Im innerdeutschen Dauervergleich hat der Osten meist das Nachsehen. Auf einem Feld galt das lange nicht: der Bildung. Besonders in Mathematik und den Naturwissenschaften hängte der Osten den Westen bislang immer locker ab. Als Forscher 2012 Neuntklässler aus ganz Deutschland in Physik, Chemie und Biologie Aufgaben lösen ließen, konnten allein die bayerischen Schüler mit ihren Alterskameraden zwischen Wismar und Dresden noch mithalten. Auch in Mathe hieß es: Ost schlägt West.

Nun hat das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) seinen neuen Ländervergleich vorgelegt. Die Hauptbotschaft: Die schöne Erfolgsgeschichte der ostdeutschen Schulen geht zu Ende. In vier von fünf ostdeutschen Bundesländern sind die Schülerleistungen deutlich abgesackt. Nur der Musterschüler Sachsen macht eine Ausnahme. Teilweise geradezu dramatisch dagegen sind die Einbrüche in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und vor allem Brandenburg. Hier spricht der IQB-Bildungstrend von "besonders ungünstigen Entwicklungen".

Zu Recht, denn in Mathematik verlieren die Schüler etwa in Brandenburg 25 von den Studienautoren definierten Leistungspunkte, in Biologie 33, in Chemie 37 – umgerechnet ist das in etwa so, als hätte der Unterricht in diesen Fächern fast ein Jahr lang schlicht nicht stattgefunden.

Nun ist Brandenburg nicht Bremen. Vom ewigen Schlusslicht im Länder-Ranking trennen Brandenburg, was die Rechenfertigkeiten seiner Schüler angeht, immer noch Welten. Aber auch Westländer wie Schleswig-Holstein oder Rheinland-Pfalz verschlechtern sich.

Der deutliche Negativtrend in einen ganzen Teil Deutschlands ist besorgniserregend, ja fast rätselhaft. Denn warum schmiert der gesamte Osten ab – Sachsen aber nicht? Und warum trifft es (das zeigt ein genauerer Blick in die Daten) ausgerechnet die Gymnasien besonders hart?

These eins: Es liegt an den Lehrern

Für die Überlegenheit des Ostens in den Fächern mit den Zahlen und Formeln gab es mehrere Erklärungen: die traditionell – noch aus der DDR stammende – höhere Wertschätzung von Mathematik, Physik und Chemie in der Gesellschaft, der größere Umfang an Unterrichtsstunden als im Westen sowie die anerkannt gute Ausbildung der Ostlehrer in diesen Fächern. In allen drei Punkten hat sich jedoch – laut den Analysen des IQB – wenig verändert. So hat der Generationswechsel in den ostdeutschen Lehrerzimmern gerade erst begonnen. In Brandenburg zum Beispiel sind mehr als zwei Drittel der Mathelehrer über 50 Jahre alt. Noch unterrichten in Rostock, Halle oder Magdeburg also weitgehend dieselben Pädagogen wie 2012.

These zwei: Es liegt an den Schülern

Die Vielfalt in unseren Klassenräumen ist weiter gestiegen. Ein Drittel aller Schüler mit einem Förderbedarf lernt mittlerweile in allgemeinen Schulen, die Inklusion macht also (langsame) Fortschritte. Ebenso nochmals deutlich erhöht hat sich der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund. Jeder dritte Neuntklässler in Deutschland hat mittlerweile mindestens einen Vater oder eine Mutter, die im Ausland geboren sind. Die Leistungen dieser Schüler sind im Schnitt (hauptsächlich, weil sie aus ärmeren Verhältnisse stammen) schlechter als jene von Alterskollegen ohne Migrationshintergrund. Das Muster zeigt sich besonders bei den Flüchtlingskindern. Sie wurden von IQB erstmals getestet und hinken (wegen ihrer schwachen Deutschkenntnisse nicht überraschend) ihren deutschen Klassenkameraden um mehr als zwei Schuljahre hinterher. All diese Veränderungen betreffen jedoch sämtliche Bundesländer – die im Westen sogar deutlich stärker. So hat sich die Migrationsquote in Baden-Württemberg in sechs Jahren um 14 Prozentpunkte erhöht, in Mecklenburg-Vorpommern dagegen nur um 1,5 Prozentpunkte.