Hendrik Stoye ist Schulleiter der Hermann-Ferres-Grundschule in Niemberg, einem 1.500-Einwohner-Dorf in der Nähe der Stadt Halle. Seit 1991 hat der 55-Jährige verschiedene Schulen in Sachsen-Anhalt geleitet. "So massiv wie in diesem Schuljahr waren die Probleme noch nie", sagt er. Und meint damit den Lehrermangel. Im Interview spricht der Direktor über seine Wut auf das Bildungsministerium, über besorgte Eltern, Überstunden – und den Deutschunterricht mit 51 Schülerinnen und Schülern im Klassenzimmer.

ZEIT ONLINE: Herr Stoye, der Lehrermangel an Grundschulen wird in den nächsten Jahren noch gravierender sein als erwartet. Laut einer Bertelsmann-Studie fehlen bis 2025 rund 26.000 Lehrerinnen und Lehrer – das sind deutlich mehr, als die Kultusminister berechnet haben. Macht Sie diese Fehlkalkulation wütend?

Hendrik Stoye: Ja. Es ärgert mich, dass die Politik so lange nicht reagiert hat. In Sachsen-Anhalt hat der SPD-Finanzminister Jens Bullerjahn zwischen 2006 und 2016 Stellen an Schulen gekürzt. Obwohl bekannt war, dass der Altersdurchschnitt der Lehrerinnen und Lehrer im Land hoch ist und viele kurz vor der Pension standen. Bullerjahn hat also das Gegenteil von dem gemacht, was nötig gewesen wäre: Statt in die Zukunft unserer Kinder zu investieren, hat er den wachsenden Bedarf an Lehrkräften ignoriert. Ich verstehe auch nicht, warum es für die Kultusminister schwierig sein soll, die Geburtenzahlen auszuwerten. Als Schulleiter besorge ich mir die Zahlen ja auch frühzeitig, um zu planen.

ZEIT ONLINE: An Ihrer Grundschule sind Sie seit einem Jahr zu dritt: eine Lehrerin, ein Lehrer und Sie als Rektor. Sie sind für 105 Schülerinnen und Schüler in vier Klassen zuständig. Wie schlagen Sie sich im Alltag?

Stoye: Stimmt, unser Stammpersonal ist leider auf drei Leute zusammengeschrumpft. Eigentlich sind wir zu fünft: vier Lehrerinnen und Lehrer und ein Rektor. Doch gerade ist eine Kollegin in Elternzeit, eine andere fällt wegen Krankheit seit mehr als einem Jahr aus. Wir sollten in diesem Schuljahr eine neue Lehrkraft bekommen. Ein paar Tage vor Schuljahresbeginn im August haben wir dann erfahren, dass sie erst im Oktober anfangen kann. Zum Glück hat das Landesschulamt Ersatz organisiert. Eine der benachbarten Schulen leiht uns nun für 20 Stunden pro Woche eine Kollegin aus. Mit solchen Abordnungen halten wir uns über Wasser. Ethik, Religion und Musik können wir sowieso nur anbieten, weil einige Kolleginnen und Kollegen aus den umliegenden Schulen bei uns einspringen.

ZEIT ONLINE: Können Sie die anderen Fächer denn abdecken?

Stoye: Englisch, Gestalten und Förderunterricht fallen momentan leider hinten runter. Die Hauptfächer – Deutsch, Mathe, Heimat- und Sachkunde – können wir zum Glück abdecken. Wir teilen uns so auf, dass die beiden verbliebenen Stammlehrer, die Vertretungslehrerin und ich je eine Klasse leiten. Unser Kontingent, in Sachsen-Anhalt sind das 27 Stunden pro Woche, nutzen wir für die Hauptfächer und ein bisschen Sportunterricht. Solange niemand ausfällt, klappt das ganz gut. Von einem kleinen Schnupfen lässt sich hier niemand unterkriegen. Letzte Woche hat es eine Kollegin leider so richtig erwischt. Am Montagmorgen rief sie an: "Es geht einfach nicht." Und fehlte drei Tage.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie den Ausfall kompensiert?

Stoye: Indem ich ihre Zweitklässler zusammen mit meiner ersten Klasse unterrichtet habe. Etwas anderes blieb mir ja nicht übrig. 51 Schülerinnen und Schüler saßen vor mir. Sie einfach ein bisschen malen zu lassen – in unserer Situation wäre das vielleicht zu rechtfertigen. Aber ich habe einen höheren Anspruch. Ich musste also kreativ werden: Den Erstklässlern habe ich einen weiteren Buchstaben des Alphabets beigebracht. Die Zweitklässler haben Wörter und Sätze aufgeschrieben, in denen dieser Buchstabe vorkommt.

ZEIT ONLINE: Wie viele Stunden pro Woche arbeiten Sie in diesem Schuljahr mehr als vorgesehen?

Stoye: Als Direktor einer Grundschule würde ich normalerweise keine 27 Stunden pro Woche unterrichten, sondern einen Teil dieses Kontingents für meine Leitungsaufgaben nutzen. Die bleiben nun immer bis nachmittags liegen. Nach dem Unterricht muss ich nämlich noch die Schüler beaufsichtigen, bis sie das Schulgelände verlassen haben. Das ist eigentlich die Aufgabe einer pädagogischen Fachkraft, die wir momentan auch nicht haben. Genau beziffern kann ich meine Arbeitszeit nicht. Sie liegt auf jeden Fall bei etwa zehn Stunden mehr als unter normalen Umständen. Ich bin sehr gerne Schulleiter, aber die Situation zehrt an unseren Nerven. Die Kollegen und ich sind froh, dass der 1. Oktober näher rückt. Wir sind optimistisch, dass wir dann wirklich Verstärkung bekommen.

ZEIT ONLINE: Eigentlich waren die beiden unbesetzten Stellen schon im letzten Schuljahr ausgeschrieben. Eingestellt wurde jedoch niemand. Gab es keine Bewerberinnen und Bewerber?