Mansur Seddiqzai arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium im Ruhrgebiet. Seddiqzai, selbst Kind afghanischer Einwanderer, berichtet auf ZEIT ONLINE immer wieder über seine Erfahrungen an der Schule. Seine Schwerpunktthemen sind Migration und soziale Benachteiligung.

An meiner Schule sind die deutschen Kinder in der Minderheit: Beinahe 100 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund, die meisten sind Muslime. Selbst die blauäugigen Kinder haben häufig Verwandte in Albanien, Serbien oder Polen.

Deshalb treffe ich mich mit Chantal, Ilyas, Sarah und Saskia. Sie gelten als die Almans, die Deutschen. Die vier Oberstufenschüler stehen gerne beieinander, oft getrennt von der Mehrheit. Sie fallen auf, weil sie hellhäutig sind und blonde oder hellbraune Haare haben.

"Wenn auf dem Pausenhof Türkisch und Arabisch gesprochen wird, fühle ich mich manchmal außen vor", erzählt die groß gewachsene blonde Chantal. Selbst wenn die Mitschülerinnen auf Deutsch über türkische Hochzeiten, libanesisches Essen oder Stress mit der arabischen Großfamilie reden, hieße es manchmal: "Du kannst das nicht verstehen, du bist eine Deutsche", sagt sie.

Von knapp 800 Schülerinnen und Schülern an unserer Schule haben nur 13 einen deutschen Hintergrund. Chantal und Saskia, beide 18 Jahre alt, gehören dazu. Die 17-jährige Sarah hat eine deutsche Mutter, ihr Vater stammt aus Marokko. Ilyas hat algerische und polnische Wurzeln. Er ist ein gläubiger Muslim, wegen seiner hellbraunen Locken und der akzentfreien Sprache wird der 18-Jährige trotzdem Alman genannt.   

Hätte mir vor 30 Jahren jemand erzählt, dass Deutsche an einem Gymnasium zur Minderheit würden, ich hätte es nicht geglaubt. In meiner Schulzeit in den Neunzigerjahren war es für Menschen wie mich normal, zu einer sehr kleinen Gruppe zu gehören, vor allem am Gymnasium. Mit meinen deutschen Mitschülern hatte ich kaum Kontakt. Machen Saskia, Ilyas, Chantal und Sarah ähnliche Erfahrungen wie ich damals? Als anders aussehender Schüler fühlte ich mich oft an den Rand gedrängt, galt schnell als Störenfried, bei Lehrern wie Schülern. Empfinden sie es als verletzend, Alman genannt zu werden?

Deutschsein hat "diesen Tupperdosencharakter"

Die 18-jährige Saskia, die in einer Großfamilie mit sechs Geschwistern aufwächst, nimmt es eher gelassen: "Ich bezeichne mich manchmal selbst auf ironische Weise so." Deutschsein habe nun mal "diesen Tupperdosencharakter", sagt sie. Sie erklären mir, dass ein Alman für ihre Mitschüler zunächst einmal jemand ist, der oder die sich an Regeln hält, nach einem strikten Zeitplan lebt, immer die Hausaufgaben macht, nicht die Schule schwänzt. Alman bezeichnet also erst einmal das Gegenteil von Coolness und Lockerheit. 

Meistens erleben die vier das Wort aber nicht als Beleidigung. Vielleicht auch, weil sie gar nicht als uncool gelten. Sarah und Ilyas etwa hören wie ihre Mitschüler Apache 207, einen Rapper aus Ludwigshafen am Rhein mit türkischer Familie, der zurzeit bei Jugendlichen alle Rekorde bricht. Die vier Jugendlichen tragen Jeans und Sneakers wie alle anderen, und sie gehen gemeinsam feiern.

Chantal, Ilyas, Sarah und Saskia © privat

Allerdings ist auch etwas dran am Klischee. Chantal, Ilyas, Sarah und Saskia machen tatsächlich ihre Hausaufgaben und kommen pünktlich zur Schule. Sie sind ehrgeizig, haben gute Noten und vor allem glauben sie, dass sie auch nach dem Abitur erfolgreich sein werden. Chantal will Informatik studieren, Sarah möglicherweise Jura.

Dieses Selbstbewusstsein fehlt sogar den ehrgeizigen Schülern mit sichtbarem Migrationshintergrund manchmal. In ihren Augen haben die Almans mehr Chancen, rauszukommen aus dem Viertel mit dem schlechten Ruf. Wer Chantal, Saskia oder Sarah heißt, müsse es leichter haben im Studium und auf dem Arbeitsmarkt, denken sie. Viele meiner migrantischen Schüler haben die Angst, diskriminiert zu werden, schon verinnerlicht – sie haben viele solche Geschichten von ihren Geschwistern und Eltern gehört. "Du bist wie eine Deutsche!" wird dann zum Vorwurf, nicht loyal zu sein, sich abzuwenden. So wird Saskia an unserer Schule auch mal Gucci-Tante genannt, Sarah als Staatsanwältin bezeichnet. Sie erhebe sich angeblich schon jetzt über die anderen.

Und manchmal haben die Almans bei den Lehrern tatsächlich eine Art Deutschenbonus. Sarah erzählt von einem Lehrer, der sie immer Sandra nannte und sie grundsätzlich besser benotete als die anderen, selbst wenn sie es nicht verdient hatte. "Irgendwie repräsentieren wir das Deutsche und deswegen hat man dann vielleicht auch eine Ausnahmestellung bei den Lehrern", bestätigt Chantal, die in einer multikulturellen Patchwork-Familie aufwächst. Ihr Stiefvater ist Inder. So entsteht bei den anderen der Eindruck: Alman-Lehrer mögen die Alman-Schüler lieber.