Kaum hat das neue Schuljahr begonnen, ist der Lehrermangel wieder eines der drängendsten Themen. Vor allem Grundschulen sind betroffen. Und es wird noch schlimmer: Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung, die an diesem Montag vorgestellt wird, zeigt, dass bis zum Jahr 2025 mindestens 26.300 Absolventen für die Primarstufe fehlen werden – das sind 11.000 mehr als von der Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder prognostiziert. Sie geht bislang nur von 15.300 fehlenden Lehrkräften aus.

Grund dafür ist, dass die erwarteten Schülerzahlen korrigiert wurden. Bislang ging die KMK davon aus, dass im Jahr 2025 rund drei Millionen Kinder an den Grundschulen unterrichtet werden müssen. Im Juni präsentierte das Statistische Bundesamt aber seine aktuelle Bevölkerungsvorausschätzung: Demnach dürfte die Zahl der Kinder in der Primarstufe rund 3,2 Millionen betragen. Die Bildungsforscher der Bertelsmann-Stiftung, Klaus Klemm und Dirk Zorn, hatten diese Entwicklung bereits in ihrer Analyse 2017 vorausberechnet.

Für die Kultusministerien heißt es nun aber erst offiziell, dass sie einen Rechenfehler in ihren Prognosen beheben müssen: Im Jahr 2025 werden 168.000 Schüler mehr an den Grundschulen sein als erwartet. Und mehr Schüler brauchen natürlich auch mehr Lehrer.

Doch wo sollen die herkommen? Schon heute klafft eine große Lücke zwischen der Zahl der offenen Stellen und den Bewerbern. Nordrhein-Westfalen beispielsweise, das bevölkerungsreichste Bundesland mit 2,5 Millionen Schülern, meldete zu Beginn der Sommerferien noch 1.650 offene Stellen für Lehrkräfte an den rund 2.700 öffentlichen Grundschulen.

Finanzielle Anreize schaffen

Alle Bundesländer sind auf der Suche nach Lösungen, viele haben bereits die Anzahl der Studienplätze erhöht. Doch eine Lehrerausbildung dauert mindestens sechs Jahre.

Ein weiterer Punkt ist die Entlohnung: In fast allen Bundesländern werden Lehrer bis zu einem gewissen Alter verbeamtet. Grundschullehrer werden anfänglich in der Besoldungsstufe A12 eingruppiert, an weiterführenden Schulen wie dem Gymnasium oder Berufsschulen liegt die Besoldung bei A13 – das kann monatlich einen Unterschied von rund 500 Euro ausmachen. Deshalb gibt es Überlegungen, hier für eine einheitliche Besoldung zu sorgen oder Prämien zu zahlen. Die Berliner CDU hat zum Beispiel gerade angeregt, Lehrern eine Willkommensprämie und ein kostenloses Ticket für den Nahverkehr zu schenken, da es hier keine Verbeamtung gibt. Im kleinsten Bundesland Bremen wird die Besoldung stufenweise bis 2021 angehoben, wodurch Grundschullehrkräfte dann mit ihren Kollegen an den Gymnasien beim Einstiegsgehalt gleichgestellt werden. Kreativ zeigen sich die Länder auch bei der Erfindung von Sonderzulagen, um Lehrer anzulocken: In Schleswig-Holstein bekommen Grundschullehrer ab August 2020 eine monatliche "aufbauende Strukturzulage", die jährlich um 80 Euro steigt. Wer in Brandenburg nach dem "Erreichen der Regelaltersgrenze" noch weiterarbeitet, erhält monatlich 400 Euro zusätzlich.

Was hilft sonst noch? Um kurzfristig für Entspannung zu sorgen, werden mancherorts pensionierte Lehrkräfte in den Schuldienst zurückgeholt. Bayern bietet Real- und Gymnasiallehrern, die keine Anstellung gefunden haben, eine Umqualifizierung zum Grundschul- oder Förderlehrer an und kann damit viele offene Stellen besetzen. Quereinsteiger sind mittlerweile überall zu finden – wenn sie auch vom Lehrerverband nicht so gern gesehen sind, weil viele von ihnen keine ausreichende pädagogische Ausbildung bekämen, wie es heißt. Am größten ist der Anteil der Seiteneinsteiger in Berlin.

Der Osten hat besonders mit dem Lehrermangel zu kämpfen, was neben falschen Prognosen zur Entwicklung der Schülerzahlen und einer Vernachlässigung der Lehrerausbildung auch mit einer Überalterung der Lehrkräfte zu tun hat. Besonders viele von ihnen gehen jetzt und in den kommenden Jahren in den Ruhestand. Eine solche Pensionierungswelle hat der Westen bereits hinter sich.

Die Aussichten sind also nicht besonders gut. Klemm und Zorn warnen, dass der Lehrermangel auch bis 2030 fortbestehen wird, wenn es nicht gelingt, die Lehrkräftelücke bis 2025 zu schließen. "Dem von der KMK bisher prognostizierten Absolventenüberschuss von 6.750 Grundschullehrkräften für die Jahre 2026 bis 2030 steht nach den jetzigen Berechnungen nämlich ein zusätzlicher Bedarf von 10.600 Lehrkräften entgegen – und schulpolitische Ambitionen wie der Ganztagsschulausbau sind dabei noch gar nicht berücksichtigt", heißt es in der Studie.