Am Mittwoch um 9.30 Uhr bricht die Welle los. Etwa 40 Schülerinnen und Schüler stürmen den Raum. Sie hängen sich Gitarren und E-Gitarren und Bassgitarren um den Hals. Schieben schwere Truhen mit Verstärkern und Kabeln durch die Türen. Schalten Keyboards an und rücken Notenständer. Mikrofone werden eingestöpselt und Saxofone durch die Gegend gewuchtet. Es ist ein bizarres Durcheinander: laut und bunt und irre.

Ein paar Minuten vergehen so, dann kommt Ordnung in das Chaos. Eine Lehrerin schaltet schnell noch die Lüftung ein. "Sonst haben wir keine Chance", sagt sie. Und dann sind alle bereit.

Lilly am Schlagzeug. Oskar am Bass. Konrad an der Gitarre. Rosalie am Keyboard. Lena am Saxofon. Und mit ihnen die anderen Kinder der Klassenstufe 6 der Kurfürst-Moritz-Schule in Sachsen. Nach Instrumenten sortiert haben sie sich aufgestellt. In ihrer Mitte steht Schulleiter Heiko Vogel, eine schwarze, matt glänzende Gitarre um den Hals. "Schhhhhhh" macht Vogel und hält sich den Zeigefinger vor den Mund. Dann zählt er ein: "Eins, zwei, drei und …"

Was sich an diesem Mittwochmorgen Ende August im großen Musikraum der Oberschule in der Gemeinde Moritzburg, keine fünf Schulbusminuten von Dresden entfernt, abspielt, ist Alltag an der Kurfürst-Moritz-Schule. Eine Doppelstunde "Bandklasse" steht jeden Mittwoch auf den Stundenplänen der sechsten Jahrgangsstufe. Während die eine Hälfte eine Dreiviertelstunde lang in einer 40 Kinder starken Big Band zusammen musiziert, übt die andere Hälfte nach Instrumentengruppen aufgeteilt neue Lieder ein oder wiederholt bereits gelernte. Dann wird gewechselt.

Musik ist Pflichtfach

Dass Heiko Vogels Job heute irgendwo zwischen Rektor und Dirigent changiert, war 1992, als er als Geschichts- und Musiklehrer hier anfing, noch nicht abzusehen. Denn eigentlich wollte Vogel gleich wieder weg. "Ich war nicht zufrieden mit dem, was hier an Schule angeboten wurde", sagt er. Zu starr, zu frontal war ihm der Unterricht. Dazu kamen die Nachwendesorgen. Wegen des Geburtenknicks fehlten den Schulen im Osten ab Mitte der Neunzigerjahre haufenweise Schüler. Der damalige Landesentwicklungsplan für Sachsen sah vor, zunächst Schulen auf dem Land zu schließen. "Wir hatten eigentlich das kürzeste Streichholz", sagt Vogel. Nur 180 Schüler, ein altes und viel zu kleines Schulgebäude: Die Schließung, so erzählt es Vogel heute, stand im Grunde schon fest.

Doch dann hatte der damalige Bürgermeister der Gemeinde, Paul Storm, eine Idee. Warum nicht versuchen, der Schule ein Alleinstellungsmerkmal zu geben? Warum nicht jedem Schüler die Möglichkeit geben, ein Instrument zu lernen? Was hatte man zu verlieren?

Das war zunächst leichter gedacht, als umgesetzt. Denn wer Musik machen will, braucht Instrumente. Nur davon hatte die Schule recht wenig. Eine Gitarre, ein Klavier und zwei Xylophone stellte man nach kurzer Inventur fest. Was sie allerdings auch hatte: einen motivierten Musiklehrer. Fördermittel wurden akquiriert, die Gemeinde und die Gemeindemitglieder halfen, wo sie konnten. "Wir haben das dann Stück für Stück aufgebaut und irgendwann fing das an, von selbst zu laufen", sagt Vogel.

Er kann sogar ziemlich genau sagen, wann die Musik zum Selbstläufer wurde. "2005 hatten wir einen Jahrgang, in dem nur noch drei Schüler kein Instrument lernen wollten. Das bekommt man nicht mehr organisiert und dann haben wir gesagt: Ok, wir machen das jetzt zur Pflicht und die paar, die damit nicht glücklich werden, müssen da durch." Bodenturnen und Prozentrechnung muss auch jeder machen. Warum nicht also auch Musik?

Wer heute also nach der Grundschule an die Kurfürst-Moritz-Schule wechselt, muss sich entscheiden: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard, Saxofon oder Gesang.

Verpflichtend sind die Bandklassen für die fünfte und sechste Jahrgangsstufe. Danach können die Schüler entweder Kurse in Tanz, Theater oder Bühnentechnik wählen – oder sie finden sich in eigenen Bands zusammen und spielen weiter Musik. Pro Jahrgang entstünden so etwa vier bis sechs neue Bands, sagt Vogel. Und die meisten bleiben zusammen: Bei rund 500 Schülern gibt es an der Kurfürst-Moritz-Schule derzeit unfassbare 23 Schulbands. Die beste wird beim jährlichen Schulfestival Rock im Foyer gewählt.