Rechts steht das, was Schule einmal war: Ein dunkles Backsteingebäude, hoch, breit, rigide. Links ist das, was Schule in den reformbewegten Siebzigerjahren wurde: ein langer, etwas leichterer Bau mit Lichthof. In der Mitte sieht man, was Schule sein kann: kaum Mauern, Offenheit. Vom Schultor der Gemeinschaftsgrundschule Kettelerschule in Bonn aus kann man durch bodentiefe Fenster auf den Schreibtisch der Schulleitung schauen. Und auf den Platz des Schulhunds Fini.

In Deutschland wird gerade Jubiläum gefeiert: Die Grundschule wird 100 Jahre alt. Sie ist das Fundament jeder Bildungskarriere. Hier lernen Kinder zusammen, von denen die eine mal Physik studieren wird und die andere eine Ausbildung zur Pflegerin macht. Ganztagsbetreuung, Migration, Inklusion und eine anspruchsvoller werdende Elternarbeit gehören mittlerweile zum Alltag der Lehrerinnen und Lehrer. Dazu kommt: Der Mangel an ausgebildeten Pädagoginnen trifft die Grundschule besonders hart. An die 170.000 Lehrer werden 2025 fehlen. 

Doch unter all den Meldungen über Lehrermangel, Überforderungen und Sanierungsstau an deutschen Schulen darf man nicht vergessen, dass es auch sehr großartige Schulen gibt. Zum Beispiel die, die im Sommer mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden. Eine von ihnen ist die Kettelerschule.     

Die Gemeinschaftsgrundschule liegt in Dransdorf, ein Stadtteil am Rande von Bonn, der vom Zentrum aus gern mal übersehen wird. Die Gegend ist so vielfältig, dass die Dransdorfer selbst ihr Viertel als "Mosaik" bezeichnet haben. Zwischen Hochhaussiedlung, Neubaugebiet und altem Dorfkern leben Menschen mit Wurzeln in über 90 Ländern, viele von ihnen mit extremen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen. 

Das zeigt sich auch an den Kindern an der Grundschule. Ein Drittel der Schülerinnen und Schüler hat Förderbedarf. Wie viele genau, das rechnet die Konrektorin Sandra van de Gey gerade aus. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch und erstellt die Statistik für das neue Schuljahr. 230 Kinder, 17 verschiedene Konfessionen... Durch die Scheibe sieht man zwei Mädchen Hand in Hand über den Schulhof laufen, eines mit Kopftuch, eines ohne.      

Die Menschen, die im Einzugsbereich dieser Schule leben, stellen die Lehrerinnen vor große Herausforderungen. Als Christina Lang-Winter, die heutige Schulleiterin, ihre ersten Monate an der Kettelerschule verbrachte, erlebte sie, wie hier jeder für sich versuchte, durchzukommen. "Da war kein Miteinander. Nicht unter den Kindern in den Klassen und auf dem Schulhof und auch nicht im Kollegium", erinnert sie sich. Nach ein paar Monaten sagte sie sich: "Entweder die Schule geht, oder ich."  

Heute gibt es keine Klassen mehr. An der Kettelerschule sind die Jahrgangsstufen eins bis vier gemeinsam in einer "Lernfamilie", also in einer Mischung aus größeren und kleineren Kindern. Ein Kind, das nächstes Jahr aufs Gymnasium gehen wird, lernt also mit und neben einem Erstklässler mit Lernbehinderung, ein Fünfjähriger mit einem Zwölfjährigen. Buch raus, Seite 26, Übung 3, das funktioniert in diesem System nicht.

Wie man dieses jahrgangsübergreifende Lernen gestaltet, zeigt die Konrektorin Sandra van de Gey beim Rundgang: Jede Lernfamilie hat ein Klassenzimmer und ein Zimmer für die Freizeit. In den Regalen liegen Brettspiele, mit denen man die Grundlagen der Mathematik erlernen kann, Puzzles und Kartenspiele helfen bei Deutsch, an der Wand hängt laminiert das Alphabet, auf einem Tisch liegen Karteikarten. Ein Großteil der Materialien ist selbst gemacht.