Klüger dank Latein – Seite 1

Lateinunterricht – das heißt Vokabeln, Ablativ und Vokativ pauken, irgendwann dann Caesar und Cicero übersetzen. Nicht nur die Schülerinnen und Schüler, die den Praxisbezug des Stoffs vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennen können, fragen sich: Wozu bitte braucht man das noch? Zweifellos gilt für Latein wie für alle andere Fächer: Es trägt zur Allgemeinbildung bei. Aber gibt es einen Nutzen darüber hinaus?

Jeder weiß: Anders als Englisch oder Spanisch taugt Latein nicht dazu, sich damit in fremden Ländern zu verständigen, mal abgesehen vom Vatikan, wo man damit am weitesten käme. Selbst auf der Weltbischofssynode – bis dahin gewissermaßen das letzte gesicherte Refugium des Lateins als gesprochener Sprache – ist Latein qua Weisung von Papst Franziskus heute nicht mehr die "offizielle" Sprache. Auch für das Studium verliert Latein zunehmend seinen Wert: Viele Unis erwarten heute kein Latinum mehr.

Und selbst der viel beschworene Transfernutzen ist offenbar geringer als gedacht. So kommen Studien zu dem Ergebnis, dass es ein Irrglaube sei, dass man mit Lateinkenntnissen leichter romanische Sprachen lernen könne, wie oft behauptet wird. In einer wissenschaftlichen Untersuchung etwa wurde verglichen, ob Schülern mit Lateinkenntnissen das Erlernen der spanischen Sprache leichter falle als denen, die zuvor Französisch im Unterricht hatten. Das Ergebnis: Die Schüler mit Französischkenntnissen taten sich leichter. Elsbeth Stern, Professorin für empirische Lehr-​ und Lernforschung an der ETH Zürich sowie (Co-)Autorin dieser und weiterer Studien zum Lateinunterricht sagt, es ließe sich auch nicht nachweisen, dass Lateinschüler logischer denken würden als andere. 

Zwei Thesen zum tatsächlichen Nutzen von Latein bleiben noch übrig. So heißt es, dass die alten Sprachen im Verlauf einer Karriere durchaus als Distinktionsmerkmal dienen. Unter Arbeitgebern halte sich der Glaube, dass das Latinum für besondere Klugheit spreche, weshalb es etwa im Bewerbungsprozess reale Vorteile verspreche. Da gerade bildungsbeflissene Eltern dazu tendierten, ihre Kinder auf altsprachliche Gymnasien zu schicken, erhielten privilegierte Kinder auf diese Weise weitere Privilegien.

Eine weitere These lautet: Wer Latein lernt, stärkt seine Deutschkenntnisse. Wissenschaftlerin Stern fand für diese Theorie Belege. So sei es Lateinschülern in einer ihrer Studien im Schnitt tatsächlich besser als Schülern ohne Lateinkenntnisse gelungen, Grammatikfehler in deutschen Texten zu finden, sagt sie. "Ihr Vorsprung war klein, aber signifikant."

Schülerinnen produzieren deutsche Texte

Auch der Altphilologe Stefan Kipf, der Didaktik der Alten Sprachen an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt und selbst Lateinlehrer war, ist von der positiven Wechselwirkung zwischen Latein- und Deutschkenntnissen überzeugt. "Latein lernen die Schülerinnen und Schüler im Dreiklang", erklärt er. "Sie erschließen sich Texte, übersetzen und interpretieren sie." Am Ende produzierten sie aktiv deutsche Texte. Es sei diese intensive Arbeit, die die Sprachbildung fördere – das nutze privilegierten Kindern genauso wie Kindern aus benachteiligten Familien. Dass deutsche Schulen bei der Sprachförderung Nachholbedarf haben, hat gerade erst die aktuelle Pisa-Studie wieder gezeigt.

Kipf berichtet von einem Neuköllner Gymnasim, an dem fast alle Schüler einen Migrationshintergrund haben und eher aus bildungsfernen Familien stammen. Hier kämen Lateinleistungskurse erstaunlicherweise zuverlässiger zustande als anderswo, sagt er. Grund dafür sei, dass Schülerinnen und Schüler, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, im Lateinunterricht oft Erfolge erlebten, die sie sonst nicht hätten: Das Fach liefere ihnen nicht selten eine kulturelle Erdung, von der sie zuvor gar nichts wussten. Türkischstämmige Schüler lernten etwa einiges über ihre eigene Herkunft, da Teile der antiken Erzählungen auch in der heutigen Türkei spielen.

Latein hilft Schülern, für die Deutsch die Zweitsprache ist

Zudem fühlen sich gerade türkische Schülerinnen und Schüler motiviert, da die lateinische Grammatik und die ihrer Landessprache Ähnlichkeiten aufweisen. So gibt es im Türkischen wie im Lateinischen beispielsweise keine Artikel, weshalb türkische Muttersprachler oft mit der deutschen Artikelverwendung Probleme haben. Bei Übersetzungen aus dem Lateinischen ins Deutsche lernen sie, wie sie sich den deutschen Artikel aus dem Kontext des lateinischen Satzes erschließen müssen – und übertragen dieses Wissen später auf den Alltag, wenn sie Deutsch sprechen und schreiben. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Lateinlehrerinnen und -lehrer dafür sensibilisiert sind und nicht nur den vermeintlich typischen sprachlich versierten Gymnasiasten im Blick haben.

Leider seien die Lateinlehrer oft noch nicht auf die besonderen Voraussetzungen solcher Schülerinnen und Schüler vorbereitet, sagt Kipf. Er kritisiert auch, dass viele Texte, die die Lehrpläne vorsehen, mittlerweile zu schwer sind und zu wenig auf die Lebenswelt der Kinder bezogen werden. So könnte man zum Beispiel neulateinische Texte aus der Frühen Neuzeit lesen, die seinerzeit für Kinder geschrieben wurden, oder die Lektüre antiker Reden als Rhetorikkurse gestalten. Doch "Lateinlehrer müssen einfach gut sein", glaubt Kipf. Nur selten können sie sich darauf verlassen, dass die Schüler Latein als Pflichtfach haben. Die, die Latein belegen, tun das zumeist freiwillig. 

Latein ist dennoch europaweit auf dem Rückzug. In Ländern wie Schweden oder England etwa wird es beispielsweise nur noch von wenigen Schulen angeboten. Kipf zufolge ist zwar auch in Deutschland die Zahl der Lateinschüler rückläufig, trotzdem sei die tote Sprache über alle Gymnasien hinweg noch relativ stabil die drittstärkste Fremdsprache. Grund dafür sind natürlich nicht vorrangig die Schülerinnen mit Migrationshintergrund, da diese generell seltener ein Gymnasium besuchen und damit auch seltener Latein wählen. Latein wird zu etwa 80 Prozent an Gymnasien unterrichtet, sagt Kipf.   

Fördert Latein logisches Denken?

Der Soziologe Jürgen Gerhards von der Freien Universität Berlin begründet die Beliebtheit von Latein mit dem verbreiteten Irrglauben bildungsbeflissener Eltern: Er und seine Kollegen haben über 600 Eltern befragt und erfahren, dass die Mehrheit überzeugt davon war, dass die die Latein gelernt haben, logischer denken, besser andere Sprachen lernen können und insgesamt gebildeter sind. Dieser Mythos klebe am Lateinunterricht wie ein Kaugummi am Revers, kritisiert auch Kipf. Immer wieder warne er seine Kollegen: Werbt nicht mit diesen Argumenten.

In einer noch unveröffentlichten Studie zeigen Gerhards und Kollegen, dass es tatsächlich vor allem Eltern aus dem Bildungsbürgertum sind, die ihren Kindern durch die Wahl von Latein und den Besuch eines altsprachlichen Gymnasiums einen symbolischen Vorteil verschaffen wollen. Im Rahmen einer anderen Studie verschickte Tim Sawert, ein Doktorand von Gerhards, fingierte Bewerbungen auf ausgewählte Stellenausschreibungen. Manche der fiktiven Bewerber konnten Latein im Abschlusszeugnis vorweisen, andere nur eine moderne Fremdsprache. Das Ergebnis: Die Bewerber mit Lateinkenntnissen wurden bei sonst gleichem Profil häufiger zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Repräsentativ sind diese Ergebnisse allerdings nicht. 

Auch wenn seine Studienergebnisse eine allzu große Euphorie rund um den Nutzen von Latein eher schmälern: Gerhards selbst kann noch heute Verse des Goldenen Zeitalters aus Ovids Metamorphosen rezitieren und erzählt, er habe das Fach als Schüler geliebt, wahrscheinlich weil das strukturierte Arbeiten zu ihm passte. Er wolle gar nicht dazu aufrufen, es abzuschaffen, nur dazu beitragen, dass sich Eltern und Schülerinnen und Schülern darüber bewusst werden, warum sie sich für Latein oder dagegen entscheiden. Auch Arbeitgeber sollten nicht einem Mythos anhängen.

Aber es gibt noch etwas, das Latein selbst in den Augen von Skeptikern durchaus wertvoll macht: Die Langsamkeit des Fachs. All die G8-Schülerinnen und Schüler, die ihren Stoff in acht statt in neun Jahren eilig lernen und oft schnell wieder vergessen, sind im Lateinunterricht gezwungen, die Geschwindigkeit herunterzufahren. Wenn es nötig ist, kann es auch mal eine Doppelstunde dauern, um einen Satz oder Absatz wirklich zu verstehen – wo sonst können, dürfen sie sich so intensiv auf ein Sujet einlassen? Überdies sprechen Lateinlehrer mit ihren Schülern über Götter, Kunst und Geschichte und erweitern so ihren Horizont. Dieses Wissen muss gerade nicht konkret verwertet werden. Fächer wie Englisch oder Spanisch müssten gesellschaftlichen Erwartungen gerecht werden, etwa dass die Kinder fit für die Wirtschaft gemacht werden sollen. "Dass dieser Modernitätsdruck wegfällt, ist wirklich ein Vorteil", sagt Kipf.

Engagierte Lehrer, intensive Sprachförderung und vor allem die Langsamkeit – das sind die guten Argumente für den Lateinunterricht. Sie sind allerdings auch ein wenig traurig: Vielleicht ist gelungener Lateinunterricht vor allem eine Mahnung, den Schülerinnen und Schülern in allen Fächern mehr Zeit und mehr Unterstützung zu geben.