instruktion (nicht zu verwechseln mit monotoner Frontalbelehrung) in kognitiver Hinsicht hocheffektiv, insbesondere bei Schwächeren.

Die Hattie-Studie hat den dominanten Lehrer rehabilitiert, ihm aber auch auferlegt, in ständigem Dialog mit seinen Schülern zu sein. Gerade in den ersten Schuljahren halte ich es für enorm wichtig, Kinder mit gemeinsamem systematischem Lernen vertraut zu machen – nicht verbissen, sondern mit heiterer Gelassenheit. Zu viele oder zu frühe Selbstlernphasen können die latente Unruhe unreifer oder unsicherer Schüler nur verstärken.

Für das Überdenken von Unterrichtsmethoden und Führungsqualität der einzelnen Lehrkräfte gäbe es vielerlei Möglichkeiten: Teamgespräche mit der Schulleiterin, Hospitation durch erfahrene Kollegen, Nutzen von Selbstevaluationstools oder Beratung durch externes Coaching.