Die Abiturnoten in Deutschland werden seit Jahren immer besser. Im vergangenen Jahr gab es mehr Einserabis in Thüringen und Bayern, aber auch in Bremen oder Berlin – mal wieder. Das könnte eine gute Nachricht sein, wenn damit bewiesen wäre, dass die Schülerinnen und Schüler immer schlauer werden. Und wenn es nicht so ungerecht zuginge.

In Thüringen hatten vergangenes Jahr rund 38 Prozent der Abiturienten ein Einserabi, danach folgen Sachsen und Bayern. Schleswig-Holsteiner Schüler schafften das nur zu gut 17 Prozent. Thüringer und Schleswig-Holsteiner müssen sich aber gleichermaßen mit ihren Abinoten an den Universitäten für Fächer bewerben, für die ein Numerus Clausus gilt. 

Warum werden die Noten aber überall besser und ist das überhaupt ein Problem? Es gibt viele, zum Teil auch widersprüchliche Erklärungen, doch vieles bleibt auch Spekulation.

Sind die Schüler engagierter?

Eltern sind heute gebildeter, viele haben von der Bildungsoffensive der Siebzigerjahre profitiert. Sie sind bildungsbewusster als frühere Generationen. Und ängstlicher: ohne hervorragendes Abi scheinen sie keine Zukunft für ihre Kinder zu sehen. Auch die Schülerinnen und Schüler selbst sind wahrscheinlich ehrgeiziger als früher, das glaubt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Sie strengen sich mehr an und werden von den Eltern, die es sich leisten können, mit Nachhilfe und Lerncamps in Richtung Numerus-Clausus-Note befördert.

Möglicherweise bereiten auch die Lehrer ihre Schüler besser aufs Abi vor. Zumindest die Pisa-Studien-Ergebnisse sind eine Zeit lang besser geworden. Sie testen aber nur die 15-Jährigen. Bildungsforscher Marko Neumann vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation DIPF sagt: "Letztlich fehlen empirische Daten, mit denen sich belastbare Aussagen über die Kompetenzen der Abiturienten treffen lassen, denn Lernstandsmessungen wie Pisa oder eine Überprüfung der Nationalen Bildungsstandards gibt es für die Abiturienten nicht."

Die Erklärung besserer Förderung schwächelt außerdem deshalb, weil die Zahlen aus den Ländern so stark auseinanderklaffen. Zwar schneiden Thüringen, Bayern und Sachsen auch in den verschiedenen schulischen Leistungsvergleichen recht gut ab, sagt Neumann. "Im Mittelfeld der Notenverteilung stehen aber beispielsweise mit Bremen und Berlin Bundesländer, die in den Ranglisten der meisten Schulleistungsstudien üblicherweise weit unten landen. Anders als Schleswig-Holstein, das in den Ländervergleichen nicht schlecht abschneidet." Es ist also höchst unwahrscheinlich, dass die Schleswig-Holsteiner Schülerinnen im Abi fauler sind oder ihre Lehrer schlechter als die der anderen Bundesländer.

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Werden Leistungen nicht streng genug bewertet?

So heißt es auf der anderen Seite, die Noten seien nur deshalb so gut, weil die Ansprüche sinken. Die Leistungen der Schüler werden besser bewertet als früher, sagte etwa Susanne Lin-Klitzing vom Deutschen Philologenverband in einem ZEIT ONLINE-Interview. Lehrerinnen und Lehrer müssten zum Beispiel inzwischen für eine zu 85 Prozent erbrachte Leistung eine 1 minus vergeben. Früher hätte man dafür 90 Prozent gebraucht. Sie fordert, dass Leistung und Bewertung wieder besser zusammenpassen, damit die Abiturnote die Leistungen realistisch abbildet. 

Eine weitere These ist, dass die Noten besser werden, weil im Abi nach den Pisa-Studien nicht mehr nur abrufbares Wissen abgeprüft werde, sondern anwendungsorientierte Kompetenzen. Dadurch sei es leichter geworden, gute Noten zu bekommen. Das könnte teilweise stimmen, sagt Marko Neumann vom Leibniz-Institut. Wenn etwa in einer Geschichtsklausur im Text so viele Informationen mitgegeben werden, dass eher das intelligente Leseverstehen getestet wird als Fachwissen.   

Doch: Ganz ohne Wissen geht es nach wie vor kaum. Und die Kompetenzorientierung könne auch mal zu schlechten Noten führen, wie kürzlich beim Mathe-Abi. Tausende Schülerinnen und Schüler protestierten, weil es zu schwer gewesen sei. Eine Erklärung: Sie seien nicht darauf vorbereitet gewesen, ihr Wissen auf komplexe und lebensnahe Problemstellungen anzuwenden.

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Welche Rolle spielt der Föderalismus?

Und was bewirkt das Zentralabitur in den einzelnen Bundesländern? Der Bildungsforscher Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung hat in einer Untersuchung festgestellt, dass es dadurch mehr gute Noten geben könnte. Gymnasien mit leistungsstarken Schülerinnen und Schülern hätten früher schwerere Aufgaben gestellt und die mit den schwächeren leichtere, erklärt er. Die leistungsstarken Schüler hätten es durch die zentralen Aufgaben nun deutlich einfacher, die schwächeren schwerer – neben der hohen Zahl der Einserabis gibt es inzwischen auch mehr Durchfaller.

Nun wird wieder ein bundesweites Zentralabitur gefordert. Bislang gibt es nur einen gemeinsamen Aufgabenpool für die Hauptfächer. Vergleichbarer wird das Abitur damit nur ansatzweise. Manche Schulen bedienen sich bislang gar nicht bei diesen Aufgaben, andere nutzen sie zwar, verändern sie jedoch.

Bundesweite Abiturprüfungen würde die Noten aber vermutlich kaum verändern, sagt Helbig. Dafür bräuchte man zusätzlich ein zentralistisches Schulsystem. Denn die Abiturnote setzt sich nur zu einem Drittel aus den Prüfungen zusammen, die Leistungen der gesamten Oberstufe fließen ebenfalls ein. Und die werden in den Bundesländern ganz unterschiedlich berechnet. In manchen Ländern müssen zum Beispiel 40 Kurse eingebracht werden, in anderen nur 32, manche Fächer mit schlechten Noten können dort aussortiert werden.

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Wie kommen die Hochschulen damit klar?

Wie relevant ist die Abinote noch für den weiteren Weg? Viele Universitäten trauen den guten Noten nicht mehr. Der Deutsche Hochschulverband forderte in der Rheinischen Post, der "Noteninflation" müsse Einhalt geboten werden. Schon heute fehlten den Studienanfängern häufig wichtige Grundkenntnisse, etwa in Mathematik.

Aber auch hierfür gibt es viele Erklärungen jenseits der zu guten Bewertung. Wenn der Leistungskurs Mathematik in einem Bundesland mit sechs Stunden in der Woche unterrichtet wird und in einem anderen nur mit vier, dann ist klar, dass es Leistungsunterschiede gibt, sagt Bildungsforscher Marcel Helbig. Wenn in einem Bundesland nur kurzzeitig Sozialwissenschaften angeboten wird, im anderen aber über mehrere Jahre – dann zeige sich das auch in den entsprechenden Fakultäten.

Bildungsforscher Marko Neumann sagt, die Klagen der Universitäten müsse man ernst nehmen, auch wenn es seit jeher heißt, die Abiturienten würden immer schlechter. Man solle die Verantwortung für die Studienvorbereitung aber nicht alleine den Schulen anlasten. Auch die Hochschulen müssen die Studierenden auf ihr Fach vorbereiten – etwa indem sie Brückenkurse anbieten, in denen die Studenten und Studentinnen auf die entsprechenden Schwerpunkte des Faches vorbereitet werden. Denn das können die Schulen nicht mehr für alle Studienfächer in der erforderlichen Tiefe leisten.

Die Aussagekraft der Abiturnote sollte aber nicht ganz kleingeredet werden. Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass sie als Prognose sehr gut tauge: Sie zeige besser als viele andere Merkmale an, ob ein Mensch erfolgreich im Studium sein wird. Einige Hochschulen ziehen inzwischen neben der Abiturnote auch weitere Auswahlkriterien für die Auswahl der Studierenden heran, etwa Eingangstests oder Auswahlgespräche. Neumann hält das für sinnvoll: "Dann würden die tatsächlichen  Kompetenzen der Abiturienten bei der Studienplatzvergabe nochmals stärker in den Vordergrund rücken."

Damit das Abiturzeugnis auch die tatsächlichen Leistungen spiegelt, müssten zunächst Daten erhoben werden, um die verschiedenen Theorien zu belegen – und die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Eines ist gewiss: Die Bundesländer müssen die Standards für das Abitur angleichen, damit die Noten wenigstens gerechter werden. Die große Koalition hat unter anderem dazu einen nationalen Bildungsrat geplant. Noch ist der aber nicht in Sicht.

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