Mansur Seddiqzai arbeitet unter anderem als Islamlehrer im Ruhrgebiet. Hier trifft er zwei Lehrer aus seiner Schulzeit wieder. Sie lebten schon zu Seddiqzais Schulzeit offen homosexuell und verunsicherten ihn.

In meinem Islamischen Religionsunterricht gibt es immer zwei bis drei Schülerinnen und Schüler pro Klasse, die sich offen homophob äußern. Homosexualität sei "pädophil", "krank" oder "gegen Gott". Sie kennen alle gängigen Klischees. Klar, denken viele: typisch für eine Schule mit hohem Migrantenanteil.

Zwar zeigt sich auch in der aktuellen Shell-Studie, dass Jugendliche, deren Familien aus islamisch geprägten Ländern stammen, häufiger homosexuelle Paare in der Nachbarschaft ablehnen als die ohne Migrationshintergrund. Aber Homophobie gibt es überall. An einem Gymnasium mit Kindern, die allesamt aus der gehobenen deutschen Mittelschicht stammten, erlebte ich das Gleiche. "Bah, ekelhaft!", kommentierte etwa ein Mädchen laut das Thema Homosexualität in meinem Unterricht. Im Klassenraum gab es keine Proteste.

Homophobie unter Jugendlichen entsteht nämlich auch aus der eigenen sexuellen Unsicherheit, dem starken Wunsch als "normal" zu gelten und kein Außenseiter zu sein. Menschenfeindlich ist diese Haltung trotzdem. Und leider ist sie auch mir nicht fremd. In meiner Jugend habe ich ähnlich gedacht und geredet. In der Grundschule erzählten wir Schwulenwitze auf dem Pausenhof, ohne zu verstehen, was Schwulsein eigentlich bedeutet. Meine Eltern sprachen nie darüber, wahrscheinlich weil das Thema Sexualität generell ein Tabu war. Auch in der Mehrheitsgesellschaft galt Homosexualität in den Achtzigerjahren vielen Menschen noch als Perversion.

Dann besuchte ich selbst ein Gymnasium mit hohem Migrantenanteil. Homosexuelle kannten wir nicht persönlich, sie erschienen uns so exotisch wie Einhörner. Doch wir wurden mit gleich zwei Lehrern konfrontiert, die offen schwul lebten. Meine Mitschüler und ich haben diese Lehrer gemobbt.

Fast 25 Jahre später sitze ich den beiden aufgeregt in einem Kölner Café gegenüber. Michael von Wyhl ist mittlerweile im Ruhestand und blickt gelassen auf eine lange Lehrerlaufbahn zurück. Reinhardt Millner* arbeitet noch als katholischer Religionslehrer. Er möchte seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen, weil er nicht weiß, wie das Erzbistum reagieren wird.

Während Millner mit Designerbrille und Polohemd etwas legerer wirkt als ich ihn in Erinnerung habe, entspricht von Wyhl mit Birkenstock-Sandalen und langen Haaren noch immer meinem Bild des 68er-Lehrers. Haare und Bärte sind inzwischen ergraut, aber beide wirken noch wie damals zugleich locker und souverän auf mich. Sie erinnern sich zwar an unser Verhalten, aber sie haben es nicht als besonders feindselig in Erinnerung. Gerade weil sie sich nie verstellen mussten, hätten sie auch viele schöne Erinnerungen an die Zeit. Erstaunlich für mich.

Schwul war für mich eine Beleidigung, keine Beschreibung

Bevor ich die beiden nach meinem Schulwechsel kennenlernte, wurde mir schon von meinen neuen Mitschülern mitgeteilt, dass ich mich in Acht nehmen solle. Es gäbe da nämlich zwei Lehrer, die seien "schwul". Das Wort war für mich eine Beleidigung und keine Beschreibung, daher verstand ich ihr Raunen als Warnung vor unfairen, hinterhältigen Lehrern.