Fanni Banyai steht vor einer achten Klasse der Mittelschule an der Bernaysstraße in München, die Hände in die Seiten gestützt, ihr Blick konzentriert. Zwölf Jungs und sieben Mädchen schlurfen ins Klassenzimmer in dem grauen Zweckbau. Die Lehrerin ist 20, ihre Schülerinnen und Schüler zwischen 12 und 14.

Zwischen Deutsch am Morgen und Geschichte am Mittag unterrichtet sie in der dritten und vierten Stunde das Fach Glück. Fanni Banyai will eigentlich Grundschullehrerin werden – neben dem Studium hat sie aber bereits eine Ausbildung zur Glückslehrerin gemacht, ein Schuljahr lang an einem Wochenende pro Monat. Gemeinsam mit Johanna Kellner, Lippenpiercing, kurze Haare, die ebenfalls noch Lehramtsstudentin ist, soll sie nun jeden Dienstag den Mittelschülern das Glücklichsein beibringen.

Erster Bartflaum, Pickel, einige der Schüler sind mitten im Stimmbruch. Sie necken sich, sie tauschen aus, wer mit wem zusammen ist. Nach der Schule treffen sie sich bei McDonald's oder zum Shisharauchen im Park. Es geht um den Moment. Unglücklich sehen die Jugendlichen nicht aus. Trotzdem glaubt Banyai: "Glück in der Schule zu lernen, könnte für sie wichtiger sein als Mathe oder Erdkunde." Weil es nicht um Gleichungen und Erdschichten geht, sondern sie etwas über sich selbst lernen.

Glückslehrerinnen plädieren nicht für ihr Fach, weil die Schülerinnen unglücklich sind. Sie argumentieren mit Defiziten, die sie im Schulsystem sehen. Fanni Banyai sagt: "Es gerät in der Schule manchmal in Vergessenheit, dass es um Menschen geht, die mehr sind als Schüler und später mehr als ihre Leistung und Arbeit." Auf ihrem Lehrplan für die Klasse steht unter anderem: Visionen entwickeln, wie man gute Entscheidungen trifft, wie man sinnvoll plant und reflektiert. Im Schulfach Glück geht es wohl oft einfach darum, wie man sein Leben geregelt bekommt.

Schatzsucher statt Fehlerfahnder

Ernst Fritz-Schubert hatte vor zwölf Jahren an seiner Schule in Heidelberg das Wahlpflichtfach "Glück" eingeführt. Inzwischen bildet er an dem nach ihm benannten Institut Glückslehrer aus. Er drückt das Ziel des Unterrichts so aus:  Lehrer sollten nicht nur Fehlerfahnder sein, sondern eher "Schatzsucher", die den Schülern helfen, ihre Stärken zu entdecken und damit "die Welt zu erobern".

In der achten Klasse der Mittelschule an der Bernaysstraße wollen die meisten die Welt erobern, indem sie Rapper werden, einer wie Capital Bra oder Mero. Und die "Schatzsuche", die beginnt erst einmal etwas zäh. Die Schüler suchen an diesem Dienstag auf dem Flur vor dem Klassenzimmer nach den Werten, die ihnen wichtig sind. Dort haben Banyai und Kellner Zettel verstreut, auf jedem davon steht ein Begriff: Originalität, Reflexion, Neutralität, Innovation, aber auch Liebe, Vertrauen, Ehrlichkeit. Die Schüler sollen sich an diesem grauen Dienstagmorgen Begriffe aussuchen und sie nach Wichtigkeit sortieren.

Die Schüler suchen sich Material zusammen, um ihre Werte darzustellen. © Simon Koy für ZEIT ONLINE

Aber mit vielen von den Worten können die Schüler nichts anfangen. "Was heißt Zielstrebigkeit?", fragt ein Junge seinen Banknachbarn leise und schaut auf einen Zettel am Boden. "Keine Ahnung", antwortet der. "Hey Ahmed, schau mal, da steht Armut!", sagt ein anderer, dann schaut er sich den Zettel genauer an. "Ah, nee, Anmut. Was soll das denn sein?" Ahmed zuckt die Schultern. "Egal, Bruder. Schau mal da, Intelligenz! Das gibt’s bei uns nicht." "Hä, doch, ich hab 100 Prozent!", sagt sein Kumpel und lacht.

Johanna Kellner erklärt, sie sollen sich einfach Begriffe aussuchen, unter denen sie sich etwas vorstellen können. Es gehe nicht darum, alles zu verstehen. Jedem Schüler jeden Begriff zu erklären – dafür bleibt keine Zeit. Derweil bricht nämlich im Flur auch noch ein Streit aus: Ein Junge hat den Stift eines Mädchens in den Mülleimer geworfen und weigert sich nun, ihn wieder herauszuholen. Die beiden beschimpfen sich wüst, Kellner läuft hinüber, um den Streit zu klären.

Das Schulfach Glück will näher an den Schülern dran sein – nur manchmal läuft das wohl anders als geplant. Die Verbreitung des Fachs habe in letzter Zeit erheblich zugenommen, sagt Fritz-Schubert. "Vielleicht liegt es daran, dass es immer schwieriger wird, Schülerinnen und Schülern in der Schule eine Lebensorientierung zu vermitteln." An etwa 200 Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz wird mittlerweile Glück unterrichtet. Neben dem Fritz-Schubert-Institut bilden inzwischen mehrere Partnerorganisationen Glückslehrer aus. Sie arbeiten teilweise auch mit Unis und Hochschulen zusammen. Die Organisation "Create Your Life" etwa baut gerade ihr Angebot aus. In Frankfurt gab es bisher zum Beispiel drei Schulen, die Glücksunterricht angeboten haben, nun kommen drei dazu. In Berlin machen ab kommendem Schuljahr acht weitere Schulen mit. Die privaten Bildungseinrichtungen finanzieren sich durch Gebühren und Spenden.