Im vergangenen Jahr feierten die Waldorfschulen ihr 100-jähriges Bestehen. Viel hat sich verändert seit der Gründung der ersten Schule in Stuttgart, doch eine Eigenschaft scheinen sie nicht loszuwerden: Waldorfschulen haben eine sehr homogene Schülerinnenschaft, es fehlt ihnen an Diversität. Nicht nur in Deutschland. Die Afroamerikanerin Monique Brinson (49) leitet die erste interkulturelle Waldorfschule in Oakland im US-Bundesstaat Kalifornien.

ZEIT ONLINE: Frau Brinson, Sie sind seit mehr als 25 Jahren in der Waldorfgemeinschaft unterwegs. Wie viel Vielfalt erleben Sie da?

Monique Brinson: Als Afroamerikanerin in einer Führungsposition bin ich im Waldorfkontext eine klare Minderheit. Das ist tragisch, gerade weil wir in unserer Bewegung so viel über Integration und Vielfalt sprechen. Es gibt viele ernst gemeinte Versuche, die Situation zu verbessern. Aber die bleiben oft auf der theoretischen Ebene. 

ZEIT ONLINE: Sind diese Versuche neu?

Brinson: Nein, Vielfalt gehört zu den grundlegenden Werten der ersten Waldorfschule, die 1919 in Stuttgart gegründet wurde. Damals wollte man sozioökonomische Grenzen aufheben, indem man die Kinder von Arbeitern der Waldorf-Astoria Tabak-Fabrik gemeinsam mit den Kindern der Chefs unterrichtete. Es ging um radikale Ideen für eine neue Pädagogik: Die Lehrerinnen und Lehrer wollten die Einzigartigkeit jedes Kindes fördern und Schule als ganzheitliche Ausbildung verstehen. 

Aber wenn man sich heute die Waldorf-Gemeinden anschaut, sieht man, dass die Familien weder sozioökonomisch noch in Bezug auf ihre Diversität gemischt sind. People of Color sind selten und die wenigen, die es gibt, kommen aus der Mittelschicht. Eigentlich aber denken wir in der Gründungsphilosophie der Waldorfpädagogik, der Anthroposophie, global und schichtübergreifend.

Monique Brinson © Privat

ZEIT ONLINE: Was ist zwischen 1919 und heute schiefgegangen?

Brinson: Der Missstand hat viel mit Bequemlichkeit und Tradition zu tun. Theoretisch wollen privilegierte Menschen Machtstrukturen infrage stellen, aber in Wirklichkeit ist es nun mal unbequem, wenn man Macht teilen soll. Menschen bleiben lieber in den Strukturen, die für sie angenehm sind und ihr Milieu nicht gefährden.  

ZEIT ONLINE: Was machen Sie und Ihre Schule anders als andere?

Brinson: Unsere Schülerinnen und Lehrerinnen spiegeln die soziale Zusammensetzung der unmittelbaren Umgebung der Schule in Oakland in Kalifornien wieder: Unsere Schülerschaft besteht zu 50 Prozent aus Latinos, zu 25 Prozent sind es Afroamerikaner, 13 Prozent sind asiatisch oder asiatisch-amerikanisch oder von den Inseln im Pazifik, sechs Prozent sind multiethnisch und drei Prozent euroamerikanisch – insgesamt sind 97 Prozent der 273 Schüler und Schülerinnen divers. Das Gleiche gilt für die Lehrenden und Angestellten. Außerdem nehmen wir keine Schulgebühren und versuchen, die Nachbarschaft in die Schule einzubinden. Ich halte unsere Arbeit für richtungsweisend für die Waldorfschulen.

ZEIT ONLINE: Im vergangenen September gab es eine große Feier in Berlin anlässlich des Waldorfjubiläums, auf der Sie eine eindringliche Rede über Diversität und Rassismus gehalten haben. Der größte Teil des Publikums war weiß.

Brinson: Mich als Afroamerikanerin in einem Meer von weißen Menschen zu bewegen, das gehört zu meinem Alltag. Das zieht sich von meiner Jugend bis ins Erwachsenenalter durch, besonders wenn es um Führung und Macht geht. Allerdings ist das nicht waldorfspezifisch. Überraschenderweise fühle ich mich in solchen Räumen wohl, das geht vielen People of Color so.  

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Brinson: Ich glaube, man gewöhnt sich als Person of Color in einer weißen Mehrheitsgesellschaft an das Othering, um zu überleben. Wir lernen von klein auf zu koexistieren und uns entsprechend der Normen und Vorstellungen der dominanten Kultur zu verhalten. Überwiegend ist das Gesicht der Waldorfbewegung white, wealthy – and weird (weiß, wohlhabend – und seltsam). Aber um das zu ändern, bin ich da. Meine Mentorin, die Waldorfpädagogin Ida Oberman, hat mich von Anfang an bewusst in diese Umgebung eingeführt, damit sie diverser wird. Sie ist meine Verbündete. Für People of Color wird es leichter, in weiße soziale Räume vorzudringen, wenn sie eine Verbündete haben.

ZEIT ONLINE: Wie läuft die Zusammenarbeit mit den deutschen Waldorfeinrichtungen?

Brinson: Ich bewundere an den Deutschen, wie sensibel sie mit Problemen umgehen. Es gibt ein Bewusstsein für die historischen Fehler und den Willen zu Verbesserung. Was ich allerdings nicht immer spüre, ist Lust auf Veränderung.

ZEIT ONLINE: Hat die Jubiläumsfeier, wo so viele Menschen aus verschiedenen Kontexten zusammenkamen, etwas verändert?

Brinson: Ja. Wenn ich unterwegs bin, werde ich oft wegen meines Auftritts in einem Film zum Jubiläum von Waldorf erkannt und willkommen geheißen. Ich glaube, ohne diesen Auftritt würde ich ignoriert werden. Viele gehen beim ersten Treffen davon aus, dass ich bestenfalls Lehrerin bin. Wenn ich dann aber sage, dass ich Schulleiterin bin, sagen sie: Oh, das ist aber toll! Diese Verwirrung ist ein Indikator dafür, dass es stereotype Vorstellungen davon gibt, wie eine Person in einer Führungsposition auszusehen hat.   

ZEIT ONLINE: Welche Klischees existieren über People of Color?

Brinson: Dass sie emotional sind, zornig, nicht unbedingt fähig, zu führen. Deswegen stellen People of Color in Führungspositionen ihre Entscheidungen dauernd infrage – das ist zumindest meine Einschätzung. Selbst wenn es quantitative und qualitative Belege für die Richtigkeit einer Entscheidung gibt. Wir müssen oft beweisen, dass wir richtig denken.

Aber auch damit macht man es nicht automatisch richtig, denn wenn man sich zu korrekt verhält, gilt man als zu angepasst. Wie Führung richtig auszusehen hat, ist vor allem von westlich hegemonialen männlichen Bildern geprägt. Das ist nicht so leicht zu entzaubern. Als Konsequenz entwickelt man als Person of Color im Laufe der Zeit eine dicke Haut.