Speed für Waldorfschüler. Mit diesem Spruch warb die Getränkemarke Fritz Kola in diesem Jahr auf großen Werbetafeln für ihre koffeinhaltige Limonade. Sie spielte mit dem Klischee des allzu entspannten Schülers, der an der Waldorfschule vor sich hin bastelt. Der Träumer, der wohl mal einen kräftigen Schluck Kola bräuchte, um so richtig in Fahrt zu kommen.

Ja, Waldorfschülerinnen und -schüler haben mehr Zeit zum Träumen. Sie basteln tatsächlich viel, haben Zeit, ihren Namen zu tanzen (tun sie tatsächlich), und beschäftigten sich mit einigen Inhalten erst später als Schülerinnen und Schüler einer Regelschule. Nur ist das kein Nachteil. Als ehemaliger Waldorfschüler halte ich es für die große Stärke der viel gescholtenen Waldorfschulen, wie sie den Druck rausnehmen. Trotzdem ist dies kein Aufruf an Eltern, ihre Kinder alle an die Waldorfschule zu schicken. Nein, das staatliche Bildungssystem sollte von ihnen lernen.

Seit der Gründung der ersten Schule vor 100 Jahren ist die Zahl der Waldorfschulen in Deutschland auf 249 gestiegen. Sie unterrichten heute knapp 88.000 Schülerinnen und Schüler. Oft bekommen Eltern kaum einen Platz für ihr Kind – selbst an jungen Waldorfschulen in Ostdeutschland. Und einer Studie aus dem Jahr 2012 zufolge sind Waldorfschülerinnen und -schüler entspannter als die anderen: Nach einer Befragung von etwa 800 Jungen und Mädchen bescheinigten die Forscherinnen und Forscher Waldorfschülerinnen und -schülern größere Lernfreude, höheres Selbstbewusstsein, weniger Schulstress und geringere Probleme mit Schlafstörungen oder Schulangst.

Der Waldorf-Trick

Wie das gelingt? Die Gründe sind unter anderem: weniger Druck, mehr Wertschätzung, großer Zusammenhalt. Waldorfschülerinnen und -schüler können nicht sitzenbleiben, bekommen erst in der Oberstufe Noten, machen immer noch erst in der 13. Klasse Abitur – der Druck wird also langsamer aufgebaut. Ich habe damit jedenfalls gelernt, dass ich ohne den ständigen Vergleich mit anderen besser entdecken kann, was ich wirklich gut kann. Und dass nicht alles davon abhängt, wenn ich etwas nicht perfekt beherrsche. Eine Statistikklausur etwa hat mich später im Studium nicht allzu sehr unter Druck gesetzt. Bestanden hab ich trotzdem.

Waldorflehrerinnen und -lehrer versuchen nämlich, alle Talente gleichermaßen zu würdigen. Mathe ist nicht zwangsläufig wichtiger als Werken. Für einen Stuhl, den ich im zehnten Schuljahr im Handwerksunterricht baute und auf dem ich anschließend im Unterricht sitzen sollte, erhielt ich ähnlich viel Anerkennung wie für eine Bestnote in Geschichte. Als ich im obligatorischen Sozialpraktikum mehrere Wochen mit behinderten Menschen zusammenlebte und in Werkstätten arbeitete, fühlte sich das mindestens genauso bedeutsam an wie ein guter Aufsatz im Deutschunterricht. Die Inszenierung des Theaterstücks Einer flog über das Kuckucksnest in der zwölften Klasse, bei der ich Regie führte, war für mich damals der größte schulische Erfolg.

Auch der starke Zusammenhalt trägt bei zur größeren Gelassenheit. Klar, auch an Regelschulen ist nicht nur miese Stimmung. Aber an der Waldorfschule verbrachte ich fast die gesamte Schulzeit mit denselben Schulfreundinnen und -freunden in einer Klasse. Bei den Proben für die Theaterstücke, im Feldmess- oder Landwirtschaftspraktikum beispielsweise arbeiteten wir über mehrere Wochen an gemeinsamen Projekten, was uns eng zusammenbrachte. Ohne Noten haben wir uns seltener miteinander verglichen, der Konkurrenzdruck war geringer. Auch bei uns gab es Außenseiter und Mobbing. Aber Fragen wie, wer das neuste Handy und wer die teuersten Klamotten hat, spielten eine geringere Rolle, da sich die meisten Eltern und Lehrerinnen und Lehrer einig waren, den Konsumwünschen der Kinder erst so spät wie möglich nachzugeben. 

Meiner Erfahrung nach ist an Waldorfschulen die Beziehung zwischen Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrerinnen und Lehrern oft besser, weil es eben nicht nur um Leistung und Noten geht. Als Waldorfschüler hatte ich über viele Jahre dieselbe Klassenlehrerin, die sich in dieser Zeit zu einer Verbündeten entwickelte.