Deutschlands Schülerinnen und Schüler haben sich jahrelang in den Pisa-Studien verbessert, nun sinken die Leistungen wieder. Zwei Bildungsforscher streiten darüber, wie dramatisch die Entwicklung ist: Kristina Reiss ist Mathematikdidaktikerin und Dekanin der School of Education an der TU München. Sie leitet den deutschen Teil der Pisa-Studie. Olaf Köller ist Professor für Erziehungswissenschaften und Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des Leibnitz-Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN).

ZEIT ONLINE: Sie haben gerade die siebte Pisa-Studie vorgelegt. Konnte Sie noch etwas überraschen?

Kristina Reiss: Mich hat wirklich überrascht, dass weltweit, auch in Deutschland, die Freude am Lesen abnimmt. Damit habe ich nicht gerechnet und das bedrückt mich.

Olaf Köller: Überrascht hat mich, wie deutlich die Leistungen der deutschen Schülerinnen und Schüler durchgängig gesunken sind. Seit dem Pisa-Schock sind sie stetig besser geworden, vor drei Jahren stagnierten sie, nun wird es wieder ungemütlich.

Reiss: Ich sehe das nicht so negativ. Im Jahr 2000 lagen die deutschen 15-Jährigen im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften unter dem OECD-Durchschnitt, jetzt liegen sie zum wiederholten Mal in allen Bereichen über dem Durchschnitt. Wenn man bedenkt, dass der Anteil der Schüler mit Zuwanderungshintergrund deutlich gewachsen ist, von 22 Prozent im Jahr 2000 auf nun 36 Prozent, dann ist das Ergebnis als Erfolg zu werten.

ZEIT ONLINE:  Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Reiss: Weil Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund es wegen ihrer sozialen und sprachlichen Herkunft schwerer haben und im Durchschnitt deutlich schlechtere Leistungen zeigen als ihre Altersgenossen ohne Zuwanderungshintergrund. Angesichts dieser demografischen Entwicklung war es zu erwarten, dass das Schulsystem unter Druck gerät. Da bin ich mit den Ergebnissen ganz zufrieden.

Köller: Ich sehe eher Anlass für Alarm. Die sogenannte Risikogruppe, also 15-Jährige, die nicht richtig schreiben und rechnen können, ist mit 21 Prozent wieder fast so groß wie beim Pisa-Schock vor zwei Jahrzehnten. In den nicht gymnasialen Schulen liegt ihr Anteil je nach Bundesland sogar bei 30, 40 oder sogar 50 Prozent. Das heißt: Jeder zweite Schüler verfügt nicht einmal über die Basisfähigkeiten für jedes schulische Lernen. Das ist dramatisch.

Reiss: Das ist aber kein rein deutsches Problem, auch unsere Nachbarn, die Schweiz, die Benelux-Staaten und sogar das ehemalige Vorzeigeland Finnland sind unter Druck geraten.

ZEIT ONLINE: Machen sich hier die vielen Flüchtlinge bemerkbar?

Reiss: Nein, Flüchtlinge machen nur einen sehr kleinen Teil der Zuwanderer aus. Die fallen bei der Pisa-Studie kaum ins Gewicht.

Köller: Die größte Gruppe sind die Kinder von Migranten, die ihre Schullaufbahn in Deutschland absolviert haben, die sogenannte zweite Generation. Zuwandererfamilien haben mehr Kinder als deutschstämmige Familien. Deshalb wächst der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund. Ihre Leistungen sind nicht schlechter geworden, aber sie sind einfach mehr geworden.

Reiss: Hinzu kommt, dass der Anteil der Zuwandererfamilien, die zu Hause Deutsch sprechen, kleiner geworden ist. Auch das wirkt sich negativ auf die Leistungen aus.

ZEIT ONLINE: Die Hoffnungen, dass sich die Migranten Stück für Stück in Deutschland assimilieren, haben sich also nicht erfüllt.

Reiss: Von den Migranten kann man gar nicht sprechen. Denn mittlerweile ist diese Gruppe unglaublich heterogen. Früher stammten die Kinder überwiegend aus Zuwandererfamilien aus der Türkei, Polen und der ehemaligen Sowjetunion. Diese Schüler sind immer noch stark vertreten, aber jetzt sind andere Herkunftsländer dazugekommen, eine bunte Mischung von Kindern aus Syrien, dem Kosovo, Rumänien, Kroatien und vielen anderen Staaten. Und noch etwas ist zu bedenken: Deutschland hat im europäischen Vergleich eher sozioökonomisch schwache Zuwanderer. Auch das drückt auf die Schülerleistungen.

ZEIT ONLINE:  Also doch eher negative Nachrichten?

Reiss: Nein, es gibt auch einiges Positives. Zum Beispiel, dass die Arbeiterkinder im Vergleich zu 2000 ihre Leistungen insgesamt steigern konnten. Zudem ist die Zahl guter Leser deutlich gestiegen. In den höchsten Kompetenzstufen landen jetzt 11 Prozent der deutschen 15-Jährigen, deutlich mehr als im OECD-Durchschnitt.

ZEIT ONLINE:  Sind die schlechteren Pisa-Ergebnisse also der wachsenden Zahl von Einwandererkindern geschuldet?

Köller: Ich würde es anders formulieren: Wir können deutlich bessere Pisa-Ergebnisse erzielen, wenn wir die Deutschkenntnisse der Kinder mit Migrationshintergrund hartnäckig und systematisch verbessern.

Reiss: Das sehe ich genauso: Deutsch ist der Schlüssel, das kann man gar nicht oft genug sagen. Wenn sie über gute Deutschkenntnisse verfügen, erbringen Zuwandererkinder gute und sehr gute Leistungen. So finden wir in der Pisa-Spitzengruppe der sehr guten Leser auch 15-Jährige, deren Eltern eingewandert sind.

Köller: Das Potenzial ist da: Heute schaffen es zum Beispiel deutlich mehr türkischstämmige Jugendliche aufs Gymnasium und auf die Universität als noch vor 20 Jahren.