Die letzte Stunde vor den Sommerferien sollte lustig werden. Holger Kemmerzell hatte Tabu mitgebracht, das Ratespiel, bei dem einer Begriffe beschreibt und die anderen sie erraten. Die Stimmung in der Klasse beschreibt der Berufsschullehrer rückblickend als fröhlich, sich selbst als entspannt und gut gelaunt. Bis er hört, wie ein Schüler den Begriff Baracke beschreibt. "Dort, wo die Juden wohnen", habe der etwa 20-Jährige zu seinen Mitschülern gesagt, erinnert sich Kemmerzell an die Situation. Und an den darauffolgenden Schreck: "Ich bin zusammengezuckt und konnte erst mal gar nichts sagen", sagt er.

74 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind solch antisemitische Äußerungen in deutschen Klassenzimmern alltäglich. In jeder Art von Schule treten sie auf. Zu diesem Ergebnis kommt die Soziologin Julia Bernstein von der Frankfurt University of Applied Sciences, die mit einem Team von Forschern 170 Schülerinnen, Lehrer und Sozialarbeiter aus allen Bundesländern befragte.

Die Studie erfasst systematisch die antisemitische Diskriminierung an Grund- und weiterführenden Schulen. Schon im Oktober hat eine Umfrage im Auftrag des Jüdischen Weltkongresses (WJC) ein ähnliches Ergebnis ergeben: Bildung schützt vor Antisemitismus nicht. Judenfeindliche Einstellungen sind in allen Bevölkerungsgruppen verbreitet.

Wie ist das möglich? Wo die Deutschen ihre NS-Vergangenheit doch intensiv aufgearbeitet, unzählige Filme gedreht und wissenschaftliche Beiträge erstellt haben?

Manfred Levy, der pädagogische Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt, erklärt es so: "Deutschland hat sich nicht entnazifiziert, sondern den Nationalsozialismus wissenschaftlich erfolgreich erforscht." Die Forscherin Julia Bernstein beobachtete, dass das Wissen darum nur langsam in die praktische Arbeit an Hochschulen und Universitäten einsickert. Bis eigene Bildungsprojekte für angehende Lehrkräfte, etwa Vorlesungen und Seminare, daraus erwachsen, dauert es. Die Folge: Lehrer haben Wissenslücken.

In einem Klassenraum der Martin-Behaim-Schule in Darmstadt sitzen 15 Lehrerinnen und Lehrer im Stuhlkreis. Sie sind Teilnehmer eines Seminars zum Thema Antisemitismus. Im Alltag unterrichten sie Deutsch, Ethik oder Politik an einer Berufsschule. Vor ihnen sitzen dann Schülerinnen und Schüler, die zur Industriekauffrau oder zum Touristikkaufmann ausgebildet werden. Im Unterricht sind sie immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert – in verschiedenen Formen. Etwa mit Hakenkreuzen, die jemand in Bücher kritzelt, Hitlergrüße und Sprüche wie "Bis zum Vergasen" – all solche Bezüge zum Nationalsozialismus hat die Forscherin Julia Bernstein in ihren Interviews an Schulen identifiziert. Besonders beliebt ist unter Jugendlichen "Du Jude!" – als Schimpfwort, wenn jemand Mist gebaut oder beim Spielen den Ball nicht gefangen hat. 

Dagegen nicht gewappnet

Politiklehrer Holger Kemmerzell sieht sich mit dem Stereotyp des "reichen Juden" konfrontiert, Deutschlehrerin Heike Gärtner, die ihren tatsächlichen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen will, äußert sich schockiert über Schüler, die zu ihr sagen: "Warum soll ich mich für das verantwortlich fühlen, was im Nationalsozialismus geschehen ist?"  

Die Seminarteilnehmer in dem Stuhlkreis fühlen sich dagegen nicht gewappnet. Deshalb sind Oliver Fassing und Tami Rickert von der Bildungsstätte Anne Frank aus Frankfurt da. Mehrmals pro Monat schulen die beiden hessische Lehrerinnen und Lehrer im Umgang mit Antisemitismus. Als eine von mehreren Bildungseinrichtungen in Hessen bietet die Bildungsstätte Anne Frank solche Workshops an. Die Zahl der Anfragen stieg zuletzt, wie Fassing und Rickert schildern. Ob das auf den Anschlag in Halle zurückzuführen ist, es an der Werbung des hessischen Bildungsministeriums liegt oder andere Gründe hat, darüber können die Berater nur spekulieren.