Deutsch lernen gehört sehr wohl in die Grundschule – Seite 1

"Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen", sagte der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Carsten Linnemann und löste damit große Empörung aus. Ein Grundschulverbot, wie viele zunächst berichteten, hat er zwar tatsächlich nicht gefordert – aber die Empörung hat ihre Berechtigung. 

Schließlich gilt in Deutschland die Schulpflicht. Alle Kinder dürfen und sollen mit etwa sechs Jahren in die Schule kommen. Egal, ob sie schon schreiben können, im Rollstuhl sitzen oder ob sie noch schlecht Deutsch sprechen – sie haben ein Recht auf Bildung.

Linnemann will Kinder, die nicht Deutsch sprechen, zunächst in Vorschulklassen stecken, damit sie Deutsch lernen. Grundsätzlich gibt es diese Möglichkeit schon. Kinder können von der Einschulung zurückgestellt werden, wenn sie aus verschiedenen Gründen noch mehr Förderung benötigen. Dann werden sie ein Jahr später eingeschult. Aber der Bildungsbericht 2018 zeigt, dass die sogenannte nichtdeutsche Familiensprache in den allermeisten Fällen kein Grund ist, Kinder nicht fristgemäß in die Schule zu schicken.

Und das sei auch sinnvoll, sagt Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache an der Universität zu Köln. "In der Schule sind die bestausgebildeten Personen – warum sollte man die Kinder ausgerechnet von dort fernhalten?"

Viele Schulen bieten sogenannte Vor- oder Willkommensklassen für neu eingewanderte Kinder und Jugendliche an, die noch gar kein Deutsch können. Eine solche Sonderbehandlung findet Becker-Mrotzek für Erstklässler nicht sinnvoll. Sie sollten sofort in die Regelklassen kommen. Die, die noch gar kein Deutsch verstehen, müssten dann allerdings gleichzeitig gezielt Sprachförderung erhalten – etwa in der Hälfte der Zeit. Sie könnten gleich beim Englischunterricht mitmachen, beim Sport oder in Musik. Sukzessive sollten sie dann bald in die anderen Fächer einsteigen. Für ältere Kinder und Jugendliche seien reine Willkommensklassen sinnvoll. Wenn Kinder etwa in ihrer eigenen Sprache noch gar nicht alphabetisiert sind, können sie nicht gleich in der dritten Klasse mithalten, in der die anderen Kinder schon lesen und rechnen können.

Nicht die Kinder sind das Problem

Seine Kollegin Nora von Dewitz, die zu Deutsch als Zweitsprache und Mehrsprachigkeit forscht, sagt, man müsse wegkommen vom Defizitdenken, also zu meinen, die Kinder oder ihre Eltern seien das Problem. Kinder, die noch nicht gut Deutsch sprechen, seien ja in ihrer Entwicklung nicht beeinträchtigt, sie würden häufig schon sehr viel können. Oft seien sie sogar mehrsprachig, was zu selten als Vorteil anerkannt werde. Sie hätten außerdem all die nötigen Strukturen fürs Sprachenlernen schon gelernt. "Grundschulen müssen inzwischen überall mit Heterogenität umgehen", sagt sie. Mit unterschiedlichen Kompetenzen, mit Inklusion und eben auch mit Mehrsprachigkeit.

Ihrer Ansicht nach solle sich die Schule grundsätzlich an den Schülern ausrichten, die sie besuchen. Sie meint: Wenn etwa beim Lesen lernen eine Anlauttabelle benutzt wird, auf der ein Hund abgebildet ist, um den Buchstaben H zu lernen, dann kann das nicht klappen, wenn manche Kinder das deutsche Wort für Hund noch nicht kennen. Lehrkräfte könnten dann zum Beispiel eine individualisierte Tabelle mit ihren Schülerinnen und Schülern erstellen, schlägt sie vor. Auf diese Weise stellten sie sicher, dass jedes Kind das gleiche Wort im Kopf hat. Lehrerinnen und Lehrer sollten außerdem darauf achten, dass sie Gelegenheiten nutzen, Wörter gleich mit Artikel und Plural zu benennen oder Verben mit den dazugehörigen Präpositionen. Nicht nur im Deutschunterricht, in jedem Fach gebe es Anlässe, die deutsche Sprache richtig einzuüben.

Darüber hinaus sei es sinnvoll, auch die Erstsprache zu fördern, wie das etwa in Schweden üblich sei. Denn wer in seiner Muttersprache sprachliche Vielfalt kennenlerne, könne vieles davon auch in die Zweitsprache übertragen. Nur Deutsch zu sprechen auf dem Schulhof oder gar zu Hause – das sei keine sinnvolle Forderung.

All das klingt in der Theorie gut. In der Praxis fühlen sich viele Lehrerinnen und Lehrer aber überfordert von der Heterogenität ihrer Schüler. Viele haben in ihrer Ausbildung nichts über Deutsch als Zweitsprache gelernt oder nur eine vage Vorstellung davon bekommen. Ihnen fehlt oft die Zeit, um für jedes einzelne Kind die richtigen Angebote machen zu können – im sogenannten binnendifferenzierten Unterricht. Sie brauchen deshalb Unterstützung.

Warum können die Kinder kein Deutsch?

Nora von Dewitz bestreitet nicht, dass es viele Probleme gibt. Sie sagt aber, nicht jeder Lehrer müsse alles können. Es sollten Teams zusammenarbeiten, die sich gegenseitig unterstützen, Materialien austauschen und sich gegenseitig zeigen, was sie können. Und natürlich müssten Schulen, die viel Unterstützung brauchen, entsprechend viele Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen. Fortbildungen und Experten. Zeit, um sich zu besprechen und gemeinsam Materialien zu erstellen. Forderungen, die angesichts des Lehrerinnen- und Erziehermangels leider unrealistisch klingen.

Doch trotz all dem, was die Schule leisten kann und soll, stellt sich natürlich die Frage, warum viele Kinder, die schon länger in Deutschland leben, als Erstklässler überhaupt noch so schlecht Deutsch sprechen. Linnemanns Forderung, dass möglichst viele schon vor der Einschulung Deutsch können sollten, ist ja nicht sinnlos. Und die meisten drei- bis sechsjährigen Kinder besuchen auch bereits eine Kita. Die Betreuungsquote lag laut Bundesfamilienministerium 2018 bei fast 94 Prozent.

Es sind zwar noch immer oft genau die Eltern, deren Kinder von der Förderung in der Kita besonders profitieren würden, die keinen Kitaplatz finden. Kinder mit Migrationshintergrund besuchen im Schnitt seltener Kitas als diejenigen ohne. Aber das ändert sich. Besonders Kinder, die zu Hause hauptsächlich kein Deutsch sprechen, besuchten 2017 laut Bildungsbericht häufiger die Kita als noch 2007 (54 Prozent mehr). Das allein erklärt also nicht viel.

Becker-Mrotzek nennt einen weiteren Grund: Da es keine Kindergartenpflicht gibt, gibt es auch keine Durchgriffsmöglichkeiten. Kitaträger sind oft privat, ihnen könne man schwer Vorgaben machen.

Am Ende fehlt es wieder mal an Personal

Außerdem seien die Sprachtests, die es vor der Einschulung zwar in vielen Bundesländern gebe, nicht vergleichbar. Mal werden sie von den Gesundheitsämtern, mal bei den Sozialämtern durchgeführt. Becker-Mrotzek sagt, es solle keine Tests ohne konkrete Diagnose geben und keine Diagnose, ohne dass darauf das Kind entsprechend gefördert wird. Das sei aber längst nicht überall so. Und hier hat auch Linnemann einen Punkt. Er sagt, es gehe ihm darum, dass es Konsequenzen haben müsse, wenn Kinder vor der Schule die sogenannten Sprachstandstests nicht bestünden.

Gute Konzepte zur Sprachförderung in den Kitas gebe es allerdings auch längst, sagt Becker-Mrotzek. Erzieher und Erzieherinnen könnten in alltäglichen Situationen viel bewirken, etwa mit kleinen Rollenspielen, beim Bilderbücherbetrachten, all das hätten Evaluationen ergeben. Das setze jedoch voraus, dass es eine breite Weiterbildungsinitiative gebe.

Neue Routinen müssen eingeübt und überprüft werden, das koste Zeit. In der Grundschullehrerausbildung, sagt Becker-Mrotzek, müssten die meisten Studierenden inzwischen Kurse zur Sprachförderung belegen. Manchmal reicht es nur für eine Sensibilisierung und Grundausbildung – aber das sei trotzdem viel mehr als bislang in der Erzieherausbildung.

Aber natürlich ist auch dieser Ansatz der Sprachförderung noch Theorie. In der Umsetzung mangelt es sowohl in den Kitas als auch in den Schulen an Personal. Aber es fehlen Erzieherinnen, die überhaupt die Zeit finden für lange Gespräche im Alltag. Es fehlen Grundschullehrer und -lehrerinnen. Und ausgerechnet an Brennpunktschulen arbeiten viele Quereinsteiger. Denen wiederum die nötige Ausbildung in der Sprachförderung fehlt.