Der Erstklässler in Berlin-Kreuzberg hat sich komplett verweigert. Wenn er im Heft etwas bearbeiten sollte, tat er es nicht. Er beschimpfte die anderen Kinder und irgendwann auch die Lehrer. Und wenn seine Lehrerin Christina Reber ihn ermahnte, antwortete er: "Mir doch egal." Reber sagt, das Kind sei überfordert gewesen. Die Eltern hätten es alleingelassen. 

Die Lehrerin habe immer wieder das Gespräch gesucht, der Mutter neue Vorschläge gemacht. "Räumen Sie mit ihm gemeinsam die Schultasche aus. Besprechen Sie mit ihm, welche Hausaufgaben er machen muss." Aber die Mutter habe nur geschimpft: "Sie sind schuld. Früher gab es keine Probleme." Reber sagt, sie sei sehr verletzt und verunsichert gewesen, weil sie sich gerade für dieses Kind besonders engagiert habe. Aber an die Mutter sei sie nicht herangekommen.

Früher galt: Die Autorität der Lehrer zweifelt kaum einer an. Umgekehrt versuchten die nicht, den Eltern in ihre Erziehung hineinzureden. Diese Haltung wirkt zwar noch nach, aber inzwischen sind Eltern eher weniger autoritätsgläubig. Sie wollen mitreden. Die meisten Pädagoginnen und Pädagogen sind der Überzeugung, dass Bildung und Erziehung zusammengehören sollten. Dass es sich lohnt, wenn Eltern – ob privilegierte oder benachteiligte – mit Lehrern zusammenarbeiten. Nur wie? 

Eines der größten Hindernisse ist die Empfindlichkeit auf beiden Seiten. Richtig Krach gibt es zwar häufig nicht. Eine aktuelle Elternumfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Infas für die Bosch-Stiftung durchgeführt hat, zeigt, dass die Mehrheit der Eltern sich gut informiert fühlt und die Beurteilung ihrer Kinder nachvollziehen kann. Die Angst vor der Missachtung ist aber auf beiden Seiten manchmal groß, und wenn es zum Streit kommt, kann er sehr verletzend werden.

Elterncoach Andrea Kilian hört sich ständig die großen und kleinen Konflikte an, die Lehrerinnen und Lehrer mit den Eltern ihrer Schüler haben. Sie bringt Pädagogen in Köln in Fortbildungen bei, wie sie mit Eltern reden können. Eine Mutter, sagt Kilian, könne aus einem gut gemeinten Ratschlag heraushören: "Sie sind eine schlechte Mutter." Es sei unerträglich, angeblich nicht kompetent fürs eigene Kind zu sein. Hinzu komme meist noch ein schlechtes Gewissen. "Dann geht gar nichts mehr", sagt sie.

Wie lösen wir das Problem gemeinsam?

Schon kleine Konflikte, etwa über das Schulessen, eine Rangelei auf dem Schulhof oder zu viele Hausaufgaben, werden schnell durch das Gespräch mit anderen Eltern größer. Eine Mutter schreibt einen bösen Kommentar in die WhatsApp-Gruppe, andere unzufriedene Eltern stimmen ein. Ein Vater schleicht sich auf den Schulhof und filmt die Schüler, weil er der Meinung ist, sein Kind würde gemobbt und die Lehrer würden nichts dagegen unternehmen.  

Viele Lehrkräfte und besonders die engagierten fühlten sich dann ebenfalls schnell persönlich abgewertet, sagt Kilian. Wenn es schlecht läuft, spielen Lehrer selbst das Spiel: Sie sind schuld! Nein, Sie! Oder sie erteilen bevormundende Ratschläge. Andere beschränken den Kontakt mit Eltern von vornherein aufs Nötigste.

Kilian schlägt einen Perspektivwechsel vor. Im Mittelpunkt des Gesprächs sollte immer die Frage stehen: Was haben wir beim Kind beobachtet und wie lösen wir das Problem gemeinsam? Lehrer müssten lernen, die eigenen Emotionen zu hinterfragen. Sie sollen das Gespräch zwar lenken, aber die Eltern nicht belehren. Das sei keine leichte Herausforderung, die auch in der Lehrerausbildung bisher kaum eine Rolle spiele.