Lassen Sie mich durch, ich habe Schulkinder! – Seite 1

In der Frühe um 7.31 Uhr stehen wir ewig im dichten Berufsverkehr Berlins. Auf der Rückbank wird lautstark gestritten. Der Sohn schlägt die Tochter, die zieht ihn am Ohr. Außerdem hat er eine dieser Fruchtquetschtüten in der Hand. Vor meinem geistigen Auge sehe ich den Fruchtmatsch von der Decke tropfen. "Die Brotdosen erst in der Schule auspacken. Mama muss sich auf die Straße konzentrieren." Es hilft nichts. Die beiden sind ohne Erbarmen. Die Ampelschaltung scheint festzuhängen. Selbst die Tram kommt nicht voran. Im Morgengrauen nur rote Rücklichter. Vor der Schule meiner beiden Kinder ist es dann am schlimmsten. Mindestens 500 Meter Rückstau, weil gerade Bringzeit ist. Dann endlich. Alles dabei, ein Kuss, bis heute Abend. Das morgendliche Elterntaxi, es ist die Hölle. Aber besser als alles andere.

Ja, richtig, ich gehöre zu den Müttern, die täglich Elterntaxis fahren. Ein Aufregerthema, seit Jahren in den Medien. Schuldirektoren appellieren an die Eltern – ob in Groß- oder Kleinstädten –, ihren Nachwuchs nicht mit dem Auto am Schultor persönlich abzusetzen. Gemeinderäte und Bezirksverantwortliche versuchen, per Schreiben an die Schulen und Elternvertretungen den fahrenden Erziehungsberechtigten Einhalt zu gebieten. Ordnungsämter verteilen Strafzettel, die Polizei führt Kontrollen durch – ganz so, als gäbe es in der Stadt keine Verbrechen und Ordnungswidrigkeiten, die ihre Kapazitäten beanspruchen könnten.

Ich vertraue den anderen nicht

Die sogenannte Kiss-and-go-Zone sei gefährlich für andere zu Fuß laufende Kinder, beklagen Elternsprecher, als wenn ausgerechnet andere Eltern aggressive Raser wären. Laut Mobilitätsstudie kommt mittlerweile ein Drittel aller Schulkinder mit dem Auto zur Schule. In einer ADAC-Befragung geben die Eltern an, der Schulweg sei zu gefährlich, die Angst, dass ihre Kinder von Fremden angesprochen würden, sei groß, oder, dass Autofahren zur Schule eben praktisch sei.

Ich fahre meine Kinder trotzdem. Ich will nicht, dass sie in der ersten und zweiten Klasse gerade im Winter den Weg allein zurücklegen. Auch ist der Schulweg, vor allem in Großstädten wie Berlin, in der Tat zu gefährlich. Angefangen von der vierspurigen Straße vor der Schule, mehrere sehr chaotischer Verkehrskreuzungen, Ampelschaltungen mit unlogischen, zu kurzen Grünphasen – selbst Erwachsene schaffen es an manchen Überquerungen mit drei Ampeln im Stechschritt nicht vor der letzten Rotphase über die Straße. Ich vertraue meinen Kindern. Wem ich nicht vertraue, sind die anderen Menschen. Was mich zum letzten Grund führt: Ja, es ist in der Tat praktisch.

Aber nicht etwa in dem Sinne "praktisch", wie es der alleinstehende Manager an der Ampel vor mir empfindet, wenn er die Kiste Gewürztraminer, seine Pfandflaschen und sein DHL-Paket morgens in seinen Smart packen und zur Arbeit fahren kann. Wie Politiker oder Vorstände börsennotierter Unternehmen ganz selbstverständlich solo den privaten Fahrdienstleister des Unternehmens in Anspruch nehmen.

Nein, es ist praktisch in dem Sinne, als ich morgens zwei Kinder anziehe, frühstücke und fertigmache, bald auch das Baby (ich bin im siebten Monat schwanger) in die Tagespflege bringe, danach gleich zur Arbeit weiterfahre, um auf dem Weg demnächst den Kinderwagen aus dem Kofferraum zu holen, kurz noch 80 Brezeln und 800 Ballons für das Schulbuffet am Nachmittag im Rewe kaufe, einen Mantel aus der Reinigung hole und dann nach acht Stunden Büro noch für den Rückweg das Ballettzeug der Tochter und den Tennisschläger auf dem Rücksitz verstauen kann.

Es ist die Quadratur des Kreises

Ich bin ein gelebtes Elterntaxi. Viele äußere Umstände wie Timing, Vereinbarkeit und Anforderungen vonseiten der Schulen an die Eltern zwingen mich dazu, es zu sein. Sicher könnte ich mir auch einen großen Rucksack umschnallen oder gleich mit einem Bollerwagen randvoll mit Rucksäcken, Essen und meiner Laptoptasche bei Wind und Wetter in die öffentlichen Verkehrsmittel steigen – und mein Pech, wenn der Busfahrer mich wegen Überfüllung nicht mitnimmt. Meine Kollegen im Büro würden mich vermutlich als Sonderling auslachen, fraglich auch, ob ich bei Schneematsch oder dank der körperlichen Anstrengung (nicht alle U-Bahnhöfe in Berlin haben Aufzüge) den Dresscode im Büro einhalten würde.

Ja, könnten jetzt böse Stimmen behaupten, es ist alles eben eine Frage der O-R-G-A-N-I-S-A-T-I-O-N. Und ich gebe ihnen recht, vieles wäre ohne Doppelbelastung (Beruf, Erziehung und Haushalt) auch ohne Auto möglich. Ich könnte morgens meine Kinder mit einem Lastenfahrrad fahren, auf dem Rückweg die Einkäufe machen, noch mal nach Hause, kochen und in aller Ruhe gegen 14 Uhr wieder los und gut gelaunt die Nachmittagsaktivitäten der Kinder abfahren. In Zeiten, in denen jede zweite Frau mit Kindern unter drei Jahren mindestens Teilzeit, wenn nicht 80 Prozent arbeitet, ist diese Realität der schönen Rama-Familie, in der Mutti mittags kocht, jedoch nicht mehr abzubilden. 

Erstens, weil gerade Eltern in Zeiten steigender Mieten und Grundstückspreise auf diese Doppel- oder auch Alleinverdienerschaft in Vollzeitjobs angewiesen sind, zweitens, weil längst nicht mehr jedes Kind einen Platz an der staatlichen Regelschule seiner Wahl bekommt. Die Folge: längere Schulwege für Grundschüler, mehr Elterntaxis – es ist die Quadratur des Kreises.

Warum gibt es kaum Schulbusse?

Und vor allem kein von Eltern, sondern von den Kommunen gemachtes Problem. Es wäre sicherlich sinnvoller von den Bezirken, nach alternativen Lösungen zu suchen, als ausgerechnet Eltern, die immer Leistungsträger (Frühaufsteher, Versorger, oft sozial engagiert) sind und eine tägliche Doppelbelastung aushalten, an den Pranger zu stellen. Mehr Parkplätze, mehr Schülerlotsen und Verkehrspolizisten in den frühen Morgenstunden würden das Sicherheitsgefühl von Eltern verstärken, sogar ein Schulbussystem wie in vielen europäischen Ländern wäre denkbar. Auch sollte der Großteil der Nachmittagsaktivitäten nicht außerschulisch von den Eltern organisiert werden müssen, was automatisch für mehr soziale Teilhabe bei einkommensschwächeren Familien führen würde.

Immerhin, auch ich habe ein Einsehen, nicht aber, weil die Aufklärungsgespräche der Schule oder des Bezirks bei mir Wirkung gezeigt hätten, sondern weil mein Sohn es so will. Ich lasse ihn seit ein paar Wochen etwa 200 Meter vor der Schule raus, sodass er das letzte Stück mit seinen Kumpels allein gehen kann. Aber die Eltern der neuen Erstklässler kommen bestimmt – und das mit dem Auto.